Landmarken: Multifunktionale Tools der Regionalentwicklung

Landmarken sind nicht nur architektonische Kleinode, sie transformieren Landschaften und hinterlassen nicht nur bei Touristinnen und Touristen einen bleibenden Eindruck. Sie erzeugen auch einen neuen Wert in der Entwicklungsbiografie von Regionen.

Fotos: Christoph Hesse Architekten

Das Bett im Kornfeld hat ein Update erfahren: Als „Null Stern Hotel“ befand es sich 2016 in der schweizerischen Region Appenzell. Entwickelt wurde es von den Künstlern Frank und Patrik Riklin, die ihr Konzept als „immobilienbefreites Hotel“ bezeichneten. Denn statt eines Hotelzimmers begrüßte die Gäste lediglich ein Bett in der Landschaft. Die beeindruckende Alpenkulisse fungierte als Zimmer und der Sternenhimmel diente als Dach über dem Kopf. Auf einen Zimmerservice musste man im Outdoor-Hotel aber dennoch nicht verzichten. Während das in den 1970er-Jahren besungene Bett im Kornfeld noch als romantisches Versteck für die geheime Sommerromanze diente, war das Bett des „Null Stern“-Hotels ein multifunktionaler Nukleus der Gleichzeitigkeit: Resonanzraum, Naturerlebnis und Ort der Selbstinszenierung – für Gäste, Initiatoren und für das regionale Branding.

Schon vor über 20 Jahren setzte die norwegische Regierung mit dem touristischen Bauprogramm National Tourist Routes erfolgreich architektonische Highlights, um Tourismusströme zu dezentralisieren. Im Rahmen des Programms laden architektonisch wertvolle Bauten dazu ein, Umwege zu machen und die Umgebung zu erkunden, statt stur von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten zu rollen. Die Architektur-Highlights geben Landschaften und Orten, die sonst in zweiter, dritter oder vierter Reihe der Urlauberinnen und Urlauber stehen, eine Bühne.

Die architektonischen Landmarken sind in der Region verwurzelt, wirken als Zusammenbringer, unterstreichen typische Landschaften und ergänzen auch weniger spektakuläre Naturräume durch neue Perspektiven und Erlebnisse. So wie die neun „Follies“ des „Seelenortes“ Referinghausen im Sauerland, die der Architekt Christoph Hesse entworfen hat.

Das Netzwerk der Sauerland-Seelenorte umfasst insgesamt 43 besondere Orte, die Menschen emotional, geistig und spirituell berühren sollen. Mit dem Begriff „Folly“ nimmt der Architekt Bezug auf englische Landschaftsgärten, in denen diese baulichen, artifiziellen „Narreteien“ häufig als Gestaltungselement eingesetzt wurden. Jedes der neun Bauwerke in Referinghausen ist anders, ist spezifisch für den Standort entworfen, und zugleich ergänzt die Architektur feinfühlig neue Resonanzmöglichkeiten.

Eine Oase für müde Wanderer: Der „Raum der Stille“ in Korbach ist ein ehemaliger Ziegenstall.

Doch nicht nur baulich setzen die Kleinode besondere Akzente im Landschaftsraum, ihr Bau hat auch die Dorfgemeinschaft gestärkt. Gemeinschaftlich haben die Anwohner „ihre“ Orte auserkoren und selbst Hand beim Bau der „Follies“ angelegt. Und dass ihre Initiative und Architekturen nun internationale Aufmerksamkeit bekommen, macht die Referinghausener verdientermaßen stolz.

Als „verbindendes Element“ begründet Matthias Klopfer, Oberbürgermeister der Stadt Schorndorf, das Konzept der 16 Landmarken, die im Rahmen der Remstal Gartenschau von 16 unterschiedlichen Architekten erstellt wurden. Sie bieten nicht nur beeindrucke landschaftliche Ansichten und Einsichten, sondern dienten darüber hinaus auch erfolgreich als Governance-Tool, das unterschiedliche Menschen in Beziehung brachte.

Wie beispielsweise im Falle des Projektes „gehäkeltes Haus“, das sich zum Integrationsprojekt verwandelte, an dem über 50 Bürgerinnen und Bürger aus aller Herren Länder gemeinsam am „Überwurf“ für dieses Gebäude häkelten. Da sich die Gartenschau über 80 Kilometer, zwei Regionen, drei Landkreise und 16 Städte erstreckte, schaffte das Projekt auch neue Beziehungen zwischen Gemeinden und Politikern, Bürgerinnen, Vereinen und Unternehmen. Die Landmarken im Remstal verbinden also nicht nur Distanzen, sondern auch Menschen miteinander – und sind ideale „Storyteller“.

Wie beispielsweise auch die neuen sieben Kapellen im schwäbischen Donautal. Mit hervorragender zeitgenössischer Architektur wird hier ein altes Brauchtum in die Gegenwart geführt: Im katholischen Süddeutschland waren Wegenetze häufig durch religiöse Zeichen strukturiert, die Reisenden Orientierung gaben. Die neuen Kapellen sind Schutzhütten und Resonanzraum, markante Wegzeichen und neue Pilgerstätten für Architektur-Aficionados zugleich.

Runde Sache: Die „Villa F“ ist Biogasanlage und Wohnhaus zugleich.

Auch der elsässische Wanderweg Chemin des Carrières, der Rosenheim mit Saint-Nabor verbindet, erzählt von der Vergangenheit. Der Pfad führt entlang der stillgelegten Schienenverbindung und wird immer wieder von architektonischen Interventionen flankiert, die die Geschichte der Saint-Nabor-Steinbrüche flüstern.

Landmarken inszenieren unspektakuläre Landschaften und schaffen zugleich Ruhepunkte. Sie initiieren Dialoge zwischen Akteurinnen und Akteuren und ergänzen regionale Identitäten. Und ganz nebenbei sind sie auch ein ideales Marketing-Tool für Regionen. So endet der Weg im Elsass auf einer kleeblattartigen Aussichtsplattform, von der man einen malerischen Blick auf das Rosheim-Tal und die elsässische Ebene hat – ein idealer Selfie- und Foto-Spot. Denn auch Resonanztouristen ist die Selbstinszenierung im Framing der Natur als persönliche Rückkoppelung wichtig. Schließlich findet in der Schönheit des Unspektakulären der Resonanzsucher vor allem eines: sich selbst.

 

Was Landmarken zum Tool mit Zukunft macht

  • Dezentralisierung: Slow Tourism atmet Ruhe. Daher sind Landmarken multifunktionale Tools, um Angebote abseits großer Routen zu schaffen und neue Räume sanft zu enablen.

  • Resonanzraum: Sowohl für Locals wie auch für Anwohnende schaffen die Landmarken neue Perspektiven auf den alltäglichen Landschaftsraum – und dank der neuen architektonischen Raumerlebnisse werden sie zu Orten der Selbsterfahrung.

  • Branding: Jede Resonanzregion hat eine eigene Identität, eine ganz spezifische Landschaft, regionale Materialien und Traditionen. Sie alle können in Landmarken zusammengebracht werden und das Selbstbild der Region stärken.

  • Storytelling: Geschichten aus der Vergangenheit sind ideale Wegbegleiter und erwachen durch Landmarken zu neuem Leben, ohne zu belehren.

  • Governance-Tool: Sind diese Projekte über mehrere Ortschaften, Gemeinden oder Regionen ausgelegt, entstehen neue lokale Dynamiken und Anknüpfungspunkte zwischen den unterschiedlichen regionalen Akteuren und Akteurinnen.

  • Förderung der Wir-Kultur: Einheimische werden zu aktiven Gestalterinnen und Gestaltern ihrer Region. Die Beteiligung und Mitarbeit an Projekten fördert Gemeinschaftsinn und Integration.

  • Glokale Impulse: Die Vernetzung mit international tätigen Architekten und Künstlerinnen bringt frische Ideen in den Ort – und eine neue Perspektive auf das eigene Tun.

Dieser Text ist ein Auszug aus der Studie Progressive Provinz – Die Zukunft des Landes.