Hoffnung für die verstimmte Nation

In seinem Buch "Das Gefühl der Welt" analysiert der Soziologe Heinz Bude Deutschlands tiefe Stimmungsgräben. Grund zur Hoffnung sieht er in der neuen Spezies der "Zukünftigen".

Von Dr. Daniel Dettling (08/2016)

Ist die Stimmung besser als die Lage oder umgekehrt? Ausgehend von den ökonomischen Kerndaten geht es Deutschland hervorragend: Höchststand bei den Beschäftigten, anhaltend hohe Kauflaune und Exportüberschuss, Überschüsse bei den öffentlichen Haushalten. Die gute wirtschaftliche Ausgangslage entspricht jedoch nicht der öffentlichen Stimmung. Eine kollektive Panikattacke jagt die andere: Flüchtlingskrise! Erosion der Mittelschicht! Die Volksparteien rutschen ab! Die Medien lügen! Deutschland, einig Panikland?

Zu den großen Deutern der deutschen Gegenwart gehört der Soziologe Heinz Bude. In seinem neuen Buch "Das Gefühl der Welt. Über die Macht der Stimmungen" beobachtet er eine "Stimmung absoluter Gereiztheit". Die stimmungsgeladene und angstgetriebene Auseinandersetzung finde dabei weitgehend ohne Argumente statt. Nicht nur der Kapitalismus, sondern auch der Anti-Kapitalismus ist heute heimatlos, so Bude: Die "heimatlosen Anti-Kapitalisten" leiden an der Ökonomisierung der Gesellschaft, sogar wenn sie selbst an den Finanzmärkten gutes Geld verdienen.

Auf der anderen Seite des Ufers sieht Bude die "entspannten Systemfatalisten", die alles als gegeben hinnehmen. Beide Lager blicken völlig unterschiedlich gestimmt auf die Welt. Das erste Lager sieht die Welt gefährdet und ohne Zukunft, das zweite Lager offen, aber kaum gestaltbar. Beide Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber, und keine Partei schafft es derzeit, den Widerspruch der beiden Stimmungen aufzulösen.

Ist Politik in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung wirklich so alternativlos, wie es die Eliten in Wirtschaft und Politik behaupten? Es ist eine Ironie der aktuellen Geschichte, dass die deutsche Bundeskanzlerin mit ihrem Diktum der Alternativlosigkeit eben jene "Alternative für Deutschland" stärkte, die als Angst- und Antipartei bei den (vermeintlich) Abgehängten und Ausgegrenzten abräumt. Merkels Politik der Alternativlosigkeit entsprang auch jene "Willkommenskultur", die im Sommer 2015 das deutsche Stimmungsfass zum Überlaufen brachte. Erst spät, und dann auch nur in einer Talkshow begründete die Bundeskanzlerin ihre Politik der offenen Grenzen. Ihrem "Wir schaffen das" fehlte das "Wir": "Wir" wurden gar nicht erst gefragt. Seitdem nimmt die Stimmungsirritation rasant zu.

"Die Stimmung", so Bude, "stellt an mich die Frage, wozu ich mich in meinem Dasein verstehen und was für ein Leben ich führen will." Man kann nicht nicht gestimmt sein, zitiert Bude den Philosophen Martin Heidegger. Welches Leben will Angela Merkel mit sich und uns führen? Stimmungen sind nicht ihre Sache. Für (un)angenehme Laune zu sorgen, das überlässt sie lieber anderen.

Ähnlich wie die weißen Wähler in den USA, die in Donald Trump den Retter des gottesfürchtigen Amerika sehen, erhoffen sich die in der Mehrheit männlichen Wähler der AfD Schutz vor Veränderungen. Beide wollen sich am liebsten einmauern und abschotten. In den Geflüchteten sehen sie die Inkarnation der als negativ empfundenen Globalisierung. Als Heimatlose neigen sie zur Dramatisierung und zu Panikattacken. Ihnen mit einer Strategie der bloßen Entdramatisierung zu begegnen, ist für Bude sinnlos: "Wenn die einen sich über eine Politik ohne Alternative, über Lügenpresse und Volksverdummer empören, halten die anderen die Normalität des Durchwurstelns, die Selbstreferenz der Massenmedien und die Relativität der Wahrheiten hoch." Beide Lager kommunizieren aneinander vorbei.

Bude sieht vor allem das zweite Lager in der Bringschuld. Warum nicht bei den Verbitterten und Verängstigten anklopfen und mit ihnen ins Gespräch kommen? Der jüngst wiedergewählte Grüne Winfried Kretschmann hat darauf hingewiesen, dass nur ein Teil der AfD-Wähler rechtsradikal sei, aber alle anderen nicht. Es mache daher wenig Sinn, sich dauernd über die AfD zu empören. "Empört euch!" ruft der Ministerpräsident auch seinen Grünen zu, und fasst den Begriff der Integration weiter als nur im Hinblick auf die neuen Geflüchteten: "Wer ‘Ausländer raus’ ruft, ist auch nicht integriert." Statt Vereinfachen ist Komplexitätssteigerung, statt Ressentiment argumentatives Aufrüsten angesagt.

Richten sollen es die "Zukünftigen". Gemeint sind jene, die sich umsichtig verhalten und ihre Verpflichtungen übernehmen, aber nicht mehr an "imperative Formeln wie Generationengerechtigkeit oder Nachhaltigkeit“ glauben. Die Zukünftigen ziehen lieber aufs unbekannte Land als ins Silicon Valley, dem Ort der digitalen Beschleunigung. Ihr ethisches Können bezieht sich auf ein Eingebettetsein vor Ort, persönlichen Mut und eine Praxis der sozialen Verpflichtung. Die Zukünftigen wollen Partner und Mitwirkende sein, ihre Stimmung ist "Weltoffenheit ohne Selbstverneinung". Anders formuliert: Kommunikation auf Augenhöhe, ohne Angst vor Komplexitätssteigerung.

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