Kreativ durch die Krise: Möglichkeiten managen!

Der digitale Wandel verändert unsere Welt schon lange, doch mit der Corona-Krise schien sich quasi über Nacht nochmals alles zu ändern. Dabei sind in beiden Fällen die gleichen ökonomischen Prinzipien am Werk – wer sie erkennt und nutzt, erhöht seine Zukunftsfähigkeit. Ein Gastbeitrag von Dirk Nicolas Wagner, Professor für Strategisches Management an der Karlshochschule International University.

Bild: Unsplash/Marlon Nartea

Der Prozess der Digitalisierung ist von den Begriffen Disruption, Geschäftsmodellinnovation und zuletzt auch von denen des Maschinellen Lernens und der Künstlichen Intelligenz geprägt. Durch die Corona-Pandemie erfuhr die Welt nun nochmals einen massiven Digitalisierungsschub – plötzlich wurde möglich und normal, was vorher visionär war. Das wirft auch die Frage auf: Wie können unternehmerische Entscheidungen getroffen werden, wenn wir weniger „Je universeller die Technologie, desto größer die Anzahl der Möglichkeiten und desto dramatischer die Veränderungen.“ denn je wissen können, was morgen sein wird?

Ein interdisziplinäres Forscherteam hat dazu vor einiger Zeit einen noch zu wenig beachteten Artikel über die Ökonomik einer kreativen Welt veröffentlicht, der einen „kreativen“ Umgang mit der offenen Zukunft vorschlägt. Schon John Maynard Keynes hatte die „lost art of economics“ beklagt und dafür plädiert, die Ökonomik als Form der Kunst zu sehen: Statt mit Hilfe der Ökonomie nur zu verstehen, was ist, oder zu beschreiben, was idealerweise sein sollte, geht es darum, Maximen zu finden, mit deren Hilfe man die Zukunft gestalten kann.

Die Suche nach „angrenzenden Möglichkeiten“

In einer kreativen Welt bedeutet das vor allem, fortwährend Ausschau zu halten nach dem „adjacent possible“, nach „angrenzenden Möglichkeiten“. In einer bestimmten Situation und zu einem bestimmten Zeitpunkt sind manche Dinge möglich und andere Dinge nicht. Der Traum vom Fliegen ist vermutlich so alt wie die Menschheit, doch zum „angrenzend Möglichen“ wurde das Flugzeug erst, als relativ leichte, starke und zuverlässige Verbrennungsmotoren zur Verfügung standen. Damit setzte eine rapide Entwicklung der Luftfahrt ein. Je universeller die Technologie, desto größer die Anzahl der Möglichkeiten und desto dramatischer die Veränderungen.

Das zeigt auch die aktuelle Phase der Digitalisierung: Eine gewaltige Vielfalt und Komplexität entwickelt sich fortlaufend mit hoher Dynamik weiter und bleibt durch globale Arbeitsteilung und fortschreitende Spezialisierung doch einfach und zugänglich. Hatten vor einigen Jahren gut sortierte Kaufhäuser eine beeindruckende Auswahl von einigen zehntausend Produkten, so sind auf Amazon heute 600 Millionen Produkte verfügbar. Die „Cambiodiversity“ der Wirtschaft entwickelt sich ähnlich wie – unter guten Umweltbedingungen – die Biodiversität der Natur.   

Neue Restriktionen schaffen neue Optionen

Entscheidend ist nun zu verstehen, dass die neu geschaffenen Möglichkeiten zu „aktivierenden Restriktionen“ werden, die für das Gesamtsystem wiederum neue angrenzende Möglichkeiten schaffen: Sie ermöglichen es den Akteuren in Wirtschaft und Gesellschaft etwas zu tun, was vorher nicht möglich war. Die Gegenwart ist gekennzeichnet von einem Überfluss solcher „enabling constraints“.

Allein das Beispiel des Smartphones zeigt, wie wenig vorhersehbar die explosionsartig entstehenden, zunehmenden Kombinationsmöglichkeiten sind – und wie sich Unternehmen jeweils dennoch in ihrem speziellen Handlungsfeld mit der Identifizierung und Nutzung von angrenzenden Möglichkeiten erfolgreich die Zukunft erschließen. So hat das erste iPhone innerhalb weniger Jahre zur Ausdifferenzierung tausender Modelle verschiedener Hersteller geführt, mit weit über 2,5 Millionen Apps allein in den öffentlich zugänglichen Stores. Dies zeigt bereits: Der Überfluss stellt eine Herausforderung dar, denn in einer kreativen Welt bleiben zahlreiche angrenzende Möglichkeiten ungenutzt.


Über den Autor

Dirk Nicolas Wagner ist Professor für Strategisches Management an der Karlshochschule International University in Karlsruhe und Geschäftsführer des Karlshochschule Management Instituts. Zuvor war er in Deutschland und Großbritannien in leitenden Positionen in der Industrie tätig. Seit den 1990er-Jahren beschäftigt Wagner sich mit Fragestellungen rund um das Thema Mensch und Maschine.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Corona-Krise

Dossier: Corona-Krise

Das Corona-Virus erschüttert die Grundlagen unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Miteinanders – auf unbestimmte Zeit. Wir erleben ein unkontrollierbares Kollabieren unseres Alltags und der Welt, wie wir sie kannten. Nun geht es darum, mit dem neuen Ausnahmemodus zurechtzukommen – auf dem Weg zur Bewältigung der Krise. Das Zukunftsinstitut hat 4 mögliche Szenarien entwickelt und zeigt mithilfe von verschiedenen Tools, wie wir mit der Krise umgehen können.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Dirk Nicolas Wagner

Dirk Nicolas Wagner ist Professor für Strategisches Management an der KIU und Geschäftsführer des KMI. Seit den 90er-Jahren beschäftigt Wagner sich mit Fragestellungen rund um das Thema Mensch und Maschine.