”Männer wollen nicht nur mitgedacht werden”

Markus Theunert, Gründer der Schweizer Männerzeitung und Präsident des Dachverbands Schweizer Männer- und Väterorganisationen, über den Wandel der Geschlechterrollen.
Gendernomics (07/2015)

Foto by Jesus Martinez

Herr Theunert, was können Männer besser als Frauen?
Markus Theunert: Rückwärts einparken? Nein, im Ernst, es braucht eine differenziertere Antwort. So wie Männer sozialisiert sind, verfügen sie – ganz generell gesagt – über höhere technisch-handwerkliche Fertigkeiten und bauen ihre Identität stark auf das Prinzip Leistung. Ich möchte das aber ausdrücklich als Sozialisationseffekte verstanden wissen. Ich behaupte nicht, dass das Männer aufgrund ihres biologischen Geschlechts besser können. Sie haben es einfach besser trainiert. Genauso wie sie umgekehrt weniger Möglichkeiten erhalten, emotionale und soziale Fertigkeiten zu trainieren.

Kann man Leistung unabhängig vom Geschlecht beurteilen?
Leistung beinhaltet verschiedene Facetten: Das Produkt selbst ist dabei wohl am ehesten „objektiv“ zu beurteilen, der Prozess schwieriger. Der schnellste Weg muss keineswegs der beste sein. Hier braucht es Beurteilungsraster, die auch geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Herangehensweise Rechnung tragen.

Was hat sich in der Kultur des Wirtschaftens durch Gender-Diversity verändert?
Ich fürchte nicht viel. Der Anteil der Frauen in der Wirtschaft hat sich natürlich erhöht. Meines Erachtens ist aber die Kultur des Wirtschaftens nach wie vor sehr männlich geprägt. Man könnte sagen: Frauen sind im Begriff, die Arbeitswelt zu erobern, zahlen dafür aber den Preis, die männlichen Spielregeln anzuerkennen.

Haben Männer als Arbeitnehmer andere Bedürfnisse?
Männer haben genauso Vereinbarkeitsanliegen wie Frauen, nur zeigen sich die anders. Der Vollzeitmann ist nach wie vor die Norm. Auch heute tragen in der Durchschnittsfamilie immer noch die Männer die Ernährerverantwortung. Es ist ein großer Schritt für Männer, überhaupt schon nur Vereinbarkeitsanliegen anzusprechen. Sie müssen – teilweise zu Recht – fürchten, als Arbeitnehmer dann nicht mehr ganz ernst genommen zu werden.

Halten Sie spezielle Mentoring-, Coaching- und Networking-Programme für Frauen für notwendig?
Ich halte sie für legitim. Weniger sicher bin ich, ob damit wirklich am richtigen Ort angesetzt wird. Die Situation heute ist ja die, dass die Unternehmen einiges investieren, damit sich der Frauenanteil im Management erhöht. In der Realität ist dann aber spätestens im mittleren Management Schluss mit der Beförderung von Frauen. Was braucht es, damit Frauen auch jene Projekte bekommen, die für den Sprung ins Top Management qualifizieren? Hier stoßen diese Programme an Grenzen.

Kann, darf und soll die Politik in das Gender-Diversity-Management der Unternehmen eingreifen?
Der geschlechterpolitisch enthaltsame Staat ist eine Illusion. Die Politik wirkt, auch wenn sie nichts tut. Wenn die Schweiz beispielsweise weder Väterzeit noch Vätergeld vorsieht, dann tut sie zwar nichts, wirkt aber trotzdem tatkräftig daran mit, dass auch junge Familien ins traditionelle Ernährermodell fallen, sobald das erste Kind auf der Welt ist. Die tatsächliche Gleichstellung in allen Lebensbereichen ist ein Verfassungsziel. An der Legitimation des Staates mangelt es nicht. Ob, und wenn ja, welche Maßnahmen angemessen sind, ist eine ganz andere Frage. Ich unterstütze eine Frauenquote im Management, dies aber völlig leidenschaftslos. Ich halte es für fair, glaube aber nicht daran, dass sich an der Unternehmenskultur allein dadurch viel ändert.

Wie verändert sich die Rollenverteilung in den Familien?
Auch hier gilt: Die Verfassung gibt das Gleichstellungsziel klar vor. Das kann nichts anderes zur Folge haben als eine fairere Umverteilung von Erwerbs- und Nichterwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern. Der Staat darf da nicht nur eingreifen, er muss. Dabei hat er natürlich die Gestaltungsfreiheit der Einzelnen zu berücksichtigen. Das wäre beispielsweise die Freiheit, auf staatlich finanzierte Väterzeit zu verzichten. Nur, dass nicht alle Väter eine Väterzeit wollen, ist aber kein Argument, das Angebot nicht zu machen.

Herrscht gerade Krieg zwischen den Geschlechtern? Oder haben wir Frieden?
Weder noch. Wir sind in einer Übergangsphase. Die Frauen haben tüchtig aufgeholt. Trotzdem bleibt viel zu tun. Hier kommen wir aber mit einem einseitigen Benachteiligungsdiskurs nicht weiter. Ich fordere ein neues gleichstellungspolitisches Paradigma, das geschlechtsspezifische Herausforderungen stärker qualitativ bearbeitet und vor allem einen Geschlechterdialog auf Augenhöhe vorsieht. Wenig Zukunft sehe ich für jene Gleichstellungsarbeit, die geschlechtslos zu sein behauptet, in Wirklichkeit aber nach wie vor primär Frauenförderung betreibt. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Aus meiner Sicht hat Frauenförderung nach wie vor ihre Berechtigung. Aber bei diesem Etikettenschwindel mache ich nicht mit. Logisch fühlen sich die Männer in diesem Prozess nicht angesprochen, wenn sie den Eindruck haben müssen, als Alibifiguren gebraucht zu werden, deren Bedürfnisse gar nicht ernsthaft angeschaut werden.

Illustration: Ksenia Pogorelova

Wo sehen Sie die Unterschiede in der Männerpolitik zwischen Deutschland und der Schweiz?
Auf Bundesebene wählt die deutsche Regierung einen anderen Ansatz: Sie hat ein Referat für Jungen und Männer eingerichtet, das unter dem Dach der Gleichstellungspolitik männerspezifische Teilstrategien entwickeln und umsetzen soll. Das halte ich für den richtigen Weg. Davon ist die Schweiz noch weit entfernt. Auf Ebene der Umsetzung in den Ländern, Kantonen und Gemeinden scheinen mir die Unterschiede dann sehr viel kleiner. Der Normalfall ist heute der, dass Fachfrauen für Gleichstellung sich Projekte ausdenken, die sich an Frauen wie Männer gleichermaßen richten – und sich dann wundern, wenn die Zielgruppe Männer nicht richtig mitmacht. Männer wollen halt einfach nicht nur “mitgedacht” werden.

Markus Theunert ist Gründer der Schweizer Männerzeitung, Präsident des Dachverbands Schweizer Männer- und Väterorganisationen, Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen, Mitinitiator des Schweizer Vätertags und Herausgeber des Referenzwerks Männerpolitik. Er ist Inhaber der Beratungsfirma Social Affairs GmbH und bietet psychologische Begleitungen und Seminare an.

Das Interview führte Cornelia Kelber

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