Individualisierung Glossar

Individualisierung ist das zentrale Kulturprinzip der westlichen Welt und entfaltet seine Wirkungsmacht zunehmend global. Der komplexe Megatrend hat in vielen Wohlstandsnationen seinen vorläufigen Peak erreicht und ist Basis unserer Gesellschaftsstrukturen geworden. Der Megatrend codiert die Gesellschaft um: Er berührt Wertesysteme, Konsummuster und Alltagskultur gleichermaßen. Im Kern bedeutet Individualisierung die Freiheit der Wahl. Ihre Auswirkungen sind jedoch komplex und bringen sowohl scheinbare Gegentrends wie eine Wir-Kultur als auch neue Zwänge hervor. Individualisierung ist eng mit den Megatrends Urbanisierung, Gender Shift und Konnektivität verwoben.

Achtsamkeit

Achtsamkeit ist der wichtigste Gegentrend zur permanenten Reizüberflutung des digitalen Zeitalters und der medial gemachten Erregungskultur. Immer häufiger hinterfragen wir die Art, wie wir mit uns und unserer real-digitalen Umwelt umgehen. Achtsamkeit ist mehr als ein Lifestyle-Thema, es ist die Kunst, das Hier und Jetzt nicht aus den Augen zu verlieren, die eigenen Bedürfnisse zu kennen und Werte zu leben.

Alltags-Outsourcing

Steigende Flexibilisierungsanforderungen und eine Vielzahl beruflicher wie privater Verpflichtungen führen zu einem enormen Zuwachs an Komplexität und Zeitknappheit im Alltag der Menschen. Daher werden immer mehr Aufgaben des Alltags an Services und Dienstleister outgesourct, die beispielsweise das Einkaufen, Kochen, Putzen oder Planen privater Events übernehmen.

Diversity

Diversity bedeutet Vielfalt von Menschen, beispielsweise hinsichtlich Alter, Geschlecht, Herkunft, kulturellem Hintergrund, Qualifikationen etc. Angesichts grundlegender Veränderungen in der Arbeits- und Businesswelt gilt die Diversity von Mitarbeitern als zunehmend wichtiger Erfolgsfaktor für Unternehmen hinsichtlich Innovationsfähigkeit und Resilienz.

Do it yourself

Gärtnern, Kochen, Backen, Handarbeit – Dinge selbst herzustellen erfährt einen enormen Bedeutungswandel. Der Trend geht hin zu individuell gefertigten Produkten. Etwas mit den eigenen Händen zu erschaffen oder zu reparieren erzeugt positive Gefühle und bildet ein Gegengewicht zur ständigen Kopfarbeit am PC. „Selfmade“ wird zum neuen Statussymbol.

Hygge

Hygge beschreibt die Gemütlichkeit und Heimeligkeit in den eigenen vier Wänden. Es ist jedoch kein Rückzug in die Isolation, sondern setzt auf Gemeinschaft und Geselligkeit mit Freunden und Familie. Hygge bedeutet, sich einen Rückzugsort zu schaffen, an dem die einfachen Dinge des Lebens gefeiert werden. Es geht um positive Erlebnisse auf Basis eines Miteinanders, um das Gefühl von Dankbarkeit, Geborgenheit und Entspannung.

Identitätsmanagement

Im Internetzeitalter gehört die Bedrohung der Identität für viele Internetnutzer zum Alltag, auch wenn sie sich dessen nicht immer bewusst sind. Umso mehr kommt es auf neue Schutzmechanismen und Konzepte des Identitätsmanagements an, die für Vertrauen sorgen – gerade hinsichtlich der Identität im Netz. Das Verwalten und Nutzen von Identitäten ist nicht nur eine wichtige Aufgabe und Kompetenz für das Individuum, sondern auch für Organisationen.

Lebensqualität

„Besser statt mehr“ wird zur Leitdevise von immer mehr individuellen und kollektiven Strategien, die auf höhere Lebensqualität setzen: besser Zeit mit der Familie als mehr Gehalt, besser eine neue Grünfläche in der Stadt als noch ein Einkaufszentrum, lieber weniger und dafür besseres Fleisch auf dem Teller usw. Viele internationale Organisationen suchen derzeit nach validen Maßstäben für die Erfassung globaler, nationaler und individueller Lebensqualität.

LGBTQ 

Die weltweite LGBTQ-Bewegung (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer) setzt sich für die Akzeptanz und mehr öffentliches Bewusstsein der Gender-Vielfalt ein. Sie ist Vorreiter in Sachen Offenheit und progressiver Lebensweisen. Nicht nur, weil sie neue Formen der Partnerschaft und alternative Familienmodelle vorlebt, sondern auch weil sie Normen, Traditionen und Rollenzuschreibungen hinterfragt, die auch für heterosexuelle Menschen nicht mehr zeitgemäß sind.

Mass Customization

Weil Konsumenten Angebote wollen, die auf ihren persönlichen Geschmack und ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnitten sind, setzen immer mehr Unternehmen auf Mass Customization, also individualisierte Massenproduktion. 3D-Druck und Industrie 4.0 machen es möglich, in der Fertigung noch schneller und präziser auf hochindividuelle Kundenwünsche einzugehen.

Multigrafie

Viele Jahrzehnte lang folgte die Biografie der meisten Menschen einer linearen Abfolge von Lebensphasen: Kindheit und Jugend, Berufstätigkeit, Familienleben und schließlich Ruhestand. Längst haben wir uns von dieser Normalbiografie verabschiedet. Heute werden Lebensläufe immer unberechenbarer, aus linearen Biografien werden vielseitige, parallel und sprungweise verlaufende Multigrafien.

Neo-Tribes

Menschen suchen und finden Resonanzbeziehungen innerhalb sozialer Gruppen, die an Stammesstrukturen erinnern. Diese Neo-Tribes zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Mitglieder sich frei für eine Zugehörigkeit entscheiden und sie häufig nur für bestimmte Lebensphasen oder Lebensbereiche relevant sind. Diese Tribes sind Inseln der Gemeinschaft, die ähnlich wie der Hygge-Lebensstil Gefühle von Geborgenheit, Sicherheit und Vertrautheit vermitteln.

Postdemografie

Angesichts steigender Individualisierung verlieren klassische soziodemografische Merkmale wie Geschlecht, Einkommen, Wohnort, Berufstätigkeit oder gerade das Alter an Bedeutung zur Beschreibung gesellschaftlicher Gruppen. „Jugendlichkeit“ beispielsweise kann altersübergreifend ein Charakteristikum von Einstellungen und Verhaltensweisen sein. Statt sozialer Milieus bilden sich neue postdemografische Lebensstile heraus, deren gemeinsamer Nenner geteilte Werte, Überzeugungen, Konsummuster und Alltagspraktiken sind.

Resonanzgesellschaft

Aus den individualistischen Suchbewegungen der Abwehr, der Rebellion, der Loslösung aus traditionellen Bindungen und des Autonomiestrebens werden früher oder später Fragen der Zugehörigkeit. Insofern führt der Megatrend Individualisierung zu einer neuen Stufe gesellschaftlicher Verfasstheit. Er schafft zunehmend die Grundlage für eine neue Gemeinschaftsform, die auf Wir-Kultur und Achtsamkeit basiert: die Resonanzgesellschaft.

Self Balancer

Der Self Balancer führt einen achtsamen Lebensstil und hat es sich zum Lebensziel gemacht, im Inneren stets ausgeglichen und bei sich zu sein. Für ihn ist das eigene Wohlbefinden wichtiger als der Gedanke, um jeden Preis gesundes Essen zu sich zu nehmen oder sich für eine sportliche Tätigkeit zu motivieren. Damit schafft er es, seine Prioritäten im Leben ganz klar zu setzen und zu verfolgen, ohne sich durch äußere Einflüsse beirren zu lassen.

Sex-Design

Nie zuvor waren Körperbilder dermaßen vom Wunsch nach Perfektion und dem Wissen um ihre Gestaltbarkeit geprägt wie heute. Inzwischen ist auch das Geschlecht keine fixe Kategorie mehr, sondern wird zum individuell wähl- und gestaltbaren Persönlichkeitsmerkmal. In dem Maße, wie die Gesellschaft Geschlechtsstereotype überdenkt und Vielfalt zulässt, sind Menschen im Zuge des Sex-Designs freier, ihr körperliches Geschlecht und ihre sexuelle Identität individuell zu leben.

Single-Gesellschaft

Immer mehr Menschen entscheiden sich bewusst dazu, als Single unabhängig und frei zu sein. Die Single-Gesellschaft äußert sich in immer mehr Einpersonenhaushalten. Viele davon werden allerdings von Menschen bewohnt, die durchaus in einer Partnerschaft leben, jedoch nicht das traditionelle Familienbild anstreben, sondern lieber alleine wohnen.

Wir-Kultur

Überall in der Gesellschaft tauchen neue Formen von Gemeinschaft, Kollaboration und Kooperation auf. Die technologische Vernetzung treibt die Entstehung einer Wir-Kultur entscheidend voran. Einerseits als Notwendigkeit, sich in einer hochkomplexen Welt neu und sinnvoll zu organisieren. Andererseits wächst angesichts zunehmender Individualisierung die Bedeutung selbstgewählter Gruppenzugehörigkeiten für die eigene Identität

Mehr über diese Trends und die weiteren Megatrends erfahren Sie in unseren Megatrend-Dossiers.

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