Eigene Visionen gegen kollektive Extreme

Warum es wichtig ist, zwischen Retrotopia und Technotopia seinen eigenen Weg zu finden. – Ein Kommentar von Harry Gatterer

Foto: unsplash.com, Rioji Iwata

Wir leben in einer Zeit, in der es uns schwerfällt, konstruktiv in die Zukunft zu denken. Es herrscht Unsicherheit und sie greift global um sich – sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik. Einer der Gründe für die wachsende Unsicherheit: Unserem Zukunftsdenken fehlt es an Individualität. Besonders augenfällig wird das in Organisationen und Unternehmen. Anstatt eigene Zukunftsszenarien zu entwerfen, lassen sich viele von kollektiven Visionen in den Bann ziehen. Es sind extreme Zukunftsbilder. Sie werden in den Medien dauernd wiederholt – das verstärkt sie und bewirkt, dass sie sich weiter polarisieren, ja fast schon radikalisieren.

Unser kollektives Zukunftsdenken ist stark überzeichnet. Hier Schwarz, dort Weiß; hier Schmerz, dort Übermut. Der britisch-polnische Soziologe Zygmunt Bauman hat mit seinem posthum erschienenen Buch „Retrotopia“ eine beeindruckende Analyse dieses Sachverhalts vorgelegt. „Retrotopia“ nennt er eines der zwei kollektiven Zukunftsbilder, das unser Denken gerade beherrschen. Bauman spricht von einer globalen Epidemie der Nostalgie, einer brennenden Sehnsucht nach der guten alten Zeit. Man könnte den Eindruck haben, als tanzten wir um ein archaisches Feuer, rund um beängstigende Ideen wie Nation, Identität und Überlegenheit. Sie brennen ein Zukunftsbild in unsere Wahrnehmung, das weltweilt für Verunsicherung sorgt: Retrotopia.

Demgegenüber liegt das andere Extrem: Technotopia. Es ist die Utopie einer Zukunft, in der so gut wie alle Probleme technologisch gelöst werden, von Robotern, Algorithmen und Apps. Autonomes Fahren und Fliegen, künstliche Intelligenz, designte Mensch-Maschinen, selbstlernende Mikroorganismen und womöglich Unsterblichkeit – so sieht die Zukunft in Technotopia aus. Selbst wenn der technologische Fortschritt im 21. Jahrhundert zu spektakulären Durchbrüchen führen wird, ist dieses kollektive Zukunftsbild doch weit übertrieben.

Beide Zukunftsbilder, sowohl Retrotopia als auch Technotopia, sind Klischees. Sie sind voller Spekulation und überhöhter Emotion. Dazwischen liegt leider wenig. Und das ist ein Problem. Unser polares Zukunftsdenken deutet darauf hin, dass wir von hochgeschaukelten Emotionen überwältigt werden. Wir leben in einer Zeit, in der wir uns von kollektiven Visionen in den Bann ziehen lassen, gleichzeitig aber davor zurückschrecken, unseren eigenen Visionen nachzuspüren.

Das Fehlen individueller Visionen zeigt, dass wir unsere persönlichen Emotionen und Visionen nicht gezielt in unsere unternehmerischen Entscheidungen einbinden, genauso wenig wie in die Organisationsentwicklung. Stattdessen führen und handeln wir zwischen Retrotopia und Technotopia, zwischen Euphorie und Untergangsstimmung.

Aus Sicht der Trendforschung sind die Rahmenbedingungen für unternehmerische Visionen jedoch denkbar gut: Hochsoziale, urbane Lebensräume entwickeln sich zu globalen Zentren, Neo-Tribes bestimmen neue Lifestyles und können diese binnen Stunden beleben und weltweit verbreiten. Der Hype um künstliche Intelligenz wird uns dazu drängen, unsere menschliche Intelligenz besser kennenzulernen. Auch das Alter, das uns gerne ein Dorn im Auge ist, wird bald eine neue gesellschaftliche und wirtschaftliche Rolle spielen. Entscheider und Organisationen, die sich heute mit ihren eigenen Zukunftsbildern auf den Weg machen, gestalten eine bessere Welt von morgen. Ihnen gehört die Zukunft.

Empfehlen Sie diesen Artikel!

Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Innovation und Neugier

Dossier: Innovation und Neugier

Wie entstehen Produkte und Dienstleistungen? In der komplexen Netzwerköonomie wird Innovation immer wichtiger: die Fähigkeit, neue Sichtweisen einzunehmen, neue Ideen zu entwickeln und neue Zukunftsperspektiven für Organisationen zu entwerfen.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Harry Gatterer

Harry Gatterer ist Geschäftsführer des Zukunftsinstituts. Sein Spezialgebiet ist die Integration von Trends in unternehmerische Entscheidungsprozesse. Er berät Unternehmen dabei, relevante Trends zu erkennen und zu nutzen.