Märkte und Markthallen für Flaneure 2.0

Design- und Street-Food-Märkte sowie Markthallen spiegeln ein gesellschaftliches Verlangen nach weniger Anonymität: Ihre Besucher sind auf der Suche nach Gleichgesinnten, es geht (auch) ums Sehen und gesehen werden, verbunden mit einer neuen Erlebnisqualität und dem Trend zur Entschleunigung, zum „Back to the roots“. Die Besucher wünschen die Waren bio, fair, selbstgemacht, regional und am liebsten saisonal. Sie möchten mit ihrem Einkauf aktiv die Künstler und Produzenten vor Ort unterstützen. Als Kunden sind sie bereit, mehr Geld auszugeben (und mitunter sogar Eintritt zu zahlen), um einmalige, handgemachte Produkte zu erstehen – und sich damit als Trendsetter fühlen zu können.

Designmärkte sind in Deutschland seit Mitte der 2000er Jahre auf dem Vormarsch. Sie werben mit handgemachten Designprodukten abseits des Mainstream von handverlesenen jungen Designern und kleinen Labels und laden die Besucher zum Entdecken und Kaufen ein. Meist stehen die Designer höchstpersönlich hinter den Verkaufsständen und erklären den Kunden ihre Produkte. Die Kunden investieren in selbstgemachte Produkte, kreative Designs aus der eigenen Stadt. Es geht bei den Designmärkten nämlich nicht nur darum, Produkte zu verkaufen, sondern eine Festivalatmosphäre zu schaffen. Frei nach dem Motto „schauen, essen, hören, kaufen“ erwartet den Besucher eines Designmarktes eine Kombination aus Waren, Kulinarik und Konzert. Einkaufen als Erlebnis, inszeniert als buntes Festival, das ist der Schlüssel zum Erfolg.
Stehen bei den Designmärkten die durchgestylten Produkte im Vordergrund, hat sich das Essen zum Hauptdarsteller der Street-Food-Markets gemausert. Gut und günstig waren gestern. Die hippen und hungrigen Besucher eines Street-Food-Market möchten nicht nur schnell ihren Hunger stillen, sondern ganz bewusst konsumieren. Woher kommen das Fleisch und Gemüse? Ist es bio, regional, nachhaltig, frisch und gesund? Street-Food ist „Lifestyle“ – und Ausdruck eines neuen Verantwortungsbewusstseins der jungen Generation.


Damit stehen solche Märkte auch für die Forderung nach mehr ansprechenden öffentlichen (Frei-)Räumen in der Stadt. Oft finden sie in leerstehenden Gewerbe- und Fabrikgebäuden statt, in ungestaltet brachliegenden urbanen Freiflächen und Parks an entlegenen Orten. Die Märkte sind die Antwort auf diese Orte: temporär, flexibel und bis ins letzte Detail durchgestylt wirken sie raumverändernd. Sie besetzen Orte mit einer neuen Funktion und Nutzung. Sie verändern ihren Charakter und machen sie exklusiv. Durch ihre Flexibilität können die Märkte sowohl ihr Sortiment als auch den Veranstaltungsort immer spontan auf Veränderungen der Nachfrage anpassen. Sie sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort. So wie die neuen Markthallen, die eine bewusste Gegenwelt zum urbanen Treiben bieten.

An diesen besonderen Orten in der Stadt bieten die Märkte jungen kreativen Designern und Köchen Raum, um sich und ihre Produkte zu präsentieren und zu verkaufen. Neue Marken schleichen sich hier unbemerkt in das Bewusstsein der Besucher ein. Die Märkte dienen als temporäre Plattformen, um Businesses auszuprobieren und neue Kunden zu akquirieren – jene Kunden, die Schritt für Schritt bereit sind, künftig nicht mehr nur zufällig über das Label zu stolpern, sondern gezielt einen festen Shop aufzusuchen.

Designmärkte: Neue Erlebniswelten

Designmärkte sind seit Mitte der 2000er Jahre in Deutschland auf dem Vormarsch. Sie werben mit handgemachten Designprodukten abseits des Mainstreams, mit handverlesenen jungen Designern und kleinen Labels, und sie laden die Besucher zum Entdecken und Kaufen ein. Meist stehen die Designer höchstpersönlich hinter den Verkaufsständen und erklären den Kunden ihre Produkte. So erhalten die Werke ein Gesicht – und geben dem Kunden die einmalige Gelegenheit, ein Einzelstück zu kaufen. Die Kunden investieren damit gezielt in selbstgemachte Produkte und kreative Designs aus der eigenen Stadt.

Wo Design draufsteht, ist in Wahrheit noch viel mehr drin. Denn bei Designmärkten geht es nämlich nicht nur darum, Produkte zu verkaufen. Zentral ist es auch, eine Festivalatmosphäre zu schaffen. Nach dem Motto „schauen, essen, hören, kaufen“ erwartet den Besucher eine Kombination aus Waren, Kulinarik und Konzert: Einkaufen als Erlebnis, inszeniert als buntes Festival, das ist der Schlüssel zum Erfolg. Von Mode, Taschen und Schmuck bis hin zu Möbeln und Wohnaccessoires erstreckt sich die „klassische“ Bandbreite der angebotenen Waren eines Designmarktes. Gemeinsam mit frischen Leckereien, kühlen Drinks und entspannter Musik entsteht so eine kreative Atmosphäre.

Street-Food-Markets: Tasty & trendy

Stehen bei den Designmärkten die durchgestylten Produkte im Vordergrund, ist bei Street-Food-Markets das Essen der Hauptdarsteller. Gut und günstig war gestern: Die hippen und hungrigen Besucher eines Street-Food-Markets wollen nicht nur schnell ihren Hunger stillen, sondern sich qualitätsbewusst ernähren und ganz bewusst konsumieren. Woher kommen das Fleisch und Gemüse? Ist es bio, regional, nachhaltig, frisch und gesund? Street-Food ist mehr als Essen: Es ist Lifestyle. Das neue Street-Food ist Ausdruck einer verantwortungsbewussten Generation und spricht die Besucher auf der emotionalen Ebene an.

Das schnelle Essen auf der Straße, das in Asien Alltag ist, wurde zunächst in Amerika zum Trend erhoben, 2013 kam der Street-Food-Trend auch in Deutschland an. Heute strömen jeden Donnerstag zwischen 17 und 22 Uhr 10.000 hungrige Besucher in die Markthalle Neun in Kreuzberg zum „Streetfood Thursday“. Wer braucht da noch Bars und Restaurants? Laut einer Umfrage der GfK bevorzugten schon 2014 29 Prozent der Beschäftigten in ihrer Mittagspause einen kleinen Snack in der Umgebung. Diese Gruppe macht einen Großteil der Zielgruppe der Food-Trucks aus, die auf diesem Markt eine Nische für sich gefunden haben. Street-Food-Trucks warten nicht auf die Besucher, sondern suchen ihre Kunden gezielt im öffentlichen Raum auf.

Das Comeback der Markthalle

Die klassische Markthalle, die Güter des täglichen Bedarfs witterungsunabhängig anbietet, gibt es bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts. Heute erlebt sie eine Renaissance – als Allerwelt-Antwort auf Quartiers- oder Zentrenprobleme, indem sie an unschicken, unbeliebten Orten Aufschwung und Belebung bringen sollen.

Markthallen sind eine logische Folge des “Biregna”-Trends (“Bio, regional, nachhaltig”), denn sie können all das an einem Ort vereinen: regionale Erzeuger, die ihre bestenfalls biologisch angebauten Produkte an einem festen Ort verkaufen. Die kurzen Wege und Transportzeiten bedienen die Grundidee des Konzepts Nachhaltigkeit. Außerdem verkörpern Markthallen die wieder aufgeflammte Liebe zu alten historischen Dingen – den immer wiederkehrenden Retro-Trend. Beständigkeit ist die Antwort auf die immer umfassendere Globalisierung, die Schnelllebigkeit, das Sprunghafte. Alles ist in Bewegung, alles ist vernetzt. Da beruhigt etwas Solides, Beständiges, das einfach da ist. Die massiven historischen Hallen bieten genau das. Sie setzen die Nostalgie in Szene – ein Fels in der Brandung des umgebenden Stadtgefüges.

Betritt man eine Markthalle des 21. Jahrhunderts, verlässt man das hektische Gewusel der Straße – eine große Halle tut sich auf. Im Inneren gibt es eine bunte Mischung aus Ständen und kleinen Läden, Kaffeezeilen und Slowfood. Der Landwirt aus der Region verkauft sein junges Gemüse direkt neben dem türkischen Laden, der den Orient auf vier Quadratmetern auspackt. Überhaupt gibt es Lebensmittel aus aller Welt. Das Konzept geht auf: Man flaniert durch die Gänge, schaut mal hier, riecht mal da, probiert mal dort. Es gibt viel zu sehen, zu riechen, zu schmecken. Das Einkaufen wird zum Aufenthalt. Die Erzeuger verkaufen ihre Produkte meist selbst, man kommt ins Gespräch, lernt sich bei regelmäßigen Besuchen kennen. Kundenakquise nicht nur face to face, sondern auch auf der Gefühlsebene. Kaufen mit gutem Gewissen direkt beim Hersteller. Daneben gibt es Kaffeezeilen mit selbstgebackenem Kuchen wie bei Oma, auch vegan, und Bio-Burger-Kreationen von vollbärtigen Ex-Webdesignern mit den obligatorischen schwarzen Gummihandschuhen.

Die Markthallen sind zum Treffpunkt geworden, egal ob kurz in der Mittagspause, um eine frische gesunde Kleinigkeit zu naschen, oder – ein neuerer Trend – abends ein Glas Bier oder Wein bei gepflegten Beats zu trinken. Wie bei den Design- und Street-Food-Märkten spielt die Bar- und Clubkultur eine immer größere Rolle. Markhallen werden zum Teil eines Lifestyles, zum Ausdruck einer Kultur. Und zum Treffpunkt einer Generation, die ebenso gesundheits- und umweltbewusst wie genussvoll lebt.

Inzwischen reagieren auch die großen Vollsortimenter und Supermarktketten auf das veränderte Kaufverhalten der Konsumenten: Sie etablieren immer mehr Cooking-Stations und Frischetheken, die den reinen Bedarfs-Konsum mit einer neuen Essenskultur verbinden.

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