Nur Mut, Frau Kramp-Karrenbauer!

 

Harry Gatterer, Geschäftsführer des Zukunftsinstitut, empfiehlt der neuen CDU-Chefin auch am Tag nach ihrer Parteitagsrede an selbige zu glauben. Hier sein 8-Punkte-Programm des Muts.

Die Gestaltung der CDU – und nach der nächsten Wahl vielleicht ganz Deutschlands – ist ab sofort Ihre Aufgabe, Frau Kramp-Karrenbauer. Seien Sie dafür ein Zukunfts-Provokateur, wie Sie es am Parteitag vorgelebt haben, und entwickeln Sie eine Zukunftsmut-Agenda für Deutschland:

Mut, eine große, positive Vision zu entwickeln

Ein guter Startpunkt für jeden Zukunfts-Provokateur ist das Erzeugen einer eigenständigen Erzählung der Zukunft, einer Vision. Von dieser kann die nötige Klarheit ausgehen, um die Zukunft zu einem Hoffnungsraum zu machen. Wie Yuval Noah Harari es formuliert: „In einer Welt der irrelevanten Informationsüberschwemmung, steckt die Kraft in der Klarheit.“ Zur Zeit erscheint die Zukunft vielen Menschen hoffnungslos und problematisch, die Vergangenheit verströmt indes die romantische Aura eines besseren Lebens. 61 Prozent der Deutschen empfinden, dass die Welt früher ein besserer Ort war. Das hat die Bertelsmann Stiftung jüngst erhoben. In ganz Europa sind es zwei Drittel der Bevölkerung, die so fühlen. Dabei leben wir in einer hoch entwickelten und guten Welt, wie sie sich viele frühere Generationen nicht zu träumen gewagt hätten. Das reale Kollektivempfinden produziert jedoch andere Bilder und Gefühle. Das Kommende verspricht technoid und konfliktreich zu werden. Das gute Gefühl kommt abhanden. Der Status Quo wankt. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, mutig neue und lebenswerte Bilder der Zukunft zu entwickeln. Für Deutschland. Für Europa. Waren in der Nachkriegszeit die zertrümmerten Häuser der sichtbare Motivator für eine bessere Zukunft, so sind es heute die zerstörten Zukunftsbilder. Haben Sie also den Mut, jenseits stereotyper Zukunfts-Plattitüden eine große und optimistische Vision der zukünftigen Gesellschaft zu entwickeln. 

Mut, für eine Kultur der Emotionen und radikalen Ehrlichkeit

In einer Welt der Fake News und dem erbitterten Kampf um jedes Quäntchen Aufmerksamkeit sehnen sich die Menschen nach echten Emotionen und Ehrlichkeit. Die aus taktischem Kalkül emotional hochgekochten Scheinthemen umzingeln die Menschen und führen zu einem Verlust von sozialem Vertrauen. Die Antwort darauf muss radikal sein: radikal ehrlich. Radikaler als es uns vielleicht heute im Alltag für angemessen erscheint. Radikaler als es unter dem heimeligen Schutzmantel von Angela Merkel vielleicht tatsächlich aussieht. Und vergessen Sie nicht: Emotionen sind erlaubt, ja gar erwünscht. Aber: Echte menschliche Emotionen. Sie sind die Basis für jegliche Resonanzerfahrung. Ehrliche Emotionen zeigen was man fühlt und sie sind Signale über den Zustand der Gesellschaft, ob traurig, wütend oder genervt. Ehrliche Emotionen sind keine schönenden Floskeln der Fassade, aber auch keine Hasspostings im Internet. Haben Sie den Mut, unsicheren Wirklichkeiten, Verschwörungen und Empörungen durch radikale Ehrlichkeit und echte Empathie den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Mut, Angst nicht zum zentralen Argument jeder Debatte zu machen

Angst und Sorge sind die Basis vieler öffentlicher Debatten geworden. German Angst sells, more than Sex! Angst ist daher leicht zu adressieren, weil sie unser Überleben sichert, aber sie ist guter Ratgeber, wenn es darum geht, in die Zukunft zu blicken. Angst blockiert, sie verengt unser Denken. Angst wird geschürt, um zu trennen, um abzugrenzen. Unterschiedliche Lager werden durch Angst gegeneinander ausgespielt, schaukeln sich hoch. Die populistische Migrationspolitik zeigt das: „Würde es die bösen Ausländer nicht geben, man müsste sie glatt erfinden“, meinte sarkastisch dazu der Philosoph Zygmunt Bauman. Dabei sind es nicht angstgetriebene Debatten, sondern es sind die verbindenden Dialoge, die konstruktive, neue Einsichten und Lösungen hervorbringen. Haben Sie also den Mut, das Verbindende über das Trennende zu stellen und Lösungen zu finden, anstatt Probleme zugunsten von Angst offen zu halten.

Mut, den kurzfristigen Verlockungen des Populismus zu trotzen

Das kurzfristige Denken hat unsere Gesellschaft erobert: Schnelle Renditen, immer schnellere Computer, immer mehr gleichzeitig erleben wollen, … Dafür sind uns scheinbar alle Mittel recht und den Blick für die langfristigen Auswirkungen unseres Handelns haben wir verdrängt. Es mag antiquiert wirken, sich an den Weisenrat der Irokesen zu erinnern, der bei wichtigen Fragen sieben Generationen nach vorne dachte und den Impact auf die zukünftige Gesellschaft in seine Entscheidungsfindung mit einbezog. Die Lorbeeren seiner Entscheidungen konnte der Weisenrat nicht ernten, er musste sich mit der idealistischen Vorstellung begnügen, nachhaltig entschieden zu haben. Da erscheint es doch deutlich lukrativer, sich im Lichte kurzfristiger Hypes zu sonnen und ein übertriebenes Gefühl von Geschwindigkeit für sich zu nutzen. Tempo ist wichtig, aber bei vielem geht es nicht um Tempo, sondern um Timing. Haben Sie also den Mut, dem kurzfristigen Populismus zukunftsfähige Entscheidungen entgegenzusetzen. Treffen Sie Entscheidungen, und denken Sie dabei an Ihre Ur-ur-ur-ur-Enkel. 

Mut, Wachstum als allumfassende Maxime zu kippen

Wenn heute auf der Autobahn ein Unfall geschieht, ist das für unsere Brutto-Inlands-Bilanz sehr gut. Der Unfall erzeugt Aufwand und Umsatz und damit Wirtschaftswachstum. Und das ist unser gewohntes Paradigma: Wachsen, wachsen, wachsen. Wir definieren uns über Wachstum, es steht für erfolgreiches Wirtschaften und Wohlstand. Es steht für den Stolz Deutschlands. Aber das quantitative Wachstum hat natürliche Grenzen. Die Ressourcen der Erde sind endlich. Und betrachtet man die Zahlen, ist seine Ära ohnehin schon vorüber. Seit der Weltwirtschaftskrise 2008 hat sich das jährliche globale Wachstum fast halbiert – von 4,5 bis 5 Prozent in den 1970er-Jahren auf heute nur noch 2,3 bis 3 Prozent. Einzelne Ausreißer ändern nichts am langfristigen Trend. Bis zur Jahrhundertmitte werden globale Wachstumsraten von unter 1 Prozent erwartet. Wann, wenn nicht jetzt, ist der richtige Zeitpunkt, Wachstum zu überdenken? Jetzt ist die Zeit, um auf politischer Ebene, Wachstum als rein ökonomische Kategorie zu erweitern um ein qualitatives Wachstumsverständnis, welches die gesellschaftliche, ökologische und menschliche Komponente mit einschließt. Es muss ein Next Growth werden, das Wirtschaft als systemisch und zyklisch, sich evolutionär zu höherer Komplexität entwickelnd begreift. Haben Sie also den Mut, die Vorstellung von linearem Wachstum zugunsten zyklischer Entwicklungsprozesse zu begraben und damit Wirtschaft neu zu denken.

Mut für lokale Adaptionen von globalen Entwicklungen

Unsere Realität im 21. Jahrhundert heißt Globalisierung. Das gilt es zunächst einmal zu akzeptieren, mit all seinen Potenzialen und Schwierigkeiten. Der Fokus liegt aktuell auf Letzterem. Die zahlreichen globalen Probleme beschäftigen unsere Gesellschaft, aber mit regionalem Denken lassen sie sich nicht lösen. Im Sinne des Glokalen gilt es, kluge und lokal angepasste Lösungen im globalen Bewusstsein zu finden. Es geht nicht darum, das Eigene im Globalen aufzugeben, sondern es im Kontext des Globalen beständig zu adaptieren. Jede Tradition lebt von der Transformation: Keine Lederhose ohne Smartphone in der Tasche! Grenzen sind dabei genauso wichtig wie Öffnungen. Haben Sie also den Mut, für eine neue Balance im Umgang mit dem Globalen zu sorgen.

Mut, im postdigitalen Zeitalter selbst Fortschritt zu definieren

Technologie scheint aktuell die Antwort auf alle unsere Fragen zu sein. Selbst auf die, die sich nie gestellt haben. Alles lässt sich in Nullen und Einsen auflösen und am Ende übernimmt ohnehin die Künstliche Intelligenz die Welt, so das dominierende Narrativ unserer Zeit. Aber hat der mächtige Trendbegriff der Digitalisierung seinen Zenit nicht bereits überschritten? Menschliche Qualitäten werden gerade in einer hyperdigitalisierten Welt zunehmend wichtiger und wertgeschätzt. Das Digitale soll keineswegs verleugnet werden, es soll als das angesehen werden, als das es den größten Nutzen für uns hat: als selbstverständlicher, omnipräsenter Teil unseres Lebens. Als – ohne Zweifel – wichtiger Treiber der Wirtschaft. Aber ohne ihm die Macht zuzuschreiben, alles umzuwälzen und alle Probleme zu lösen. Haben Sie den Mut, Technologie als neue, natürliche Umgebung anzuerkennen, die wir bestimmen und lenken

Mut für die Stärkung der Co-Prinzipien der vernetzten Wir-Gesellschaft

Co-Living, Co-Mobility, Co-Creation, ... das Co-Prinzip ist eine Antwort auf die Komplexität der heutigen Welt. Kooperation und flexible Gefüge machen es einfacher, auf instabile Wirklichkeiten zu reagieren und die Komplexität zu bewältigen. Neue Formen von Zusammenhalt und Zusammenarbeit wollen gespürt und geschaffen werden, weit über die Sharing Economy hinaus. Mehr denn je sucht das individualisierte Ich nach Resonanz in kollaborativen Gemeinschaften. Dabei geht es um mehr als Teilhabe, es geht um aktives Gestalten der eigenen Lebenswelt, Sinnstiftung und neue Gestaltungsräume. Statt um Ausgrenzung – die seit 2015 in Deutschland wieder en vogue ist – geht es um ein Zusammenleben, das aus der Vielfalt schöpft, unterschiedliche Werte toleriert und der Gesellschaft so die Möglichkeit gibt, sich weiterzuentwickeln – und gleichzeitig Bedenken und Sorgen ernst nimmt. Nicht allein die Herstellung von Konsens, sondern der Umgang mit Dissens macht eine Gruppe, eine Organisation, eine Demokratie stark und resilient gegenüber künftigen Krisen. CDU und CSU haben hier ja Erfahrung. Haben Sie den Mut, das progressive Wir als Zukunftsbild zu erkennen und für ein gemeinsames Zukunftsbild zu arbeiten.

Zukunftsmut zu entwickeln ist nicht alltäglich, nicht trivial. Es ist eine Arbeit an der Zukunft wider den Zeitgeist. Es ist eine Beschäftigung mit den eigenen Werten und Annahmen und der eigenen Organisation, Ihrer CDU. Damit können Sie ab Montag beginnen, liebe Frau Kramp-Karrenbauer. Erstmal. Dann heißt es, aus der eigenen Selbstvergewisserung nach Außen zu blicken, neue Facetten und Möglichkeitsräume zu entdecken und zu ermöglichen – darum geht es letztendlich ja in der Politik. Denn: Die Zukunft ist noch nicht gemacht. Diese Zuversicht sollten wir nie verlieren. Diese Zuversicht braucht Deutschland, braucht ganz Europa. 

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Harry Gatterer

Harry Gatterer ist Geschäftsführer des Zukunftsinstituts. Sein Spezialgebiet ist die Integration von Trends in unternehmerische Entscheidungsprozesse. Er berät Unternehmen dabei, relevante Trends zu erkennen und zu nutzen.