Silver Economy: Enoughness statt Expansion

Wird der der demografische Wandel die Wirtschaft schwächen? Im Gegenteil: Gerade eine reifere Gesellschaft wird den bevorstehenden Umbruch des ökonomischen Systems gestalten.

Von Christian Schuldt (06/2016)

Seit den 1950er-Jahren setzen wir „Wachstum“ gleich mit „Wohlstand“ – und das Ausbleiben von Wachstum mit einem ökonomischen Worst-Case-Szenario. Die Analogie zur heutigen Gesellschaft, die “Jugendlichkeit” zum Leitbild erkoren hat, ist offensichtlich: Der kindlich-jugendliche Wachstumsmodus ist zum erstrebens- und erhaltenswerten Idealzustand geworden, und das Nicht-mehr-weiter-Wachsen(-Können), das Altwerden, stellt eine fundamentale Kränkung dar. Wachstum gilt heute in vielerlei Hinsicht als nicht zu hinterfragende Antwort auf alle Probleme. Und alles, was nicht auf Wachstum abzielt, wird als tendenziell defizitär behandelt, als unbedingt vermeidbar. Sei es das persönliche Altwerden oder ein stagnierendes Wirtschaftswachstum.

Gerade das Wirtschaftssystem hilft aber auch, eine Vorstellung davon zu gewinnen, wie eine Gesellschaft jenseits des Wachstums aussehen könnte. Denn vieles deutet heute darauf hin, dass die Ära der ökonomischen Wachstumsfixierung an ein Ende gelangt und ein echter Umbruch bevorsteht – hin zu einer Postwachstumsökonomie. Diese nächste Wirtschaft verkörpert ein neues ökonomisches Mindset, verbunden mit Schlagworten wie „Low Growth“ oder „No Growth“. Wirtschaft wird hier nicht mehr als potenzierte Wachstumsmaschine betrachtet, sondern als Werkzeugkasten voller Möglichkeiten für eine alternative Ökonomie.

Ein ökonomischer Shift von der Orientierung an „äußeren“ (materiellen) zu „inneren“ (immateriellen) Werten ist keine bloße Wunschvision, sondern eine ganz reale, pragmatische Perspektive: Schon die faktischen Umstände nötigen uns zu einem Systemwechsel. „In Deutschland und Europa werden wir es in den nächsten 20 Jahren weiterhin mit zurückgehenden Wachstumsraten und zunehmend mit einer Stagnation zu tun haben“, sagt Prof. Dr. André Reichel, Professor für Critical Management & Sustainable Development an der Karlshochschule. „Die Weltwirtschaft wächst zwar weiter, aber deutlich langsamer als in den 20 Jahren vor der Finanzkrise 2008. Und bis zur Jahrhundertmitte werden wir auch global Wachstumsraten von unter einem Prozent haben.“

Unternehmen brauchen deshalb neue Geschäftsmodelle und eine stärkere Vernetzung mit dem Rest der Gesellschaft. Sie müssen anfangen, unabhängiger vom Wachstum zu werden. „Damit stellt sich automatisch die Sinnfrage nach dem Zweck des Wirtschaftens: immer mehr Profit – oder vielleicht doch bessere, weil sozial und ökologisch vorteilhaftere Problemlösungen.“ Viele Social Businesses, die schon heute erfolgreich sind, leisten in diesem Prozess Pionierarbeit und können als Vorbild auf dem Weg in diese Next Economy dienen.

Eine ganzheitlichere Perspektive auf Wirtschaft fokussiert nicht mehr auf Wachstum, sondern auf ökonomische Resilienz. Wie adaptiv kann ein ökonomisches System auf Krisen reagieren, alte Sektoren wiederbeleben und zukunftsfähige Wissenstransfers herstellen? Der wirtschaftliche Fokus liegt nicht mehr auf kurzfristiger Erlöseffizienz, sondern auf langfristigen symbiotischen Beziehungen und vernetzter Potenzialität. Vielleicht ist es genau das, was der japanischen Wirtschaft zur Revitalisierung fehlt: ein Kulturwandel, der es ermöglicht, neue mentale Muster zu entwickeln – aus denen dann auch wieder neue Produkte und Services entstehen können.

Next Economy: Die Innovation der Innovation

Die Next Economy eröffnet auch deshalb eine große Chance für einen systemischen Neubeginn, weil sie auf ein reflexiveres, zukunftsweisendes Verständnis von Innovation setzt, ohne die Scheuklappen des Wachstumsparadigmas. Das traditionelle Innovationsdenken ist stets auf „neu“ und „mehr“ ausgerichtet gewesen. Die Next Economy baut dagegen auf neuartige Innovationsstrategien: auf die Innovation der Innovation. Der Postwachstums-Vordenker Prof. Dr. Niko Paech hat diese Innovationen der Next Economy in drei grundlegende Konzepte aufgeteilt:

  • Exnovation: Innovation durch Substitution. Beispiele sind die Energiewende, die kernfossile Energieformen durch erneuerbare ersetzt, oder jene Teile der Sharing Economy, die wachstumsabhängige, energie- und CO2-intensive Produkte und Geschäftsmodelle untergraben.
  • Renovation: Innovation durch Bestandserhaltung. Zum Beispiel das Re-Design und Re-Manufacturing von Produkten mit dem Ziel, den Produktlebenszyklus zu verlängern.
  • Imitation: Innovation durch Reaktivierung. Hier geht es um das Wiederaufgreifen von Neuerungen, die sich früher schon einmal als brauchbar erwiesen haben, beispielsweise der Biolandbau.

Entscheidend ist: Alle drei Strategien eröffnen neue Optionen für Postwachstumsinnovationen, indem sie auf „Altes“ zurückgreifen und Exploration unter wachstumsemanzipierten Bedingungen neu definieren – so wie die Pro-Aging-Gesellschaft von der Aufwertung und Wiederentdeckung der Altersweisheit lebt, von der Anzapfung des krisenerprobten, mit existenzieller Erfahrung angereicherten Lebens- und Weltwissens der Alten. Auch die Freeager von morgen sind keine „alten Alten“, sondern eine Innovationsquelle zweiter Ordnung: Befreit von der traditionellen Alters-Verkrustung und von der aktuellen Jugend-Fixierung, können sie neue Wege in die Zukunft weisen, bei denen der Reichtum der Vergangenheit nicht ausgeklammert, sondern konstruktiv remodelliert wird.

Um diese Potenziale bewusst und sinnhaft entwickeln zu können, anstatt weiterhin auf blindes Wachstum zu setzen, braucht die Wirtschaft – so wie die gesamte Gesellschaft – eine neue Form von Aufklärung: einen Shift von Wachstum zu Weisheit. Erst dann kann eine neue evolutionäre Stufe der Wissenskultur erreicht werden, die nicht mehr auf möglichst schnelle und effiziente Informationsverarbeitung zielt, sondern von einer sinnlicheren und intensiveren Weltwahrnehmung angetrieben wird. Dieser Weg kann mit dem traditionellen, eindimensionalen Innovationsdenken nicht beschritten werden. Die Innovation von morgen zielt nicht mehr auf Produkte und Effizienz, sondern auf Erkenntnisse. Sie ist nicht handlungsorientiert, sondern reflexiv nach innen gerichtet. Dieser wahrnehmungsgeleitete Ansatz gelingt der Pro-Aging-Welt mit einer echten Offenheit für einen Perspektivwechsel und seine Konsequenzen. Mit der Lust auf eine andere, bessere, vitalere Welt – durch achtsame Selbstbeobachtung beim Beobachten der Welt.

„Low Growth“ wird zu „New Growth“ und „Free Growth“

Deshalb zehrt die nächste Gesellschaft nicht nur vom Vorwärtstrieb der Jugend, der sich naturgemäß primär an äußeren Motiven orientiert, sondern ebenso vom Weltwissen der Freeager, das sich aus der inneren Erfahrung speist. Dieses Gleichgewicht der Generationen und Lebensphasen ermöglicht eine zyklische Revitalisierung der Gesellschaft – und damit auch echte soziokulturelle und ökonomische Innovationen. „Low Growth“ wird dann künftig zunehmend „New Growth“ oder „Free Growth“ bedeuten. Denn ein reiferes, reflexiveres Wachstumsdenken, das von der Fixierung auf rein äußerliche Motive und Mantras befreit ist, ist zugleich offen für die eigentlichen, langlebigen Grundwerte des Wirtschaftens und Lebens.

Die Freeager von morgen sind prädestiniert, dieses neue Denken und Handeln, das auf reflektierte „Enoughness“ setzt anstatt auf fortwährende Expansion, in die Gesellschaft zu tragen. Ihr „Weniger ist mehr“-Mindset spiegelt sich schon in dem Phänomen, das als „Paradox of Aging“ bekannt ist: Ältere Menschen haben zwar tendenziell ein kleineres soziales Umfeld und sind weniger fokussiert auf Neues – aber sie sind mindestens genauso glücklich wie Jüngere. Diese altersweise Gelassenheit ist das Äquivalent zu den Wirkmustern der Next Economy. Beides wird den Wertewandel der nächsten Gesellschaft prägen – und dem Pro-Aging-Mindset den Weg ebnen.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem im April 2016 erschienenen Scenario-Buch “Pro-Aging”.

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