Zuwanderer: Verantwortung übernehmen, Potenziale nutzen

Leader mit einem Sinn für Gesellschaft müssen in der Integrationsfrage Verantwortung übernehmen, denn die brennende Frage in Europa lautet längst nicht mehr „Schaffen wir das?”, sondern „Wie schaffen wir das?“ Ein Auszug aus dem neuen „Leadership Report 2017”.
Von Franz Kühmayer

Bei aller Wertschätzung gegenüber angebrachten Sorgen und Bedenken zu möglichen negativen Einflüssen durch Zuwanderung ist es doch vor allem der Standort, der den Standpunkt bestimmt: Wenn Unternehmen oder ganze Regionen Veränderung oder Diversität als Bedrohung empfinden, wenn Betriebe und Organisationen in ihrer homogenen Wohlfühlposition erstarren und aus vermeintlichen Sicherheitsbestrebungen verstärkt „in ihrem eigenen Saft kochen“, stärken sie dadurch nicht ihre Zukunftssicherheit, sondern setzen sie im Gegenteil aufs Spiel.

Sich abzuschotten ist nicht nur eine Illusion, es ist auch nicht zielführend. Denn das Problem sind nicht die Flüchtlinge, sondern die Tatsache, dass Menschen flüchten. Dabei ist zunächst einmal egal, aus welchem Grund. Wer also einen Beitrag dazu leisten möchte, dass es weniger Flüchtlinge gibt, sollte sich dafür einsetzen, dass Wohlstand gerechter verteilt und Konflikte friedvoller gelöst werden, international, aber auch im eigenen Einflussbereich. Natürlich gibt es Gründe, zutiefst frustriert aufgrund der aktuellen Politik zu sein. Bloß sind diese Gründe nicht in zu viel Offenheit zu suchen, sondern vor allem im Risiko, dass das Lebenswerk der Nachkriegsgeneration und ihrer Kinder – ein friedvolles, grenzfreies und sich langsam aneinander annäherndes Europa und eine zunehmend liberale und jedenfalls solidarische Gesellschaft – auf dem Altar des blinden Populismus geopfert wird.

Guter Dienst an der eigenen Erfolgsgeschichte

Wer Verantwortung trägt, kann sich der politischen Diskussion nicht entziehen und darf sie auch nicht an Berufspolitiker delegieren, sondern ist mehr denn je gefordert, durch persönliches Wirken im eigenen Einflusskreis und in der Öffentlichkeit klar zu machen, wofür die europäischen Werte der Aufklärung stehen. Das gelingt durch Kommunikation und Beteiligung an entsprechenden zivilgesellschaftlichen Prozessen, aber vor allem durch Taten. Durch das Setzen von Maßnahmen, die eine gelungene Integration fördern.

Das ist nicht nur gesellschaftspolitisch sinnvoll, sondern auch wirtschaftlich. Denn die Menschen, die zu uns gekommen sind, sind potenzielle Arbeitnehmer, Kunden, Lieferanten, Geschäftspartner. Jene Unternehmen, die dieses Potenzial frühzeitig adressieren und für sich zu nutzen wissen, leisten somit nicht nur einen guten Dienst an ihrem Land, sondern an ihrer eigenen Erfolgsgeschichte. Für Unternehmer und Führungskräfte ist diese Erkenntnis eine Handlungsaufforderung, und zwar nicht nur an der Wahlurne oder im Engagement als Staatsbürger, sondern auf betrieblicher Ebene. Denn die wichtigsten Maßnahmen zu einer gelungenen Integration beziehen sich auf Arbeit.

(Weiter-)Bildung fördern

Erschwert wird die Arbeitsmarktintegration dadurch, dass bisher nur wenig über die Qualifikationen der Flüchtlinge bekannt ist. Asylsuchende werden neben der Erfassung persönlicher Daten seit Jahren dazu angehalten, freiwillig Auskunft zu sogenannten „SoKo“- Daten („Soziale Komponente“) zu leisten. Dazu zählen u.a. besuchte Bildungseinrichtungen, berufliche Tätigkeiten und Sprachkenntnisse. Bei diesen Daten handelt es sich um eine rein statistische Erhebung durch Verwaltungsbehörden, nicht um stichhaltige Überprüfungen.

Hinzu kommt die Schwierigkeit der Vergleichbarkeit von Schulsystemen und Berufsgruppen unterschiedlicher Herkunftsländer sowie die Anschlussfähigkeit der Ausbildung: Wer in Syrien Rechtsanwalt war, kann seinen Beruf nicht ohne Weiteres in Deutschland fortsetzen, zu unterschiedlich sind die Rechtssysteme. Bei den abgefragten Sprachkenntnissen wird weder das Sprachniveau erfasst, noch zwischen mündlichen und schriftlichen Kenntnissen unterschieden.

Die Daten sind also insgesamt mit Vorsicht zu genießen, dennoch geben sie erste Hinweise auf das Profil der Zuwanderer. Demnach haben circa 18 Prozent eine Hochschule besucht, rund 20 Prozent ein Gymnasium und knapp 32 Prozent eine Mittelschule – nur 7 Prozent haben gar keine formelle Schulbildung. Mehr als die Hälfte der Asylantragsteller sind zwischen 18 und 27 Jahren alt, Deutschkenntnisse haben weniger als 2 Prozent, während 28 Prozent Englischkenntnisse angeben.

Noch aufschlussreicher als die Durchschnittsbetrachtungen sind dabei Ländervergleiche – so haben etwa Menschen aus Syrien eine gute Schulbildung, rund Die wichtigsten Integrations-Maßnahmen beziehen sich auf Arbeit. ein Viertel arbeitete zuletzt in technischen, medizinischen, Ingenieurs-, Lehr- und Verwaltungsberufen und fast die Hälfte gab Englischkenntnisse an, während beispielsweise Geflüchtete aus Afghanistan einen hohen Anteil ohne formelle Bildung aufweisen. Auch der österreichische Arbeitsmarktservice kommt zu vergleichbaren Ergebnissen. Demnach verfügen laut einem fünfwöchigen Kompetenzcheck unter Asylberechtigten 23 Prozent über ein Studium, 27 Prozent über Matura und 11 Prozent über eine abgeschlossene Berufsausbildung.

Es liegt somit insgesamt ein positiveres Bild des Bildungsstands vor, als es vielfach befürchtet wurde. Aber es bleibt klar: Die Arbeitsmarktintegration wird ohne Zweifel zusätzlicher Ausbildungsmaßnahmen bedürfen und damit Zeit und Geld kosten. Nicht zuletzt angesichts der rasanten technologischen Entwicklungen am Hochqualifikationsstandort Europa, mit denen Schritt zu halten bereits die tendenziell gut ausgebildeten einheimischen Arbeitskräfte Schwierigkeiten haben. Neben der bedarfsorientierten Qualifizierung braucht es auch Unterstützungsmaßnahmen zur individuellen Kompetenzfeststellung, zu Berufsberatung und Orientierung und nicht zuletzt zur Überwindung der traumatischen Erlebnisse des Krieges und der Flucht.

All dies ist eine Mammutaufgabe für die Politik, doch es bringt auch eine Verantwortung und Gelegenheit für Unternehmen mit sich. Denn angesichts des niedrigen Durchschnittsalters besteht die Gefahr, bei nicht gelungener Arbeitsmarktintegration eine verlorene Generation zu erzeugen. Oder eben umgekehrt: die Chance, durch mehr Ausbildungsplätze in Unternehmen junge, motivierte Arbeitskräfte zu erhalten.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem neuen „Leadership Report 2017”.

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Dossier: Leadership

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Die Weltwirtschaft ist nicht mehr von zwei oder drei großen Playern dominiert, sondern längst ein multipolares Spielfeld geworden. Wie können sich Führungskräfte in diesem Kontext behaupten und welche Fähigkeiten brauchen sie?

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Franz Kühmayer

Der langjährige Top-Manager ist Experte für die Zukunft der Arbeit. Aus der Verbindung von Trendforschung und Unternehmensberatung liefert er facettenreiche, praxisnahe Lösungen und charmante Inspiration.