Der große Gender-Irrtum

Willkommen im Geschlechter-Zoo: Die androgyne Zone breitet sich aus – werden Frauen und Männer in Zukunft tatsächlich immer gleicher?
Matthias Horx / Gendernomics (07/2015)

Seit es die Emanzipationsdebatte gibt, geht es um die Gleichheit der Geschlechter. Aber was bedeutet “Gleichheit”, wenn wir die lebendige Gesellschaft und reale Menschen betrachten? Bedeutet Gleichheit in letzter Konsequenz, dass Männer und Frauen zu einem androgynen Wesen verschmelzen, “halb Mann, halb Frau”? Oder geht es vielleicht gar nicht um Gleichheit, sondern um Gerechtigkeit? Letzteres wäre Gleichheit vor dem Gesetz, die natürlich auch für völlig unterschiedliche Wesen gelten kann. Das wären gute Nachrichten für den Geschlechter-Zoo der Zukunft, in dem es immer mehr bunte Hunde geben wird.

Anthropologische Untersuchungen haben ein seltsames Phänomen ergeben: Breite alltagskulturelle Gleichheit zwischen Männern und Frauen existiert ausgerechnet in jenen (Schwellen-)Ländern, in denen die Strukturen noch weitgehend patriarchalisch organisiert sind. Auf den Philippinen, in vielen ostasiatischen Gesellschaften, aber auch in Mittelamerika sind die Verhaltens-Unterschiede im Alltagsverhalten relativ gering. Männer und Frauen tun in der Familie oft das Gleiche. Auch deshalb, weil ein Einkommen nicht zum Leben ausreicht, weil “Work-life-balance” im Rahmen großfamiliärer Strukturen noch leichter zu organisieren ist, weil Frauen “ihren Mann” stehen müssen. Beide Geschlechter verhalten sich eher sanft, zurückhaltend, kooperativ. Zwar gibt es auch noch den bekannten südländischen “Machismo”. Aber der endet an der Familienhaustür und spielt in Wahrheit eher eine amüsante Nebenrolle. 

Währenddessen werden bei uns – in den westlichen Ländern – die Verhaltens- und Darstellungsweisen von Männern und Frauen immer extremer, vielfältiger und paradoxer.

Nehmen wir Conchita Wurst. Was sagt uns die Kult-Ikone? Sie sagt uns, dass weibliches Verhalten sogar männliche Symbole benutzen kann, um attraktiv zu wirken. Die Erotik liegt in der Verwirrung, die Attraktivität im Überschreiten von Grenzen. Konversion – und gleichzeitig auch Polarisation. Denn die weiblich-männlichen Muster werden ja nicht infrage gestellt. Im Gegenteil: Sie werden lustvoll übertrieben und neu kombiniert.

Etwas sehr Ähnliches hat sich auch auf der gesamtgesellschaftlichen Gender-Bühne abgespielt: In den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, also in der Zeit, in der “Mad Men” spielt und in der unsere (Groß-)Mütter noch garantiert Hausfrauen waren, existierten zwei deutlich voneinander abgetrennte Gender-Sphären. Frauen moderierten den Haushalt, Männer schlugen sich in der Erwerbsarbeit. Beides ergänzte sich in einer Arbeitsteilung, die viele Vorteile hatte. Weibliches und männliches Rollen-Verhalten waren in einem relativ engen Bereich codiert. Deshalb die unzähligen Benimm-Bücher: “Eine Frau von Welt verhält sich… Ein Gentleman muss…” In einer statistischen Verteilungskuve sieht das so aus:


Heute hat sich der Raum des spezifisch weiblichen UND des spezifisch männlichen Verhaltens radikal ausgeweitet.

  • Noch nie haben sich Frauen dermaßen “hyperweiblich” inszeniert (inszenieren lassen) wie auf den diversen Superstar- oder Mode-Contests. Weibchen, die sich gleich zu zwanzig dem Bachelor an den Hals werfen, erreichen heute als Identifikationsfiguren ein Millionenpublikum. Aber umgekehrt konkurrieren auch 20 Bodybuilder um eine Prinzession.
  • Noch nie haben sich – man denke an die Rap-Szene oder den Gangsta-Stil - männliche Macho-Verhaltensweisen so öffentlich ausgestellt. Die Figur des “Spornosexuellen”, des hypersexualisierten, sporttreibenden Jugendlichen, ist heute in den urbanen Zentrum eine weit verbreitete Erscheinung. Funktionaler Sex, der früher als männliches Problemverhalten wahrgenommen wurde, ist heute auch bei jungen, urbanen Frauen weit verbreitet.

Eine seltsam paradoxe Entwicklung: Während die ANDROGYNE ZONE. in der sich männlich-weibliche Verhaltensformen angleichen, tatsächlich verbreitert, entstehen GLEICHZEITIG an den Rändern und “nach oben” immer extremere Protuberanzen des  Gender-Verhaltens. Der menschliche Gechlechter-Zoo scheint explosionsartig zu expandieren wie eine Sternwolke mit einem Schwarzen Loch in der Mitte - einfach weil es möglich ist, ANDERS zu sein!

Ein großer Teil dieser Entwicklung scheint dem enormen Erfolg der Schwulenbewegung geschuldet. Die schwule Lebenskultur zeigt uns, dass Männer sich umstandslos als Frauen verhalten können. Oder auch als extrem männliche Männer. Schwule “dürfen” Machos sein oder mit schriller Stimme kieksen. Sie dürfen Fummel tragen oder enge Lederhosen, in denen man das Gemächt betont. Das bringt die Hetero-Welt in eine Resonanz-Reaktion; Rollenwechsel, Rollenvarianz, RollenBRUCH werden kollektiv eingeübt. Ein anderer Teil der Entwicklung hat mit dem gigantischen medialen Resonanzraum zu tun, in dem alle erotischen Meme, alle sexuellen Begierden und Obsessionen viel leichter organisierbar sind – und der erotische Untergrund sich Richtung Mainstream bewegt.

Es ist schwer, dieses System einer “Sowohl als auch”-Mehrdimensionalität mental zu erfassen. Das hängt mit einem typisch menschlichen kognitiven Tunneleffekt zusammen: Wir vergleichen immer nur EIN spezifisches Phänomen mit seiner VERGANGENHEIT – und damit gewissermaßen mit sich selbst. Deshalb neigen wir zu linearen Modellbildungen dessen, was kommt. Die ideologisch aufgeladenen Gender-Polemiken zeugen von diesem Tunnelblick. Doch wie alle komplexen Systeme enthält das Geschlechter-System eine innere “Paradoxie der Entfaltung”. Die so genannte “serielle Monogamie” erzeugt größere Rollen-Bandbreiten: Wir können nun mehrere Rollen im Laufe eines Lebens spielen, vom Hausmann über die Diva bis zum fürsorglichen Womanizer.

“Darf” man im 21. Jahrhundert als aufreizende Tussi oder strammer Kerl auf die gesellschaftliche Bühne treten? Man darf. Aber man muss nicht mehr. Das geht nur, wenn wir alle verstehen, dass die Bühne eben eine Bühne ist. Frauen und Männer werden bei mehr Gleichberechtigung nicht gleicher, indem sie sich optisch an-gleichen, sondern in dem sie verschiedener, variabler, individueller und in sich vielfältiger werden. Das ist das irritierende Gesetz der Gleichheit durch Vielfalt. Ein echtes Zukunfts-Gesetz.

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