Tiger-Women: Frauen auf der Überholspur

Neue Powerfrauen bereichern das moderne Rollenbild der Frau: Unabhängig, berufstätig, selbstständig, aber kein weiblicher „Lonely Wolf“. Das Ziel: ein neues Gesellschaftsmodell.
Thomas Huber / Gendernomics (07/2015)

Tiger-Women sind Frauen über dem Durchschnitt. Etwas tun, anpacken, Neues erleben, sich umorientieren, all das ist als Option immer präsent. Sie stecken sich selbst außerordentlich hohe Ziele. Natürlich sitzen sie nicht jeden Morgen da und formulieren ihren Lebensplan, dafür haben sie definitiv zu viel zu tun. Tiger-Women stehen voll im Leben – eher sogar in zweien. Sie sind das Wunschbild der Politik: Leistungs- und erfolgsorientiert stellen sie den Beruf in den Mittelpunkt ihres Lebens, wünschen sich aber zugleich kaum weniger stark auch eine funktionierende Partnerschaft und Familie (97 Prozent) samt Kindern (83 Prozent). Aus Arbeitsplatz und Privatleben entsteht eine Lebensform des Sowohl-als-auch. Und das bei mittlerweile immerhin 1,17 Millionen Frauen zwischen 30 und 45 in Deutschland.

Leben und Werte

Jede einzelne der Tiger-Women ist überzeugt: Wer etwas erreichen will, muss etwas riskieren, dann kann man es nach oben schaffen. Sie sind bereit, dazu vollen Einsatz und hohes Engagement zu bringen. Natürlich ist die Geschichte voll von Frauengenerationen, die vollen Einsatz gebracht haben. Der Unterschied liegt in der Selbstwirksamkeit. Das komplexe Zusammenspiel von Wohlstand, Wertewandel, höherer Bildung und erweiterten Umsetzungschancen hat in den vergangenen Jahren zu einem völlig neuen Selbstverständnis der gegenwärtigen Frauengeneration geführt. Autonomie, Freiheit und Selbstentfaltung sind die „neuen Grundwerte“, die von allen diesen Lebensstilvertreterinnen geteilt werden.

Doch die Lebensführung der Tiger-Women ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert: Ihre Motivation kommt von innen. Längst haben sie sich vom alten Rollenbild gelöst, das Frauen in früheren Zeiten vorgab, wie ein passendes Leben auszusehen hat. Die alten Klischees von Heim und Herd haben ausgedient. Die Tiger-Women verorten sich ganz anders: Leistung ist für ausnahmslos alle von ihnen ebenso wichtig wie Selbstverwirklichung und gute, vielseitige Bildung. Individualität hat für 96 Prozent von ihnen einen hohen Stellenwert. Bei all diesen Merkmalen weisen Tiger-Women signifikant höhere Zustimmungswerte auf als es 30- bis 45-jährige Frauen insgesamt tun. Diese progressive Haltung folgt aber nicht mehr dem Spaß-Ego der Nullerjahre. Die Suche nach neuen Gemeinsamkeiten, vom nachbarschaftlichen Small-World-Network über veränderte Familienmodelle bis zur post-hierarchischen Karriereplanung, kennzeichnet den neuen integrierten Individualismus.

Der zeigt sich in einem klaren Bekenntnis zur Familie und zur Verantwortung für eine sozialere Welt, die immerhin 57 Prozent der Tiger-Women aktiv zum Besseren verändern möchten (verglichen mit nur 37 Prozent in der Gesamtgruppe der 30- bis 45-jährigen Frauen). Wichtig ist ihnen auch ein großer Freundeskreis (88 Prozent), kulturelles Leben (83 Prozent) und soziales Engagement (78 Prozent). Tiger-Women sind Organisations- und Kommunikationswunder.

Das neue Role Model

Das neue Rollenbild ist eine Kampfansage an die alten Geschlechterquerelen von Machotypen versus Mannweiber. Tiger-Women scheinen hier den entscheidenden Schritt weiter, sie sind das neue Vorbild. Sie sind wesentlich kreativer und sportlicher als der Durchschnitt – und haben den besseren Sex, wie eine Studie des Zukunftsinstituts im Jahr 2013 zeigte. Auch messen sie dem eigenen gepflegten Aussehen eine höhere Bedeutung zu als die Bevölkerung Deutschlands insgesamt (97 vs. 81 Prozent). Wenn man dafür Hightech-Kosmetik braucht, dann ist das kein moralisches Problem, und wenn die dann mehr kostet, geben die Tiger-Women dieses Geld auch gern aus (71 vs. 45 Prozent der 30- bis 45-jährigen Frauen insgesamt).

Arbeit und Karriere

Zu diesem neuen Rollenmodell gehört ein klarer Anspruch, Führungsaufgaben zu übernehmen. Viele Tiger-Women bekleiden leitende Funktionen, der Anteil der Selbständigen unter ihnen ist mehr als doppel so hoch (13 Prozent) wie in der Gesamtbevölkerung und in der Gruppe der 30- bis 45-jährigen Frauen insgesamt. Nicht lange reden, machen. Auf diese Formel lässt sich der Ansatz der Tiger-Women bringen, wenn es um die Themen Beruf und Karriere geht. Bezeichnenderweise ist dies für die allermeisten von ihnen ohnehin ein und dasselbe Thema: Ausnahmslos alle Tiger-Women sagen von sich: Ich habe ehrgeizige Pläne und Ziele, will im Leben weiterkommen.

Machen sie sich selbstständig, sind sie im Schnitt erfolgreicher als Männer. Der Anteil der Frauen, die unternehmerisch scheitern und daher öffentliche Fördergelder nicht zurückzahlen können, ist beispielsweise deutlich kleiner als der entsprechende Anteil bei den Männern. Eine Untersuchung der Credit Suisse zeigte zudem, dass von Frauen geführte Aktiengesellschaften in der Wirtschaftskrise seit 2008 weniger stark einbrachen und sich in der Folge zudem deutlich besser entwickelten als AGs, die von Männer geführt wurden. Das sollte nicht dazu verleiten, sich „bessere Männer“ an dieser Position vorzustellen, denn diese Zeiten sind vorbei. Es ist ein anderer Weg, der die Unterschiede nicht negiert, sondern kreative Kraft freisetzt. Gerade die neuen Chefinnen, in Branchenkreisen schon als „Super-CEOs“ betitelt, zeigen, wie man sich den neuen Typ vorstellen muss: Meg Whitman von Hewlett-Packard und Sheryl Sandberg von Facebook lassen keinen Zweifel daran, dass sie stolz auf beides sind: An der Spitze ihrer Unternehmen zu stehen und als Frau im Rampenlicht.

Der Stellenwert des Beruflichen ist im Leben der Tiger-Women somit sehr hoch und liefert klare Positionen für die Selbstbeschreibung. Ihr Ziel ist aber nicht eine Karriere im alten Sinne, der alles Restliche zu opfern ist, sondern die Suche nach einem Weg, der vieles vereint. Tiger-Women finden es ideal, wenn sie im Job nicht zuletzt soziales und ökologisches Engagement verwirklichen können (69 Prozent). Zugleich ist es auch in ihrem Selbstverständnis eines der höchsten Ziele, eine anerkannte Stellung in der Gesellschaft zu erreichen (75 Prozent).


Equal Pay? Vielleicht für Männer!

Der Beruf ist für die Tiger-Women ein zentraler und zugleich absolut selbstverständlicher Teil ihres Lebens. Unvorstellbar, einfach „nur“ Hausfrau und Mutter zu sein. Fast 90 Prozent hätten kein Problem damit, Alleinverdiener zu sein und die einhergehende Verantwortung zu übernehmen, sofern der Partner sich um Haushalt und Kinder kümmert, so das Ergebnis der Zukunftsinstitut-Studie. In der Gesamtheit der 30- bis 45-jährigen Frauen können sich das nur 53 Prozent vorstellen. Einer Studie des Time Magazine zufolge verdienen schon heute in 147 von 150 der größten US-amerikanischen Städte junge Frauen mehr als ihre männlichen Alterskollegen. Tiger-Women sagen es klipp und klar: Es ist für sie völlig okay, wenn sie mehr verdienen als ihr Partner, und weisen damit eine politisch motivierte Schattendiskussion in die Schranken. Equal Pay ist für sie selbstverständlich.

Konsum und Freizeit

Tiger-Women wissen, was sie wollen – nämlich Qualität. Das ist die oberste Prämisse in ihren Kaufentscheidungen. So sind 82 Prozent der Tiger-Women sicher, dass bekannte Markenprodukte gute Qualität garantieren, im Vergleich dazu sagen das nur 63 Prozent aller Frauen dieser Altersgruppe. Sich mit hochwertigen und schönen Dingen zu umgeben ist für sie ein wichtiger Bestandteil im Leben. Denn sie geben sich nicht mit Mittelmaß zufrieden. Das gilt für ihre Kleidung und die Einrichtung ihrer Wohnung wie auch für Alltagsgegenstände: Das besondere Öl oder die hochwertige Parmesanreibe. Sie arbeiten hart für ihr Geld und wollen dieses dann auch genießen können. Shopping ist für sie eine Form, sich selbst zu verwöhnen.

Sechs von zehn Tiger-Women sagen, sie bummeln gern durch Geschäfte und kaufen dann ganz spontan, wenn ihnen etwas gefällt (60 vs. 51 Prozent). Tiger-Women machen aus dem Shopping häufig ein lustvolles Ritual, wenn sie sich mit der besten Freundin samstags durch die Einkaufsmeilen treiben und verführen lassen. Immerhin kauft sich mehr als jede vierte Tiger-Women nach eigenem Bekunden oft Dinge, ohne lange darüber nachzudenken, ob sie sich das überhaupt leisten kann (28 Prozent). Sie folgen aber nicht einfach jedem Trend. Den eigenen Stil zu finden steht an oberster Stelle, schließlich ist Individualität Trumpf. Sie kaufen lieber wenige, aber dafür besondere Stücke: Ein Zara-Oberteil mit einer Handtasche von Louis Vuitton, denn mehr als die Hälfte leistet sich gern teure Sachen (54 Prozent), was sich sonst nur drei von zehn ihrer Altersgenossinnen erlauben (30 Prozent).

Das Beste aus zwei Welten

Tiger-Women haben immer Zeitstress, und 71 Prozent von ihnen sind an mindestens fünf Tagen in der Woche online (Gesamtbevölkerung: 56 Prozent). Aus diesem Grund prägt der Online-Einkauf entscheidend ihr Konsumverhalten. Jede fünfte Tiger-Women kauft häufig im Internet ein (20 vs. 11 Prozent in der Gesamtbevölkerung). Und ebenfalls fast jede Fünfte nutzt häufig oder zumindest gelegentlich ihr Smartphone fürs Online-Shopping (18 vs. 12 Prozent in der Gesamtbevölkerung). Sie lassen sich die Online-Einkäufe ins Büro schicken, um möglichst zeiteffizient an die Sachen zu kommen und sie im Zweifel sofort wieder zurückschicken zu können.

Es gibt aber noch einen weiteren wichtigen Grund für das Online-Shopping: Auf kuratierten Websites finden sie jene ausgewählten Dinge, die sich von der Masse abheben und Ausdruck ihrer Persönlichkeit sind. Da wundert es kaum, dass sie gerne neue Sachen ausprobieren (85 vs. 69 Prozent der 30- bis 45-jährigen Frauen). Sie sind experimentierfreudiger bei exotischen Gerichten und beschäftigen sich signifikant häufiger mit modernen elektronischen Produkten. Für Tiger-Women ist es wichtig, gut auszusehen. Daher achten sie auf gesunde und ausgewogene Ernährung und kaufen häufiger als gleichaltrige Frauen gezielt Natur- und Bioprodukte (43 vs. 29 Prozent).

Gut auszusehen heißt für sie, sich in ihrer Haut wohlzufühlen. In die eigene Attraktivität zu investieren ist auch eine Form von Lebensgenuss. Ganz klar: Sie können sich das aufgrund ihres beruflichen Erfolgs auch leisten. Deswegen verwundert es nicht, wenn immerhin mehr als jede Dritte von ihnen sagt: „Man sollte sich mit seinem Geld lieber ein schönes Leben machen, als es zu sparen“. Über entsprechende finanzielle Rücklagen verfügen die Tiger-Women zumeist.

Dieser Text ist ein Auszug aus der Studie Lebensstile für morgen

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