Plattformprivacy: Die Zukunft der Privatsphäre

Sollen bald alle persönlichen Daten für jeden frei zugänglich gemacht werden, um die Sicherheit unserer Privatsphäre zu gewährleisten?
Michael Seemann / Cyber (In)Security (11/2015)

Etwa 2011 eskalierte ein Streit innerhalb der deutschen Netzszene, der bereits seit einiger Zeit am Brodeln war. Als eine Art Gegenbewegung zum datenschutzaffinen Mainstream gründete sich die "Datenschutzkritische Spackeria": Ein loser Zusammenschluss von ein paar politisch aktiven Hackern und Nerds, die der Meinung waren, dass Datenschutz eine konzeptionelle Sackgasse sei.

Eine solche Gegenposition zu einem der zentralsten Glaubenssätze der deutschen Netzszene wurde als enorme Provokation aufgefasst. Dabei lässt sich die datenschutzkritische Haltung durchaus aus der Tradition der Hackerethik herleiten. "Informationen sind frei" – einer der wichtigsten Grundsätze – hatte schon früh zu einer kritischen Haltung gegenüber urheberrechtlichen Ansprüchen geführt. Dass dieser Grundsatz aber auch dem Versuch der Kontrolle persönlicher Daten entgegensteht, wurde weniger reflektiert. Erst sehr viel später erweiterte der Chaos Computer Club (CCC) die Hackerethik um den Grundsatz "Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen".

Die Post-Privacy-Bewegung konnte sich bei ihrer Argumentation immer auf den Kontrollverlust berufen, also dem Phänomen, dass mit zunehmender Digitalisierung und Vernetzung die Wege der Daten immer schwerer zu kontrollieren seien. Gleichzeitig konnte die Spackeria zeigen, dass das Konzept der Privatsphäre eben nicht (nur) das emanzipative Potenzial bereitstellt, das man ihr weitgehend zugestanden hat, sondern im Gegenteil: dass es vielmehr ein die Herrschaft stabilisierendes Konzept des Bürgertums ist. Wäre es da nicht viel besser, alle gäben ihre Daten proaktiv frei? Würden dadurch nicht auch Vorurteile abgebaut, wie damals, als die Homosexuellenbewegung mit jedem Coming-out die Mehrheitsgesellschaft zu einem offeneren Umgang mit Homosexualität zwang?


Die Gegenseite formulierte den Einwand, dass das eben völlig illusorisch und utopisch sei. Der Datenschutz schütze die Schwachen, und wer an ihm rührt, gibt sie dem Druck der Mehrheitsgesellschaft preis. Am Ende ging die Hauptdemarkationsline der beiden Lager um die Frage, was wohl die realitätsfremdere Utopie sei: eine durch allgemeine Öffentlichkeit zum besseren transformierte Gesellschaft – oder ein auch in Zukunft noch wirksamer Datenschutz? Bei genauerem Hinsehen scheint diese Frage heute beantwortet zu sein. Doch die Antwort dürfte weder dem Post-Privacy-, noch dem Datenschutz-Lager gefallen. Am besten erklärt man diese Antwort anhand eines ganz anderen Beispiels: der Musikindustrie.

Die Musikindustrie hat so etwas wie eine Vorreiterrolle im Umgang mit dem Kontrollverlust. Sie war es, die als erstes davon betroffen war, dass Daten mit einer größeren Leichtigkeit und Geschwindigkeit durch Raum und Zeit zu wandern begannen. Zuerst über die verlustfreie Kopie der CD mittels billiger CD-Brenner. Dann – sehr schnell – auch durch das Internet. Napster, MP3.com und die vielen anderen Tauschbörsen bedrohten das Geschäftsmodell der Branche massiv.

Neben den vielen Versuchen, die Lage über den Rechtsweg in den Griff zu bekommen (jahrelanges Lobbyieren für härtere Rechtsdurchsetzung bei den Regierungen der Welt), war es am Ende ein Schritt zur radikalen Transformation, der die Musikindustrie rettete. Steve Jobs, der 2011 verstorbene Apple-Gründer, machte den Musikverlagen klar, dass sie nur mit einem legalen und (nahezu) vollständigen Angebot für Musik im Internet die Macht der Tauschbörsen einschränken könnten – und lud sie ein zu iTunes.

Die Möglichkeit, Musikdateien zum relativ geringen Einzelpreis herunterladen zu können, bedeutete in vielerlei Hinsicht eine Revolution in der Musikbranche. Apple hatte damit zwar einerseits die Musikindustrie gerettet, war aber nun der faktische Herrscher über die neuen Vertriebswege. Das ist auch einer der Gründe, warum dieses Rettungsboot bei den Musikverlagen selbst nie auf viel Liebe stieß. iTunes hat das Geschäftsmodell der Musikbranche nicht einfach nur gerettet, sondern es dabei auch komplett neu definiert. Das Geschäftsmodell der Musikbranche ist heute noch irgendwie ähnlich genug, aber doch eigentlich ganz anders (und es entwickelt sich stetig weiter).

Etwas ähnliches hat sich auch mit der Privatsphäre ereignet: allen Unkenrufen zum Trotz war Facebook der Retter der Privatsphäre – indem es sie neu erfand. Es ist richtig, dass Facebook nicht dem Ideal von Privatsphäre entspricht, das sich ein traditioneller Datenschützer wünscht. Eine "informationelle Selbstbestimmung" hat man bei Facebook nicht. Man ist zumindest Facebook selbst ausgeliefert, das von jedem alles weiß. Und damit auch den Werbepartnern und im Zweifel auch den US-Geheimdiensten. Aber dafür hat man bei Facebook andere Möglichkeiten, Privatsphäre auszuüben. Feingranular kann ich für jede eingestellte Datei einstellen, wem unter meinen Bekannten ich einen Blick darauf gewähre und wem nicht. Das ging vor dem Internet nicht.

Diese Kombination aus spezifisch sich aus der Plattform ergebenden Privacy-Tools zusammen mit einer "Offenheit nach oben" nenne ich "Plattformprivacy". Plattformprivacy ist nicht auf Facebook beschränkt. Dienste wie Snapchat oder Whatsapp bieten ebenfalls bestimmte Möglichkeiten, den Zugang zu persönlichen Inhalten zu regulieren, haben aber das selbe "Nach oben offen"-Paradigma wie Facebook.

Die Entwicklungen um Facebook und iTunes deuten darauf hin, dass sich die Gesellschaft als Ganzes entschlossen hat, dem Problem des Kontrollverlusts dadurch zu begegnen, dass sie die Kontrollaufgabe an Plattformen delegiert. Das Prinzip ist einfach: So lange ich meine Handlungen und Interaktionen auf die Plattform begrenze, kann ich von den angebotenen Kontrollmöglichkeiten profitieren, während da draußen weiterhin das chaotische Internet die Kontrolle vor sich hin verliert.

Eine besonders aufschlussreiche Blüte dieser Kontroll-Transition hin zu den Plattformen treibt derzeit der Journalismus. Facebook hat den Verlagen ein Angebot gemacht, und viele springen auf: "Instant Articles". Verlage sollen ihre Artikel im Volltext bei Facebook zum Syndizieren abliefern, können dann an der Werbung mitverdienen und bekommen detaillierte Daten über ihre Leser. Die Strategie macht durchaus Sinn: Die Kontrolle über die Inhalte auszuüben ist eh viel zu aufwändig und in letzter Konsequenz quasi unmöglich, also lieber auf antifragile Strategien setzen und die Inhalte möglichst breit streuen, um daraus den Nutzen zu ziehen.

Man könnte aber argumentieren, dass so etwas doch schon längst über gängige und freie Standards machbar ist und von den Verlagen nur schon seit langer Zeit boykottiert wird (zumindest Fullfeeds). Und hier ist der Punkt: Wir waren doch schon mal viel weiter. Mit RSS und Co. hatten wir einen Standard, der es erlaubte, Artikelinhalte in einem generischen Format in alle möglichen Veröffentlichungssitationen zu integrieren. Ich schreibe in Vergangenheitsform. Natürlich gibt es RSS noch, es hat sich aber nicht durchgesetzt und so nehmen nun Facebook und andere Plattformen mit ihren eigenen Tools diesen Platz ein.

Die Konsequenz: Anstatt Inhalte frei und für jeden syndizierbar und weiterverwertbar anzubieten, werden sie lieber den proprietären (und undurchschaubaren) Anzeigetechnologien der geschlossenen Plattformen in den Rachen geworfen. An dieser Stelle drängt sich ein Vergleich mit der Post-Privacy auf: RSS entspricht so ziemlich dem, was die “Datenschutzkritische Spackeria” sich als Post-Privacy vorgestellt hat. Gebt die Daten frei, dann können alle partizipieren! Datenmonopole zu beseitigen wäre ein wichtiger Schritt hin zu einer egalitären Machtverteilung in der Gesellschaft – bekommen haben wir aber stattdessen Plattformprivacy.

Plattformprivacy reicht den meisten Menschen, denn im Gegensatz zur Datenschützer-Szene war für sie Privacy nie ein Selbstzweck, sondern immer Tool zur alltäglichen Lebensführung. Deswegen war die Privatsphäre gegenüber der eigenen Mutter schon immer wesentlich wichtiger als gegenüber der NSA. Plattformprivacy ist die Zukunft der Privatsphäre und gleichzeitig eine Datenmonopolisierung weit größeren Ausmaßes, als es sich Datenschützer und Post-Privacy-Vertreter haben vorstellen können.

Egal, ob Musik, private Daten oder interessante Artikel: Unser Wunsch nach Kontrolle behindert eine freie Gesellschaft und einen emanzipativen Umgang mit den digitalen Technologien. Stattdessen haben wir uns neue Regimes geschaffen, die uns vermutlich noch eine ganze Weile voreinander “beschützen” werden.

Bei all den aufkommenden strukturellen Problemen der Netzgesellschaft ist diese Entwicklung nur folgerichtig: Jegliche Kontrolle aufzugeben war in der Tat illusorisch. Nicht nur die Belästigungen, die Fremdenfeindlichkeit und die Hass- und Trolldichte im Netz zeugen davon. Die Menschen wollen, ja, vielleicht brauchen sie sogar Kontrolle. Und diese bieten die Plattformen eben besser als herkömmliche Institutionen – oder gar der Staat.

Doch wo Kontrolle herrscht, braucht es Politik. Und anstatt uns jetzt allzusehr zu grämen, dass doch alles ganz anders gekommen ist, als wir gehofft hatten, sollten wir unsere neue Aufgabe ernst nehmen: die politische Gestaltung dieser neuen Macht, die wir den Plattformen zugestanden haben. Was wir jetzt brauchen, ist eine Plattformpolitik.

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