Von Voice zum neuronalen Interface

Ermöglicht KI digitale Interaktionen ganz ohne Device? Julia Saswito, geschäftsführende Partnerin bei Triplesense Reply, über die Innovationstreiber intuitiver Mensch-Maschine-Interfaces.

Pexels/Pixabay

Das Smartphone gilt inzwischen als persönlichster aller Gegenstände des Menschen, es ist quasi unser verlängertes Gehirn. Während das Mobile Computing die Art und Weise, wie wir mit der digitalen Sphäre umgehen, neu definiert hat, sind wir derzeit darauf angewiesen, Bildschirme mitzuführen und diese mit den Händen zu kontrollieren. Doch werden solche Geräte auch zukünftig zwischen uns und der Welt stehen? Eher nein. Denn Technologie ist zunehmend als Werkzeug zur Erweiterung und sogar Verbesserung der eigenen Fähigkeiten und Sinne gefragt.

Darüber hinaus leiden immer mehr Menschen an den Nebenwirkungen der ganztägigen Bildschirmzeit und wollen wieder unabhängiger von den Geräten werden. Diese Entwicklungen und Bedürfnisse fordern intuitivere und natürlichere Oberflächen und beschleunigen den Trend weg vom Interface-Zeitalter des „Hands & Touch“ hin zur „Mind & Body“-Ära, in der unsere Körper als Benutzerschnittstellen im Mittelpunkt stehen.

Voice, VR & Co.: Mehr Komfort und Immersion

Neben der optischen Erscheinungsweise von Geräten haben sich in den vergangenen Jahren vor allem die Interfaces selbst verändert – von den einfachen multimedialen Interfaces der Nuller-Jahre bis hin zu den Natural User Interfaces, die wir vornehmlich auf dem Smartphone oder via digitale Assistenten wie Alexa & Co. nutzen. Zu den Natural User Interfaces gehört natürlich auch die Sprache, die intuitivste Ausdrucksmöglichkeit.

Sprachsteuerung ist der erste wirkliche Meilenstein auf dem Weg zu menschlichen Benutzerschnittstellen: Mit sprachgesteuerten Interfaces ist eine völlig neue Dimension entstanden, die überzeugt, indem sie einfach, schnell und bequem ist. Sprachassistenten gelten aktuell als bedeutendster Trend in der Entwicklung neuer Schnittstellen. Laut Statista wird weltweit ein Zuwachs von heute 3,25 Milliarden auf acht Milliarden Sprachassistenten-Anwendungen und Geräte im Jahr 2023 prognostiziert.

Im privaten Bereich beschränkt sich der Einsatz von Voice meist darauf, einfache Befehle ab- und umzusetzen. Durch die Fortschritte im Machine Learning sind Sprachassistenten zunehmend in der Lage, immer mehr alltägliche, persönliche und arbeitsbezogene Aufgaben zu automatisieren, wie das Protokollieren, E-Mailen oder Telefonieren. Dies erhöht die Arbeitsproduktivität und gibt den Menschen Zeit für sinnvollere Aufgaben.

Noch einen Schritt weiter gehen Conversational Interfaces. Sie heben die Kommunikation auf die nächste Ebene der sprachgesteuerten Interaktion. Ausgestattet mit einer Art Gedächtnis, kann ein Conversational Interface darauf eingehen, was vorher passiert ist und ermöglicht somit einen echten Dialog. Je weniger dabei eine Maschine als solche anmutet, desto mehr akzeptieren die Nutzer sie als ebenbürtiges Gegenüber.

Die nächste Generation der Mensch-Maschinen-Schnittstelle wird zusätzlich durch Bewegungen des Körpers oder der Augen beziehungsweise Gesten gesteuert. Dazu gibt es bereits Anwendungsbeispiele wie das Eye-Tracking-System in Windows 10 oder die Face-ID und neue Wisch-Befehle ab dem iPhone X.

Auch Virtual Reality (VR), Augmented Reality (AR) und Mixed Realities ermöglichen völlig neue Erfahrungen und eine barrierefreie Interaktion von Mensch und Maschine. Geographische Distanzen spielen keine Rolle mehr, Produkte werden im virtuellen Raum erlebbar, und die Inszenierung jeglicher Welten garantiert interaktive und hautnah erfahrbare Wissensvermittlung. Die Integration von VR und AR mit multiplen Sensoren, Wearables und Conversational Interfaces erweitert die immersiven Erfahrungen zusätzlich und sorgt dafür, dass der Mensch virtuelle Umgebungen zunehmend als real und natürlich empfindet.

Neuronale Interfaces: Kommt die vollimmersive Zukunft?

Noch einen großen Schritt weiter geht die Entwicklung von Full-Immersion-Technologien. Verschiedene Start-ups, Big Player und nationale Forschungseinrichtungen forschen und veröffentlichen bereits Prototypen von Brain-Machine-Interfaces wie neuronalen Steuer-Headsets oder Gehirnimplantaten. Die transhumanistische Utopie: Künftig könnten wir nicht nur Ideen, Gefühle und Erinnerungen über Gedankenkontrolle mit Freunden teilen und in eine Welt der reibungslosen, intimen Kommunikation und des Networkings gelangen, sondern sogar Know-how im „Matrix“-Stil in unsere Gehirne herunterladen – oder gar mit superintelligenten KI-Systemen fusionieren.

Aktuell bleibt es jedoch bei ersten Anwendungsversuchen für die Gedankensteuerung, wobei neuronale Interfaces Gehirnimpulse in eine für den Computer verständliche Form übersetzen, um per Gedanken einen Bildschirm zu bedienen oder eine Prothese steuern zu können. Mit dem Eintritt von immer mehr Technologieakteuren wird sich das Feld weiter aus dem medizinischen Bereich in Richtung verbraucherorientierte Anwendungen entwickeln und in unserem Alltag ankommen. Erfolgversprechend kann diese Entwicklung aber nur sein, wenn Technologie nicht die Kontrolle über den Menschen übernimmt, sondern sich an die physischen und emotionalen Gegebenheiten des menschlichen Daseins anpassen. Die Basis dafür bildet eine ethisch sinnvolle, gleichwertige Koexistenz und Kollaboration zwischen Mensch und Maschine.

Über die Autorin

Julia Saswito ist Practice Leader Reply Digital Experience und geschäftsführende Partnerin bei Triplesense Reply, das auf digitales Service Design spezialisierte Unternehmen innerhalb der Reply Gruppe.

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