Bitcoin: Auf Innovation programmiert

"Personal computers in 1975, the Internet in 1993, and – I believe – Bitcoin in 2014": So formulierte Marc Andreessen, Entwickler eines der ersten Webbrowser, seine Einschätzung über die zukünftige Bedeutung virtueller Währungen, allen voran Bitcoin. Nachdem der Computer die Heim- und Arbeitswelt revolutioniert und das Internet Milliarden von Menschen miteinander verbunden hat, entsteht nun mit dezentralen, kryptographischen Währungen eine universelle Plattform, auf der ökonomische Transaktionen kostengünstig, weltweit und innerhalb weniger Minuten durchgeführt werden können.

Die Vorteile eines solchen Zahlungssystems liegen auf der Hand: Es kann jederzeit, unabhängig von nationalen Grenzen, weltweit genutzt werden – eine Internetverbindung und die passende Software vorausgesetzt. Die Dezentralität stellt sicher, dass Transaktionen nicht zensiert werden können. WikiLeaks etwa begann Spenden in Bitcoin zu akzeptieren, nachdem zentralisierte Zahlungssysteme wie Visa und PayPal nicht länger mit der Organisation zusammenarbeiten wollten. Mit Gebühren von wenigen Cents pro Transaktion bietet sich Bitcoin insbesondere für internationale Überweisungen an, vorausgesetzt der Empfänger hat die Möglichkeit den Bitcoin wieder in Echtwährung zu tauschen.

Virtuelle Währungen könnten in Zukunft als universelle Plattformen fungieren, auf denen innovative Finanzprodukte aufgebaut werden. Unternehmen würden Bitcoin dann weniger als reines Zahlungsmittel, sondern eher als Reservewährung für neuartige Zahlungssysteme nutzen. Darüber hinaus bietet die Technologie, die Bitcoin zugrunde liegt, durch ihre vielfältigen Einsatzmöglichkeiten auch ganz generell große Innovationspotenziale.


Quellcode des Vertrauens

Zunächst stellt sich aber die Frage: Was genau ist Bitcoin, und wie funktioniert es? Bitcoin ist eine Art digitales Bargeld, das dezentral und ohne die Notwendigkeit vorab bekannter Identitäten genutzt werden kann – ein dezentrales System ohne zentrale Bank, in dem Nutzer nur das Geld ausgeben können, das sie auch wirklich besitzen. Bitcoin ersetzt Vertrauen in Finanzverträge durch das Vertrauen in einen quelloffenen Programmcode, der in einem dezentralen Netzwerk von Computern ausgeführt wird. Um die Korrektheit von Transaktionen überprüfen zu können, ist die komplette Transaktionshistorie öffentlich einsehbar. Da es keine zentrale Instanz gibt, die darüber entscheidet, welche Transaktionen gültig sind und welche nicht, führt das System regelmäßig Abstimmungen durch.

Da Identitäten online zu einfach fälschbar sind, wird stattdessen die verbrauchte Rechenleistung zur Abstimmung verwendet – der sogenannte Proof-of-Work. Dieser bewirkt, dass es für Angreifer sehr teuer wäre, Geld zweimal auszugeben – er hat allerdings auch seinen Preis. Den vom gesamten Bitcoin-Netzwerk aufgewendeten Energieverbrauch schätzen Forscher auf etwa 20 Prozent der Leistung eines modernen Atomkraftwerks – Tendenz steigend.

Juristische Grauzonen

Die rechtliche Situation von Bitcoin ist alles andere als eindeutig, denn das weltweit nutzbare System trifft auf diverse nationale Rechtsordnungen. Zwar ist dies auch bei klassischen Zahlungsdiensten der Fall, jedoch sind viele bestehende Regelungen aufgrund der Neuartigkeit von Bitcoin nicht auf das System anwendbar. Die Folge ist ein hohes Maß an Rechtsunsicherheit, was viele Unternehmen davon abschreckt, innovative Bitcoin-Dienste anzubieten. Die lang umstrittene Umsatzsteuerpflicht des Umtauschs von Bitcoins wurde zwar jüngst vom Europäischen Gerichtshof verneint, an vielen anderen Stellen besteht aber noch Klärungsbedarf:

  • Wie sind Verträge über Bitcoin-Dienste wie z.B. Webwallets, Exchanges oder Zahlungsdienste einzuordnen?
  • Wer haftet im Fall von Verlusten?
  • Was können die Anbieter in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) wirksam vereinbaren?

Um sich nicht dem Verdacht der Geldwäsche auszusetzen, scheuen Unternehmen die Nutzung von Bitcoin als Zahlungsmittel. Hinzu kommt, dass Unternehmen über spezialisierte Zahlungsdienste zwar Bitcoins akzeptieren können, ohne sie selber zu halten, allerdings zu einem hohen Preis: Oft wird dann zunächst die lokale Währung in Bitcoin umgetauscht und beim Empfänger wieder in lokale Währung zurückgetauscht – durch die hierfür anfallenden Gebühren ist eine Überweisung über Bitcoin dann häufig teurer als über traditionelle Zahlungssysteme.

Wachsendes Ökosystem

Trotzdem sollten Unternehmen eine Auseinandersetzung mit Bitcoin und den dahinterstehenden Technologien nicht scheuen. Die offene, weltweit verfügbare Blockchain eröffnet insbesondere im Kontext des Internets der Dinge eine universelle Schnittstelle für Finanztransaktionen. Die in Bitcoin integrierte Skript-Sprache erlaubt eine Spezifizierung von Finanzverträgen, die, anders als traditionell, nicht durch Vertrauen in Institutionen und notfalls gerichtlich, sondern nur autonom im System durchgesetzt werden können. Und ein wachsendes, mit Millionen an Risikokapital gefördertes Ökosystem sorgt für stetige Verbesserungen des Protokolls und der Benutzerfreundlichkeit. Es ist somit vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis die größten rechtlichen und technischen Hürden überwunden sind.

Biotop für digitale Innovationen

Bitcoin wird somit auch immer mehr zu einem Biotop für digitale Innovationen. Schon heute arbeiten Entwickler und Wissenschaftler an Konzepten, die, basierend auf Bitcoin, sofortige Transaktionen über ein Netzwerk von Zahlungsströmen zwischen Computern ermöglichen. Sogenannte "Colored Coins" erlauben den Einsatz des Bitcoins zur Übertragung von Eigentumsrechten an Wertgegenständen aus der Realwelt. Zu Bitcoin parallele Systeme, sogenannte "Sidechains", ermöglichen es, den Einsatz alternativer virtueller Währungen an die Sicherheit von Bitcoin zu koppeln. Sie sollen schon bald zur Erhöhung der Liquidität zwischen Bitcoin-Exchanges eingesetzt werden. Die dezentrale Blockchain-Technologie des Bitcoin Systems bringt außerdem weitere Innovationen hervor, etwa die "Smart-Contracting"-Plattform Ethereum auf der nahezu beliebige Finanzverträge durch Computerprogramme repräsentiert werden können. Die Bitcoin zugrunde liegende Technologie ist ein fundamentaler Durchbruch, der eine ganz neue Art der Durchführung von Transaktionen ermöglicht und dadurch die vernetzte Gesellschaft nachhaltig verändern könnte.

Selbst wenn sich Bitcoin also nicht als Zahlungssystem durchsetzen sollte: Die dezentrale Blockchain-Technologie wird die virtuelle und reale Welt verändern, denn das Innovationspotenzial virtueller Währungen reicht weit über das klassischer Zahlungssysteme hinaus. Die Vision von Bitcoin als Infrastruktur für eine neue Generation von Finanzsystemen könnte sich schon in näherer Zukunft bewahrheiten.

Über die Autoren

Malte Möser ist Doktorand in der Forschungsgruppe für IT-Sicherheit an der Universität Münster. Zuvor studierte er Wirtschaftsinformatik in Münster. Eines seiner Forschungsinteressen ist die Anonymität dezentraler Transaktionssysteme.

Paulina Pesch studierte Rechtswissenschaften mit dem Schwerpunkt Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht in Münster. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Wirtschaftsinformatik der Universität Münster und promoviert zu Verträgen und Haftung im Bereich virtueller Währungen.

Mehr zum Thema

Innovation Gap

Fokusthema: Innovation Gap

Innovation ist ein Buzzword – doch den wenigsten Unternehmen gelingt es, lebendige Innovationskulturen zu etablieren. Wie lässt sich diese Kluft überbrücken? Was macht innovative Produkte, Services, Organisationen und Wirtschaftswelten heute und in Zukunft aus? Im Fokusthema “Innovation Gap” zeigen wir, was echte Innovationen sind – und wie Unternehmen innovative Impulse nicht nur entwickeln, sondern auch erfolgreich umsetzen können.

Services - Innovationen mit Potenzial

Services – Innovationen mit Potenzial

Serviceinnovationen nutzen zeitgemäße Technologien, um neue Prozesse zu realisieren. Über Service Design eröffnen sich riesige Spielfelder für neuartige Entwicklungen.

Interdisziplinäre Innovation braucht Freiraum

Interdisziplinäre Innovation braucht Freiraum

Interdisziplinäre Innovationsteams sind die Hoffnungsträger vieler Unternehmen. Eine Studie zeigt, dass die Potenziale solcher Teams oft nicht ausgeschöpft werden.

Empfehlen Sie diesen Artikel!