Kontextualisierer nach vorn!

In der Wissensarbeit der Zukunft muss Qualifizierung und Recruiting neu gedacht werden. „Kontextualisierer“ werden dringend gebraucht, denn das Wissen von morgen ist situativ

Quelle: Megatrend Dokumentation 2012

Sergey Nivens / fotolia.com

Es gab eine Zeit, da war Wissen ein exklusives Privileg. In Bibliotheken und hinter Klostermauern wurden die wertvollen Schriftrollen und Folianten gehortet, deren Marktpreise das Jahreseinkommen eines gewöhnlichen Bauern weit überstiegen und zu denen nur wenige ausgewählte Schriftgelehrte Zugang hatten. Dann kam der Buchdruck und mit ihm die Aufklärung. Die technische Innovation zog eine soziale Revolution nach sich. Schulen wurden gebaut, in denen plötzlich jedermann Lesen und Schreiben lernen konnte. Zeitungen und Flugblätter hatten den Anspruch, Untertanen zu souveränen Bürgern zu erziehen.

Doch die Erfindung des europäischen Buchdrucks war gerade erst 500 Jahre alt, als sich schon die nächste Medienrevolution vollzog: Die technische Innovation des Internets ist in ihrer Auswirkung auf die Wissensgesellschaft mit Gutenbergs Druckmaschine vergleichbar. Wissen, Halbwissen, unlesbare Rohdaten und nützliche Informationen stehen allen Menschen mit Internetzugang zur Verfügung. Doch die eigentliche Revolution besteht nicht darin, dass jeder alles lesen könnte, sondern darin, dass jetzt auch jeder alles schreiben kann. Die Tatsache, dass das Aufnehmen und Produzieren von Wissen kein exklusives Privileg mehr ist, verringert einerseits die Qualität und führt andererseits quantitativ zu einer Datenmasse, die nicht mehr zu bewältigen ist.

Wissens-know-how wird wichtiger als bloßes Wissen

Es ist erstaunlich, dass in dieser Zeit berufliche Qualifikation immer noch gleichgesetzt wird mit „viel wissen“. Alles zu wissen ist schon seit Goethe unmöglich, heute ist selbst der Versuch, Fachwissen in Bezug auf eine bestimmte Tätigkeit bloß anzuhäufen, also auswendig zu lernen, vom Kraftaufwand her kaum zu bewältigen. Entscheidend ist aber: Es lohnt sich Gesucht wird knallharte Problemlösungskompetenz - und die gibt es nicht von der Stange auch gar nicht. Denn diese „alte“ Art zu lernen entspricht nicht den Anforderungen des Arbeitsmarktes der Zukunft. Denn in der kommenden Wissensgesellschaft ist nicht die bloße Masse an Wissen entscheidend, sondern die Fähigkeit, das Wissen zu finden, das in einer bestimmten Situation gebraucht wird, und vor allem: es richtig anzuwenden. Es geht darum, entscheidungsfähig zu werden.

Wenn wir also sagen, dass für die berufliche Qualifizierung der Zukunft nicht Fachwissen, sondern Kreativität entscheidend sein wird, klingt das immer auch ein wenig nach Malkurs und Kuschelpädagogik. Gemeint ist aber knallharte Problemlösungskompetenz. Und die gibt es nicht von der Stange. Bachelor-Absolventen klagen, dass ihre standardisierten Abschlüsse auf dem Arbeitsmarkt keinen Wert haben, Unternehmen jammern, dass ihnen die Fachkräfte fehlen. Qualifizierte Berufsein- oder auch -quereinsteiger und potenzielle Arbeitgeber scheinen nicht zusammenzufinden. Klassische Methoden der Stellensuche und der Stellenangebote, ob Zeitung, Internetbörse, Headhunter oder Messe, greifen nicht, da in zu engen, eben standardisierten Mustern gedacht, gesucht, gefiltert wird. Neu ist jetzt das Suchen und Bewerben über Kreativwettbewerbe, bei denen die möglichen neuen Mitarbeiter völlig ohne Lebenslauf, Foto und Abschlusszeugnis ihr Potenzial unter Beweis stellen können.

Auch das Recruiting wird kreativ

Die McDonald’s-Crowdsourcing-Kampagne „Mein Burger“ hat nicht nur Fleischklops-Designer auf den Plan gerufen, sondern auch Hacker, die versuchten, den Burger-Konfigurator zu manipulieren. Erfolglos bisher, so die dahinterstehende Agentur Razorfish, die jedoch für die Buletten-Hacker-Könige ein Osterei versteckte. Im Quellcode platzierte die Agentur die Nachricht: „Glückwunsch, so weit kommen nicht viele. Zeit für den nächsten Schritt: talents@razorfish.de. Immer mehr solcher neuen Recruitmentprozesse lassen sich die Agenturen einfallen, um an gute Köpfe zu kommen.

Auch die überregional vertretene Agentur FischerAppelt hat mit einem Wettbewerb namens RedCap nach potenziellen Nachwuchstalenten gesucht. Neben einer High-End-Kamera gab es Jobs zu gewinnen. Die designierten Job-Kandidaten wurden aufgefordert, einen Kurzfilm zu drehen, in dem das Märchen vom Rotkäppchen neu inszeniert wurde.

Ein Kreativwettbewerb rund um die Limonade „Schwarze Dose 28“ rief junge Talente zur Bewerbung um den „Halbtagsjob 2010“ auf. Der Wettbewerb ermöglichte den Gewinnern aus den Bereichen Mode, Kunst, Design, Musik und kreatives Schreiben, jeweils ein halbes Jahr lang in ihrem regulären Job auf halbe Stelle zu gehen und die zweite Tageshälfte für eigene Projekte zu nutzen. Den finanziellen Ausgleich für die verringerte Arbeitszeit übernahm „Schwarze Dose 28“.

Mobile.de erweiterte seine integrierte Markenkampagne um den Bereich „Employer Branding“ und ließ User Konzepte entwickeln, wie das Unternehmen künftige Recruitingprozesse gestalten sollte. Ziel war, das Unternehmen künftig als Top-Arbeitgeber im E-Commerce-Bereich zu positionieren. Es hat fast etwas Metaphysisches, wenn künftige Mitarbeiter über die Ideenentwicklung, wie künftige Mitarbeiter gefunden werden könnten, akquiriert werden.

Egal ob es sich um die Suche nach Projektarbeitern oder Festangestellten handelt, künftig müssen mehr denn je die Querdenker angesprochen werden, und die passen eben häufig nicht in den Branchen-Positions-Index. Da die Bewerber häufig nicht Schema F entsprechen, müssen die Rekrutierungsprozesse “out of the box” gedacht werden. Die Jobinteressenten werden herausgefordert, sich unkonventionell zu beweisen und somit zu bewerben. Wie das Beispiel Razorfish zeigt, sind solche Spiele auch eine neue Möglichkeit des Headhunting. Nämlich auf Personen zu stoßen, die sonst mit der Agentur, dem Unternehmen niemals in Kontakt gekommen wären.

Die Zukunft gehört den Querdenkern

Im „War for Talents“ sind Unternehmen gezwungen, neue Wege zu beschreiten. Ein Hochschulabschluss im Standard-Lebenslauf mag ein Hinweis darauf sein, dass der Bewerber viel weiß, doch darauf wird es in Zukunft nicht mehr ankommen. Denn Wissensarbeit nach der vierten Medienrevolution wird „semantisch“ und situativ: Situativ insofern, als beim Recruiting und auch bei der Fortbildung von der konkreten Problemstellung her gedacht werden muss. Statt nach Zeugnissen und Abschlüssen zu fragen, müssen Manager der Humanressourcen eines Unternehmens das Problem kennen, das gelöst werden soll, und Bewerbern und Mitarbeitern die Chance geben, ihre Fähigkeiten bei Lösung dieses konkreten (und nicht irgendeines) Problems unter Beweis zu stellen. Qualifikation wird in Zukunft von der spezifischen Situation her gedacht.

„Semantische“ Wissensarbeit ist der Schlüssel zur Bewältigung der Datenflut. Denn Daten werden erst zu Informationen, wenn sie mit einer Bedeutung verknüpft sind. Auf dem Arbeitsmarkt der Wissensgesellschaft wird nicht die Menge an Daten entscheidend sein, über die ein Mensch verfügt (denn Daten sind ja über das Internet Kontextualisierung von Wissen wird wichtiger als Wissen selbst, denn es ist die Voraussetzung für die Anwendbarkeit dieses Wissens prinzipiell jedem zugänglich), sondern die Fähigkeit, Daten zu kontextualisieren. Wer „sich ein Bild machen“ kann, also Informationen in einem größeren Zusammenhang zu sehen in der Lage ist, kann kreativ Probleme lösen. Kontextualisierung von Wissen wird wichtiger als Wissen selbst, denn es ist die Voraussetzung für die Anwendbarkeit dieses Wissens. Darüber hinaus motiviert es auch: Menschen fällt es viel leichter, sich etwas zu merken, das ihnen etwas bedeutet.

Im Zeitalter der kreativen Arbeit wird es also zunehmend sinnlos, sich an lückenlosen Lebensläufen und schnurgeraden, vorgeplanten Karrierleitern zu orientieren. Es sind die Querdenker, denen die Zukunft gehört.

Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Megatrend New Work

Megatrend New Work

Die Digitalisierung wirft den Menschen auf sein Menschsein zurück – vor allem im Arbeitsleben. Wenn Maschinen künftig bestimmte Arbeiten besser verrichten können als der Mensch, beginnen wir, über den Sinn der Arbeit nachzudenken. Wenn die Arbeit uns nicht mehr braucht, wofür brauchen wir dann die Arbeit? New Work beschreibt einen epochalen Umbruch, der mit der Sinnfrage beginnt und die Arbeitswelt von Grund auf umformt. Das Zeitalter der Kreativökonomie ist angebrochen – und es gilt Abschied zu nehmen von der rationalen Leistungsgesellschaft. New Work stellt die Potenzialentfaltung eines jeden einzelnen Menschen in den Mittelpunkt. Denn Arbeit steht im Dienst des Menschen: Wir arbeiten nicht mehr, um zu leben, und wir leben nicht mehr, um zu arbeiten. In Zukunft geht es um die gelungene Symbiose von Leben und Arbeiten.

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