Rineke Smilde: „Musiker können Vermittler des Wandels sein“

Im Vorfeld des Future Day 18 haben wir uns mit Rineke Smilde unterhalten. Die Musikpädagogin wird uns in ihrem Future-Day-Talk am 7. Juni zeigen, dass Musik deutlich mehr ist als Unterhaltung. Zudem wird sie mit ihrer Kollegin Krista Pyykönen einen Live-Einblick in Ihre Arbeit gewähren. Im folgenden Interview gibt uns Smilde vorab schon einen kleinen Einblick in die gesellschaftlichen Potenziale der Musik.

Future Day 2018 - Interview mit Rineke Smilde

Frau Smilde, Sie beschäftigen sich intensiv mit alternativen Potenzialen von Musik. Woran arbeiten Sie dabei genau?

Ich war schon immer in der Musik engagiert, aber seit 14 Jahren leite ich die Forschungsgruppe „Lifelong Learning in Music“. Es gibt so viel Wandel, auch kulturellen Wandel, und wir sehen uns an, wie man professionelle Musik neu einsetzen kann. Musiker wurden bislang zu wunderbaren Performern ausgebildet, das müssen sie auch weiterhin werden, aber Durch Musik können wir Menschen immer erreichen, auch wenn wir mit Worten nicht mehr zu ihnen durchdringen eine sich so rasant verändernden Welt bedeutet auch, dass sich der Beruf des Musikers schnell verändert. Und Musik kann eine viel größere Rolle im Leben der Menschen spielen als wir es bislang kennen. Musiker waren bisher sehr auf sich selbst fokussiert. Sie wollten das Beste aus sich herausholen, in einem Orchester spielen und vom Publikum geliebt werden. Das ist legitim, aber man kann auch mit Publikum interagieren, das nicht in Konzerthallen kommt. Menschen, die es sich etwa nicht leisten können oder die krank sind. Wir fokussieren uns mit unserer Forschungsgruppe auf neue Anwendungsmöglichkeiten von professioneller Musik.

Welche sind das zum Beispiel?

Wir arbeiten beispielsweise mit Demenzkranken und deren Pflegern zusammen. Wenn Menschen an Demenz leiden, vor allem in einem fortgeschrittenen Stadium, verlieren sie ein Stück weit ihr Menschsein. Durch Musik können wir die Person hinter der Demenz wieder sichtbar machen. Dabei profitieren wir auch davon, dass jenes Areal im Gehirn, das für Musik zuständig ist, trotz Demenz intakt bleibt. Durch Musik können wir Menschen also immer erreichen, auch wenn wir mit Worten nicht mehr zu ihnen durchdringen. Musiker sollen sich aber nicht entscheiden, die klassische Unterhaltung zu verlassen und Therapeuten zu werden. Es funktioniert beides nebeneinander, man kann so mit total verschiedenen Publika agieren. Für die Musiker ergeben sich daraus neue Erfahrungen und eine völlig andere Sicht auf ihre eigene Rolle in der Gesellschaft.

Welche Auswirkungen hat die Arbeit mit Patienten?

Sie vermittelt den Leuten wieder Bedeutung. Wir haben seit zwei Jahren ein Projekt namens Meaningful Music in Healthcare. Dabei arbeitet eine Gruppe von drei Musikern am University Medical Center Groningen an sieben aufeinanderfolgenden Tagen mit Patienten. Das bedeutet, dass sie die Patienten in den Tagen vor und nach ihrer Operation begleiten. Wir spielen für einen Patienten oder eine Gruppe von Patienten und dabei zeigt sich, dass das Schmerzlevel der Patienten nicht nur während der Spieldauer sinkt, sondern es drei Stunden danach sogar noch weiter zurückgeht. Wohlgemerkt geht es dabei um Live-Musik. In diesem Zusammenhang ist die soziale Interaktion zwischen den Menschen sehr wichtig. Wir waren in einem Raum mit vier Patienten unterschiedlichen Alters. 

Eine 82-jährige Frau fing nach dem Ende der Musikeinheit an zu weinen und fragte, ob sie irgendwann wieder laufen können werde. Man hat dann gesehen, wie die anderen Patienten gemerkt haben, was für eine schwere Zeit sie durchmacht. Ansonsten waren sie es gewohnt, mit ihren Headsets da zu sitzen und auf ihre Telefone zu starren oder Ähnliches. Die Schwestern haben uns später erzählt, dass sich die anderen Patienten danach sehr um diese Frau gekümmert haben. Sie haben miteinander u.a. über die Musik und die Musiker gesprochen. Wichtig ist auch, dass es sich dabei um keine schlichte Darbietung handelt, sondern um „person-centered improvisation“. Die Musiker stellen sich auf die Patienten ein und improvisieren, spielen Bach genauso wie Pink Floyd oder Schlager. Oft liefern die Patienten mit ihrer Geschichte auch den Rahmen. Dadurch kann Musik ihnen durch eine schwere Phase helfen.

Ärzte haben immer weniger Zeit, um sich wirklich auf Patienten einzulassen. Dabei zeigen Studien, dass die Menschen gesünder sind bzw. schneller wieder gesund werden, wenn es eine stärkere Interaktion zwischen Arzt und Patient gibt. Ist das hier dasselbe Prinzip?

Exakt. Was sich in unserer Arbeit zeigt ist auch, dass es gar nicht unbedingt Musik sein muss, die man bewundert, das ist nicht so wichtig. Was zählt, ist die persönliche Erfahrung. Der Gedanke, man muss Demenzkranken Musik vorspielen, die sie kennen, ist nicht richtig. Musik funktioniert immer.

Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund die zukünftige Rolle der Musiker in der Gesellschaft? Welche Bedeutung können sie für die Interaktion von Menschen haben?

Ich glaube, sie können überall helfen, wo Menschen sozial benachteiligt sind. Ich denke da sehr stark an die Jugend, Kinder mit Autismus beispielsweise, aber auch Häftlinge. In diesem Bereich gibt es gute Initiativen in London und Amerika. Musiker arbeiten in Gefängnissen mit Häftlingen, spielen ihnen aber nichts vor, sondern fordern sie, spielen teilweise auch gemeinsam. Es geht darum, sie zu ermächtigen. In London produzieren sie gemeinsam mit den Häftlingen CDs, die sie an ihre Familien schicken können. Die Ermächtigung ist sehr wichtig, für Häftlinge genauso wie für Patienten. Sie gibt Menschen Kontrolle zurück, in einem Umfeld, in dem sie eigentlich keine Kontrolle haben, in dem sie immer kontrolliert werden. Musiker können in solchen Bereichen wichtige Rollen übernehmen und Vermittler des Wandels sein.

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