Die Ökologie der Verschwendung

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Der Mensch ist ein Sünder. Je weiter wir nach vorn schauen, desto mehr verdüstert sich die Welt. Wir steuern ganz und gar unweigerlich auf das große Strafgericht zu. Wir „versündigen“ uns am Planeten und seinen schrecklich knappen Ressourcen. Deshalb müssen wir radikal umkehren, Buße tun, Verzicht leisten!

Gibt es eine Alternative zu diesem wenig produktiven Welt- und Zukunftsbild? Längst. Sie erfordert nur einen radikalen Bruch mit dem Knappheits-Paradigma. Michael Braungart versucht diesen Dogmen-Bruch seit vielen Jahren mit seinem Cradle-to-Cradle-Ansatz. Der Chemiker und Umweltbiologe versucht, den ökologischen Ansatz vom Kopf auf die Füße zu stellen. Statt Vermeidungs-Ideologie zeigt er Wege auf, wie man aus Knappheiten Fülle machen kann. Statt den Leuten Verzichtspredigten zu halten, macht er ihnen ketzerisch Lust auf „Intelligente Ganze Konzerne stellen ihre Produktion auf Cradle-to-Cradle um Verschwendung“ (so auch der Titel seines aktuellen Buches).

Braungart unterscheidet zwischen zwei fundamentalen Konzepten. Auf der einen Seite steht die dumme Ideologie der Effizienz. Effizienz bedeutet, aus „knappen Ressourcen“ noch mehr rauszuquetschen. Das Resultat sind Turbokühe, die pro Kuhleben 25.000 Liter Milch geben, aber sich nicht mehr auf den Beinen halten können, Passivhäuser, in denen so viel (umweltschädliche) Materie steckt, dass man sich wie im Bunker fühlt, und Arbeitswelten, in denen jede Freude abhanden kommt.

Effektivität bedeutet hingegen die Freisetzung intelligenter Vernetzung und konstruktiver Fülle – so, wie es die Natur ziemlich gut kann. Ein Kirschbaum ist keineswegs effizient – er blüht mit 100.000 Blüten, von denen maximal jede Hundertste eine Kirsche wird. Aber die Blüten bilden Humus, lassen den Baum wachsen – und so entstehen immer komplexere und üppigere Kreisläufe.

Bei den inzwischen sanft in ihrem mentalen Getto entschlafenen Grünen wurde Braungart kaum verstanden. In den offiziellen Medien kommt er kaum vor; oder wenn, dann als schriller Exot. Aber die Industrie rennt Braungart inzwischen die Instituts-Tür ein. 1.400 Produkte im Cradle-to-Cradle-Kreislauf hat seine Produkt-Design-Truppe bereits in den Markt gebracht; derzeit erlebt sein Konzept einen wahren Durchbruch. Bürostühle, Babywindeln, Klopapier, Turnschuhe, die klasse Kompost geben, essbare Sitzbezüge für Flugzeug- oder Autositze. Ganze Konzerne sind inzwischen dabei, ihre Produktion auf Cradle-to-Cradle umzustellen.

Das ist die wahre Zukunft. Aber wie so oft findet die unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Wer die Angst verwaltet, hat die Macht. Das weiß nicht nur Wladimir Putin.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

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Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.