Multiplikatorin der kreativen Klasse

Porträt: Lena Schiller Clausen ist eine Überzeugungstäterin, die großen Unternehmen zeigt, was sie von kleinen Startups lernen können.

Quelle: Trend Update 04/2014

Frank Schinski

Donnerstag, zwei Uhr nachmittags, in einem Berliner Szene-Lokal. Als Lena Schiller Clausen zum Interview erscheint, bestellt die Unternehmerin, Beraterin und Coworking-Space-Gründerin als Erstes ein Eiweiß-Schock-Müsli – zum Frühstück. Programmatisch für das, worum es in unserem Gespräch gehen soll? Den Wandel in der Arbeitswelt und die „New Business Order“, wie der Titel ihres neuen Buchs lautet? Man könnte annehmen, wir treffen hier auf eine der Superkreativen, die nach der Devise „Survial of the Hippest“ seit ein paar Jahren Berlin zu Ruhm und Ehre verhelfen, ihr Büro in Cafés aufschlagen, so zum Wirtschaftsfaktor werden und der Stadt endlich das Metropolitane, Weltoffene, Internationale zurückgeben, was ihr so lange abhandengekommen war.

Und doch passt etwas nicht ins Bild des Klischees. Wir sind mit der 33-Jährigen nicht im „St. Oberholz“ verabredet, sondern im „Brel“ am Savignyplatz in Charlottenburg, wohlgemerkt nicht in Kreuzberg. Das ist zwar auch ein legendärer Kiez-Treffpunkt, aber eben eher der alten Berliner Bohème.

Scheitern macht schlau

Die Vordergründigkeit des Kreativ-Lifestyle vom Prenzlauer Berg, in Kreuzberg oder Neukölln interessiert sie auch nicht wirklich. „Weil die so substanzlos ist“, lautet ihr hartes, aber gut begründetes Urteil. Was Berlin das Blasenhafte verleihe, sagt Clausen, ist nicht das Fehlen von Ideen oder hart arbeitenden Menschen, beides gibt es zur Genüge, sondern die fehlende Wertschöpfungskette. Und die Unternehmensberaterin weiß, wovon sie spricht. Sie gilt nicht nur als bestens vernetzt in der Startup-Szene, sie hat selbst Firmen gegründet. Nicht immer war das von Erfolg gekrönt, aber Scheitern macht schlau. „Wo die wirtschaftlichen Strukturen dafür fehlen“, ist sich Clausen heute sicher, „würde ich nie freiwillig etwas Kreatives machen.“ In Hamburg, neben Berlin ihre eigentliche Heimat, sei das anders. Dort ist das Kreativ- und Gründungsgeschehen in die Konzern- und Agenturwelt eingebunden.

Die Frau, die heute gefragte Speakerin und Dozentin am Institut für interdisziplinäre Arbeitswissenschaft der Universität Hannover ist, hat selbst einen Lebenslauf, der einerseits nicht ganz geradlinig, anderseits typisch für die Generation Y ist. Getrieben von der Idee mit Gleichgesinnten „einen Ort zu schaffen, wo wir immer sein können und jeder jederzeit kommen kann“, kündigte Clausen ihre Festanstellung und gründete 2010 zusammen mit Partnern das betahaus Hamburg, wo sie zwei Jahre lang geschäftsführende Gesellschafterin war. Der Coworking Space, nach dem betahaus Berlin der zweite unter dem Markendach, wurde zum Vorzeigeprojekt und Zentrum der Coworking-Bewegung in Deutschland.

Lena Schiller Clausen ist also nicht nur Protagonistin, sondern mit ihrer Pionierarbeit zugleich auch eine Multiplikatorin der kreativen Klasse. Ihre Aufgabe, so nüchtern beschreibt sie es, bestand vor allem darin, Leute zusammenzubringen: „Der Coworking Space war nur ein Trojanisches Pferd, bei dem es gar nicht darum geht, wie der Raum gestaltet „Der Coworking Space war nur ein Trojanisches Pferd” ist, sondern darum, die Beziehung zwischen Menschen aktiv zu gestalten. So entstehen Dinge, die sonst nicht entstehen, weil Ideen plötzlich weitergetragen werden“, erklärt Clausen. „Angetrieben vom Community-Gefühl, aber auch vom positiven Feedback aus Großunternehmen wird man zum Facilitator und erschafft ein wirtschaftliches Ökosystem, in dem enorm viele Ressourcen und Wissen untereinander getauscht werden, weil Menschen hochgradig vernetzt arbeiten.“

Was dabei herauskommt, zeigt das im betahaus gegründete Startup Protonet, eines von Clausens Lieblingsbeispielen. Mit ihrer Vision des „einfachsten Servers der Welt“ will das Unternehmer-Duo Ali Jelveh und Christopher Blum den IT- und Cloud-Markt revolutionieren. Sie überzeugten damit private Investoren so sehr, dass sie über die Crowdfunding-Plattform Seedmatch in 48 Minuten 200.000 Euro zur Finanzierung ein sammelten. Weil Protonet mit seinem Produkt für Selbstständige und kleine und mittlere Unternehmen (KMU) vor allem auf Datenhoheit und Informationssicherheit setzt, spielt es inzwischen eine durchaus bedeutende Rolle im Markt.

Mission: Die Zukunft der Arbeit

Solche Erlebnisse brachten Lena Schiller Clausen zu dem, was heute ihre Mission ist: Die Zukunft der Arbeit. Die Veränderungen in der Arbeitswelt und ihre Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft sind auch Gegenstand ihres kürzlich erschienen Buchs. Zusammen mit Co-Autor Christoph Giesa zeigt sie darin an vielen Beispielen, wie Startups etablierte Unternehmen und ganze Branchen aufmischen. Ihre präzise Analyse ist zugleich eine profunde Handlungsanleitung für Zukunftsgestalter. Und für die Autorin selbst erst der Anfang ihrer Arbeit, in der sie ihre Erfahrungen immer wieder in der Praxis erprobt, um so Unternehmen und Gesellschaft zu verändern.

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Megatrend New Work

Megatrend New Work

Die Digitalisierung wirft den Menschen auf sein Menschsein zurück – vor allem im Arbeitsleben. Wenn Maschinen künftig bestimmte Arbeiten besser verrichten können als der Mensch, beginnen wir, über den Sinn der Arbeit nachzudenken. Wenn die Arbeit uns nicht mehr braucht, wofür brauchen wir dann die Arbeit? New Work beschreibt einen epochalen Umbruch, der mit der Sinnfrage beginnt und die Arbeitswelt von Grund auf umformt. Das Zeitalter der Kreativökonomie ist angebrochen – und es gilt Abschied zu nehmen von der rationalen Leistungsgesellschaft. New Work stellt die Potenzialentfaltung eines jeden einzelnen Menschen in den Mittelpunkt. Denn Arbeit steht im Dienst des Menschen: Wir arbeiten nicht mehr, um zu leben, und wir leben nicht mehr, um zu arbeiten. In Zukunft geht es um die gelungene Symbiose von Leben und Arbeiten.

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