Movement Culture:
Die Wiederentdeckung des Körpers

Der Fitness-Hype hat seinen Peak erreicht – was kommt danach? Wichtiger als stumpfe Selbstoptimierung wird die „Fähigkeit, sich zu bewegen“ und der achtsame Umgang mit
dem Körper.

Von Yvonne Winnefeld

Fitness boomt wie nie zuvor. Deutsche Fitnessstudios liegen laut dem Deutschen Sportstudio Verband mit weit über neun Millionen Mitgliedern quantitativ sogar vor Fußballvereinen. Noch nie war der Fitnessgedanke so selbstverständlich in den gesellschaftlichen Alltag integriert – die Yogastunde vor Arbeitsbeginn, das 20-Minuten Workout in der Mittagspause, das Cardiotraining am Abend. Und immer mehr Apps und Geräte, begleiten uns dabei. Der Fitness-Tracker am Arm weiß, wie viele Schritte man am Tag bereits zurückgelegt hat, die Apple Watch, wie viel Workout noch ansteht.

Trends wie Bodybuilding und Aerobic legten schon in den 80er-Jahren den Grundstein für die heutige Studio-Kultur. Arnold Schwarzenegger lockte die Massen an die Hanteln, und Jane Fondas Aerobic-Videos begeisterten kurze darauf auch immer mehr Frauen für Fitnessstudios. So avancierte das Workout zum zentralen Element einer gemeinsamen Körpererlebniskultur.

Heute finden wir uns in einer Welt mit einem schier endlosen Angebot wieder – von Discount-Fitnessstudios, die für wenige Euro im Monat das Studioworkout ermöglichen, bis zu Exklusiv-Fitness, Das Prinzip Fitnessstudio hat eine Kehrseite – Sport dient hier primär dem Erlangen einer bestimmten Ästhetik. bei der Training, Yogakurs und Wellness zum Erlebnis verschmelzen. Denn der sportliche Lebensstil hört nicht an der Hantelbank auf: Proteinshakes, Magazine, Sportbekleidung, Youtube-Sportfreaks, Aktivurlaube – Fitness ist in allen gesellschaftlichen Bereichen angekommen und regelmäßiges Training alltäglich geworden.

Doch das Prinzip Fitnessstudio hat eine Kehrseite: Sport dient hier primär dem Erlangen einer bestimmten Ästhetik, der Fokus liegt auf Muskelpartien oder sogenannten Problemzonen. Oft werden spezielle Muskeln überstrapaziert, Dehnungen vernachlässigt, Geräte falsch benutzt. Die Folgen können ein unnatürlicher Aufbau der Muskeln, Bewegungseinschränkungen oder sogar langwierige Schädigungen sein. Was bei diesen durchstrukturierten, methodischen Trainingsplänen zu kurz kommt, ist das Körperbewusstsein. Das Gefühl für Bewegung.

Immer mehr Menschen reicht das bloße Pumpen nicht mehr. Sie suchen die Wiedererkennung des eigenen Körpers und Bewegung als kreatives Erlebnis. Aus diesem Bedürfnis heraus formiert sich zurzeit die Trendbewegung der „Movement Culture”. Ihre zentralen Fragen lauten: Wieso bewegen wir uns? Zu welchen komplexen Formen und Abläufen ist der menschliche Körper in der Lage? Wie fühlt sich der eigene Körper in der Bewegung an?

Movement Culture zielt darauf, das riesige Bewegungspotenzial des Menschen voll auszunutzen. Als Visionär der Bewegung gilt der israelische Sportler Ido Portal, der einen dezidiert körperlichen Lebensstil lehrt und praktiziert. Für ihn ist der Körper ein Feld des lebenslangen Lernens und der Weiterentwicklung. Portal nutzt dabei Trainingsformen aus unterschiedlichsten Sportarten – etwa Capoeira, Tanz, Kampfsport, Parkour oder Turnen –, um den Körper neu kennenzulernen. Ästhetik wird in der Movement Culture nicht als Zweck behandelt, sondern als eine natürliche Begleiterscheinung.

Warum ist das Gehirn eines Tänzers kognitiv fitter als das eines gleichaltrigen "Normalsportlers“? Weil es mit jeder neuen Choreografie Bewegungen neu erlernt. Die Vielseitigkeit fördert die Wahrnehmung von Körperbewegung und -lage im Raum, die Stellung einzelner Körperteile zueinander (Propriorezeption). Ido Portal geht es nicht darum, Beweglichkeit künstlich in unseren Lebensstil zu integrieren – denn Beweglichkeit ist unser Leben.

Dieses neue Bedürfnis nach Körperlichkeit verändert auch den Fitness-Markt. Studios wie der Brooklyn Immer mehr Menschen stellen fest, dass dem normalen Fitness-Workout etwas fehlt. Zoo in New York könnten das bisherige Fitnesssystem revolutionieren: Eine 10.000 Quadratmeter große Fläche, die ausschließlich dem freien Training des Körpers gewidmet ist. Parkour-Elemente, Kletterstangen und -seile sowie Federböden sollen Anfänger und Fortgeschrittene auf dem Weg zur vollen Ausschöpfung ihrer Bewegungspotenziale unterstützen.

So stellen immer mehr Menschen fest, dass dem „normalen“ Fitness-Workout etwas fehlt. Sie entdecken den Körper neu – und tragen dazu bei, dass sich ein achtsameres Verhältnis zu Bewegung in der Gesellschaft verbreitet.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Sport

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