Optimismus statt Fehlerkultivierung

Scheitern wird längst nicht mehr als rein negative Entwicklung gesehen. Sich geradezu auf Fehler zu fokussieren, führt jedoch nicht zur gewünschten Innovationskraft. Was es braucht, ist ein veränderter Blickwinkel – eine optimistische Grundhaltung. Ein Auszug aus dem „Leadership Report 2017”.
Von Franz Kühmayer

Rebecca Li / Rebecca Li / CC0

Der Abschied vom makellosen Perfektionsstreben wird bei vielen Unternehmen eingemahnt, denn wo keine Fehler gemacht werden dürfen, wird nicht experimentiert und können daher auch keine Innovationen entstehen. Wir müssen mehr und besser scheitern lernen, heißt es als Konsequenz. Natürlich ist Scheitern ist ein fester Bestandteil im Bestreben, etwas Neues auf den Markt zu bringen. Das heißt aber noch nicht, dass man seinen Fokus darauf legen sollte – denn damit wird das Pferd von hinten aufgezäumt.

In einer für den deutschsprachigen Kulturraum geradezu typischen Art sprechen wir zuerst vom Versagen, bevor wir über das Gelingen sprechen. Als Mitarbeiter hört man die Begriffspaare Innovation und Fehler, jedoch nicht Unternehmen und Chance. Das reizvolle Bild einer lohnenden Zukunft wird von Anfang an überschattet von den drohenden Gefahren. Damit wird die Gravitationskraft der Sicherheitszone nur noch stärker als sie ohnehin schon war.

Die Basis für eine fehlende produktive Einstellung gegenüber Fehlern findet sich bereits im Bildungssystem, mit seiner Fokussierung darauf, Schülern ihre Unzulänglichkeiten immer wieder vor Augen zu führen. Hält man Lehrern ein Blatt Papier mit zehn Grundrechnungen vor Augen, von denen nur eine falsch ist, werden sie zielgenau diese eine falsche Gleichung herausstreichen – dabei sind neun von zehn Antworten richtig. Statt die Talente der Schüler zu suchen und zu fördern, wird der eine Gegenstand, in dem sie nicht talentiert sind, zum zentralen Diskussionspunkt der Leistungsbeurteilung. Im Ergebnis führt das dazu, dass herausragende Begabungen beschnitten werden, um auf anderen Feldern vorhandene Schwächen zu kompensieren – mit dem Ergebnis gleichförmiger Mittelmäßigkeit.

Die Krise als produktiver Zustand

Eine Krise ist ein produktiver Zustand, wenn man ihr den Beigeschmack der Katastrophe nimmt. Jede Entwicklung ist eine Transformation, eine Verwandlung. Damit neue Handlungsmuster Statt die Talente zu fördern, werden Fehler zum zentralen Diskussionspunkt entstehen können, müssen Verwirrung, Irritation und Widerstand durchlaufen werden. Erst dann kann die Perspektive auf die Umwelt und die Handlungslogik sich verändern. Das ist unbequem, und nicht alle Organisationen entscheiden sich dafür, ihre Komfortzone zu verlassen und sich dieser Unbequemlichkeit zu stellen.

Optimismus wird zur Führungsqualität

Leadership hat intensiv damit zu tun, stets eine bessere Welt vor Augen zu haben und den Beitrag des Unternehmens dazu herzuleiten. Es ist eine Managementaufgabe, sich dieser Idealvorstellung Schritt für Schritt anzunähern. Die Überzeugung, dass das tatsächlich dauerhaft möglich ist, nennt man Optimismus  – und das ist eine Eigenschaft von Menschen, deren Maßstäbe sich an Hoffnungen, Idealen und Entwicklung orientieren. Pragmatiker haben bereits aufgegeben, zuerst sich selbst und dann auch das Unternehmen.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Leadership

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Die Weltwirtschaft ist nicht mehr von zwei oder drei großen Playern dominiert, sondern längst ein multipolares Spielfeld geworden. Wie können sich Führungskräfte in diesem Kontext behaupten und welche Fähigkeiten brauchen sie?

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Franz Kühmayer

Der langjährige Top-Manager ist Experte für die Zukunft der Arbeit. Aus der Verbindung von Trendforschung und Unternehmensberatung liefert er facettenreiche, praxisnahe Lösungen und charmante Inspiration.