Gender Games: Wir sind Heldinnen

Frauen und Mädchen als handelnde und denkende Spielfiguren? Eine Rarität – noch. Denn die zunehmend weibliche Spielerschaft wird künftig die Gaming-Märkte dominieren.
Lena Papasabbas / Gendernomics (07/2015)

Es ist mehr als dreißig Jahre her, dass “Donkey Kong” das Prinzip „Held rettet Mädchen“ in die Welt der Computerspiele übertrug: Der Spieler schlüpft in die Rolle des Jumpman, der seine Freundin aus den Fängen des Gorillas befreien muss. Der Vorgänger der erfolgreichen Super-Mario-Reihe begründete das Jump’n’Run-Genre und prägte das Storytelling in Videospielen maßgeblich. Ob im brutalen Ego-Shooter oder in der kunterbunten Mario-Welt: Tonangebend ist das Grundmotiv der hilflosen Holden, deren Hauptaufgabe es ist, entführt zu werden.

Das Muster ist stets gleich: Die männlichen Helden kämpfen, schießen Wege frei, lösen Rätsel oder erleben andere Abenteuer, die Frauen werden entführt, gestohlen und gefangen genommen. Dann warten sie weitgehend passiv auf ihre Befreiung durch den männlichen – und selbstverständlich heterosexuellen – Spieler.


Doch es tut sich etwas in der Gaming-Szene: Inzwischen ist fast die Hälfte aller Gamer weiblich. Und ihre Zahl wächst rasant. 2014 gaben fast 40 Prozent der befragten Frauen an, regelmäßig zu spielen – 10 Prozent mehr als im Vorjahr. Bei den Männern liegt der Spieleranteil bei 44 Prozent. Der Vorsprung der männlichen Spieler ist also fast vollständig geschrumpft. Gaming ist längst von der Nischen-Community in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Dem gegenüber steht die Tatsache, dass so gut wie alle Videospiele aus männlicher Sicht konzipiert sind, nur männliche spielbare Charaktere haben, explizit für eine männliche Zielgruppe beworben werden und sich thematisch vor allem um Krieg, Fußball und Autorennen drehen: Die in Europa meistverkauften Spiele 2014 sind das Gangsterspiel "Grand Theft Auto V” (Frauen tauchen hier vor allem als Stripperinnen oder Prostituierte auf), die Fußballsimulation “FIFA 14” (trotz jahrelanger Proteste ohne Frauenfußball) und der Egoshooter “Call of Duty: Ghosts” (erstmals mit spielbaren Soldatinnen).


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Stereotype Weiblichkeit dominiert – noch

Explizit frauenfeindliche Spiele schrecken viele Gamerinnen ab. Doch diese werden als Zielgruppe immer lukrativer. Deshalb werden immer öfter weibliche Alternativen zu den vorhandenen Helden hinzugefügt. Die erste spielbare weibliche Figur war wahrscheinlich Ms. Pac-Man. Pac Man, der im Grunde eine gelbe Scheibe ist, wurde zu diesem Zwecke einfach ein rosa Schleifchen aufgesetzt und mit rotem Lippenstift verziert. Fertig war die erste einer langen Reihe von “Ms. Männlicher Charakter“.

Anstatt weibliche Protagonisten zu entwerfen, wird einer Kopie der männlichen Vorlage lediglich ein pinker Anstrich verliehen. Dazu gibt man ihr lange Wimpern (Angry Birds), setzt ihr ein Schleifchen auf (Wendy Cooper) oder verpasst ihr einfach eine rosa Farbe (Toadette, Dixi Kong). Das einzige, was diese „weiblichen” Figuren auszeichnet, ist ihre stereotype Weiblichkeit. Sie sind keine echten Charaktere mit eigenen Geschichten und Besonderheiten, sondern lediglich flache, rosa Abbilder der männlichen Originale. „Die Botschaft ist klar. Jungs sind die Norm, Mädchen eine Variation“, fasst die Autorin Katha Pollitt zusammen.

Ein weiteres Problem dieser Herangehensweise ist das Schlumpfine-Phänomen: Ein weibliches Wesen wird in eine virtuelle Welt voller Männer gesteckt, ohne diese infrage zu stellen. Als einziges weibliches Wesen weit und breit wird sie, wie in der Welt der Schlümpfe, vollständig auf ihr Frau-Sein reduziert.

Neben Opferrolle und verflachter rosa Version des männlichen Gegenstücks gibt es noch eine Handvoll weiterer Typen, wie die sexy Kämpferin (“Tomb Raider”), die sexy Gegenspielerin oder die sexy Frau im Hintergrund. Hypersexualisierte, entblößte Frauenkörper sollen die vermeintlich männlichen Spieler erfreuen.

Frauen verändern die Welt der Games

Einige Hersteller und Entwickler haben jetzt erkannt, dass die Gamerinnen eine riesige, bisher kaum umworbene Zielgruppe ausmachen. Der Wettkampf um die Spielerinnen hat begonnen: Bei “Mass Effect 3” kann man mit einem weiblichen Commander die Galaxie erforschen – als gleichberechtigte Option. Im hochgelobten und über acht Millionen Mal verkauften „The Last of Us“ gibt es wie selbstverständlich echte weibliche Charaktere.

Aber nicht nur auf der Konsumenten-, sondern auch auf der Entwicklerseite finden sich immer mehr Frauen, die wiederum die Plots, Charaktere und Inhalte in Richtung Diversität verändern. Wenn Frauen endgültig in den Chefetagen der Entwicklerfirmen mitmischen, rettet die Prinzessin sich vielleicht bald selbst – und den Helden gleich mit.

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