Nachhaltiges Interior-Design baut auf radikale Materialien

Mit welchen radikalen Materialien Pionierleistungen auf dem Gebiet des nachhaltigen Interior-Designs erzielt werden. – Ein Auszug aus dem Home Report 2023 von Oona Horx Stathern.

Bild: Justin Schüler/Unsplash

Alternative Materialien, die ein Statement oder eine Botschaft senden, Individualität ausstrahlen, anregend sind und einen Social Impact haben, gibt es bereits seit einiger Zeit im Interior-Design und in der Baubranche. Das Streben nach intelligenter Wiederverwendung von Materialien und nach „Cradle-to-Cradle“-Produkten packt Forschung sowie unternehmerische und experimentelle Pioniere. Der Megatrend Neo-Ökologie beeinflusst auch die Innenarchitektur, und es bleibt in Zukunft nicht beim Recycling oder der Umnutzung von Plastik. Neue und wiederentdeckte Materialien sowie altbekannte Ressourcen in neuen Kontexten weiten den Blick für das Unentdeckte. Bei Filz ersetzen inzwischen recycelten Plastikflaschen die synthetischen Plastikfasern, Bioverbundsstoffe basieren auf Pilzen und Baumwolle wird aus Schalentieren hergestellt. In nur wenigen Jahren hat sich das Material-Portfolio um viele weitere radikalere Ideen – auch dank verbesserter Technologien – erweitert. Das Ergebnis: mutige neue Materialien für Wohnräume.

Radical Materials transformieren das Interior-Design. Sie zeigen, was möglich ist und lassen Verbraucher gespannt in die Zukunft schauen. Nach Einschätzung von Julia Watson, Designerin und Expertin für lokale, naturbasierte Technologien, wird es zwar noch zehn bis fünfzehn Jahre dauern, bis die notwendigen Veränderungen für alternative Materialien wirklich verstanden und umgesetzt wird. Neue Standards etablieren sich nicht von heute auf morgen. Allerdings sind nachhaltigere und regenerative Materialalternativen genauso wie erneuerbare Energiequellen heute schon bedeutend und richtungsweisend für die betroffenen Branchen. Der Weg zur notwendigen Veränderung ist bekannt. Daher lautet Watsons Credo: „We just have to do it.“ Wie die Ideen der Pioniere dann tatsächlich Anklang in der Möbelindustrie finden werden, ist die große Frage.

Nachhaltiges Design das überrascht

Um nachhaltig, individuell, unkonventionell oder auch nur interessanter zu wirken und aus der Menge herauszustechen, greifen Designerinnen und Designer, Architektinnen und Innenarchitekten bisweilen auf ungewöhnliche Ressourcen zurück. So werden Materialien erschaffen, an die bis dato noch niemand gedacht hat, oder aus der Mode gekommene Materialien wiederbelebt, wie beispielsweise Kiefernholz oder auch Knochen. Der Vorteil: Es werden neue Narrative gesponnen. Narrative, die Menschen auf aufregende Art mit einem Möbelstück, Raum oder Ort verbinden, Austausch anregen oder Erinnerungen wachrufen.

Oft werden Radical Materials in ihrem zweiten oder dritten Leben von ihrer ursprünglichen Funktion, Nutzung und Optik komplett entfremdet und erfüllen nun in neuer Form einen neuen Zweck. Bei den designten Endprodukten, egal ob Tisch, Teppich oder auch Lichtschalter, ist stets ein Hinweis notwendig, damit Verbraucherinnen alle Materialinformationen erfassen können. Nicht selten werden auch Materialien, die keinen monetären Wert besitzen, Impulsgeber für radikale Designideen.

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Algen, Muscheln, Eierschalen – Materialien mit Zukunft

Von der Liebe zum Meer, der Farbenpracht und dem Geruch von Salz auf der Haut, einer typischen Urlaubserinnerung, wurde der dänische Designer David Thulstrup dazu inspiriert, mit Seegras-Pellets zu experimentieren. Das Ergebnis – naturnahe braune Farben in Konstellation mit kräftigen Glas, die nur sehr entfernt an riechende Seealgen erinnern – zeigt das große Potenzial von Seegras als Material für neue Möbel. In limitierter Auflage entstanden zwei Tische, ein Podest und Paravent mit dem Namen „Momentum”.

Das Londoner Architekturbüro Bureau de Change überrascht mit radikalen Ideen bei der Fliesenherstellung. In Kooperation mit Künstlerin Lulu Harrison produzieren sie Fliesen aus „Thames Glass”, einem Biomaterial, das aus einem Gemisch von gemahlenen Muschelschalen der Quagga-Muscheln in Kombination mit lokalem Sand und Holzasche hergestellt wird. Die invasive Quagga-Muschelart verstopft häufig die Transfertunnel des Wasser- und Abwasserversorgers Thames Water. Anstatt die Muscheln zu entfernen und zu entsorgen, entwickelte Harrison eine umweltfreundliche Lösung, indem sie die Muscheln als Rohstoff für die Herstellung des einzigartigen Thames Glass verwendete.


Bei steigendem Interesse an radikaler und auch veganer Raumausstattung wurden Eierschalen in dem vielfältigen Portfolio neuer Materialien bisher meist außen vor gelassen. Allerdings landen in Großbritannien jährlich rund 250.000 Tonnen des tierischen Abfallprodukts auf Mülldeponien. Inspiriert vom Einsatz der tierischen Schalenabfälle in medizinischen und zahnmedizinischen Therapien hat das Unternehmen Nature Squared nun Wandfliesen aus Bio-Eierschalen entworfen, um das Abfallprodukt weiterzuverwerten.

Nischenmaterialien auf dem Weg ins Rampenlicht

Einige der interessantesten radikalen Materialien für Möbelstoffe, Wand- und Holzverkleidungen sind immer noch experimentell und nur in Marktnischen zu finden. Wie zum Beispiel „Black Liquor“: Diesen wundervollen Namen trägt eine Lederalternative, die gleichzeitig ein Plattenwerkstoff ist. Schwarzlauge, ein Nebenprodukt der Papierindustrie, ermöglicht die Herstellung des noch unterschätzten Materials. Black Liquor ähnelt Marmor-Alternativen oder Bio-Terrazzo und ist komplett recyclebar. Für eine andere radikale Lederalternative wird Mycelium – die feinen hauchdünnen Wurzelnetzwerke unter dem Pilzstängel – verwendet. Das amerikanische Unternehmen Mycoworks produziert daraus ein Material, das den Produktmerkmalen von feinstem Tierleder entspricht, aber die Umwelt weniger belastet. Das Herstellungsverfahren ist skalierbar, Mycelium wächst fast überall auf der Welt und bietet daher einen Vorteil gegenüber den Herausforderungen globaler Lieferketten. Ein weiterer Pluspunkt: Als Material für Möbel ist die Pilzsubstanz wandelbar. Abhängig von den jeweiligen Bedarfen wird hartes, weiches, dickes und dünnes Mycelium produziert. Mycelium-Leder bietet sogar mehr Möglichkeiten und Anwendungsfälle als mit Tierhaut möglich wäre.

Wie Plastik als Material eine Zukunft hat

Im Vergleich zu spannenden Verwandlungen von natürlichen Materialien oder auch Abfallprodukten in neue, ganz anders aussehende Materialien für Wohnräume ist recyceltes Plastik schon fast ein moderner Klassiker unter den radikalen Materialien. Doch auch hier gibt es große Verwandlungen: Die handgeknüpften Teppiche aus Fasern recycelter Plastikflaschen der britischen Designerin Jennifer Manners und genauso die eleganten „BENU-Meeresteppiche” aus Ozeanplastik von Christian Fischbacher sind optisch und haptisch meilenweit entfernt von der Ressource, aus der sie hergestellt wurden. Eine noch radikalere Weiterentwicklung dieser Produkte wäre die Zurverfügungstellung von Details über die Herkunft des Plastiks, zum Beispiel aus welchem Ozean die Teile des Meeresteppichs stammen. Trashie Treasures, ein kleines irisches Schmucklabel, macht genau das: Bei den Schmuckstücken, die aus Algen, Muscheln, Glas und Plastik aus dem Meer gefertigt werden, weiß man genau, an welchem Strandabschnitt der irischen Stadt Donegal der verarbeitete Abfall gefunden wurde.

Holz Zukunftsmaterial am Bau

Warum Holz als Baustoff große Zukunft hat

Seine vielen Vorzüge machen Holz zum Inbegriff moderner Architektur und Baukunst. Das nachhaltige Material bestischt nicht nur durch Tragfähigkeit, sondern auch auf symbolischer, gesundheitlicher und emotionaler Ebene.

Auch unbeliebte Materialien haben Zukunftspotenzial

Der britische Möbelhersteller Sebastian Cox übt eine etwas andere Art von Radikalität im Möbeldesign aus. Bei ihm bestimmt der natürliche Wachstumszyklus des Baumes die Produktion. Diese Produktionsweise ist eine radikale Rettung für Holz als Baumaterial, denn Holz ist nur dann ein erneuerbarer Rohstoff, wenn er genug Zeit zur Regenerierung bekommt. Bereits mit dem Namen seiner Möbelkollektion „Silviculture” gibt Cox einen Hinweis auf die naturnahen Arbeitsweisen. Der Fachbegriff umfasst die Kunst und Wissenschaft, Wälder so zu bewirtschaften, dass gesellschaftliche und ökologische Bedürfnisse gleichsam bedient werden. Junge Bäume werden mit der Methode des Coppicings, mit der gleichzeitig das Baumwachstum angeregt wird, zurückgeschnitten. Damit bleiben die Wälder produktiv und erhalten die notwendige Zeit zur Regeneration.

Es kann auch radikal sein, sich mit eher unbeliebten Materialien auseinanderzusetzen, zum Beispiel Kiefernholz! Wer sich an die 70er-Jahre erinnert, kennt den Möbeltrend noch: Tische, Schränke, Stühle aus gelblichem, verzweigtem, glänzenden Holz. Viele Designerinnen verstehen den damaligen Trend heutzutage nicht mehr. Das finnische Möbelunternehmen Vaarnii beweist jedoch das Gegenteil und erfindet Kiefernholz neu. Als Pionier für Möbel aus Kiefernholz hebt sich das Unternehmen auf unkonventionelle Art und Weise vom Markt ab, der ansonsten von stilvollem, typisch nordischen Design bestimmt ist. „Brutal and sophisticated“ lautet das Motto der Gründer Antti Hirvonen und Miklu Silvanto. Alle Möbel des Herstellers sind trendig, stilvoll – und gleichzeitig lokal, ehrlich, komplex und langlebig. Im Designprozess orientieren sie sich an einheimischem Design, denn Kiefer ist nicht nur ein lang in Vergessenheit geratenes Holz, sondern es wurde auch traditionell von finnischen Handwerkerinnen genutzt. Die einzigartige Textur und Farbe des Holzes verändert sich mit dem Alter des Holzes, wenn es richtig verarbeitet wird. Vaarnii arbeitet momentan an Alternativen zu Teakholz und entwickelt eine Outdoor-Möbelkollektion, die vollständig aus schadstofffreien Kiefernholz besteht.

Natürlich lässt sich mit dem Kauf eines Sofas oder eines Teppichs aus radikalen, alternativen Materialien nicht die Welt retten. Aber wir können uns dennoch bemühen, Unternehmen zu unterstützen, die sich für die Umwelt einsetzen, indem sie unsere Wohnräume radikal anders denken und vor allem anders herstellen. Das gibt uns nicht nur ein besseres Gefühl, sondern hilft auch dem Planeten.


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