Worktrotters: Die Walz kehrt zurück

Die alte Idee, am Ende der Adoleszenz ein Wanderjahr zur Ausbildung und Stärkung der Persönlichkeit einzulegen, ist wieder aktuell - zunehmend auch bei Akademikern.

Quelle: Trend Update 12/2013

Turi / fotolia.com

„Wir gehen schon mal vor!“ – unter diesem Titel machten sich Philipp Bertisch und Marcel Günthel, zwei Designstudenten aus Weimar, zum Ende ihres Studiums auf zur Walz. Die Job- Wanderschaft war 2010 als Diplomprojekt auf zehn Wochen angelegt, in denen die beiden kreative Unternehmensberatung für kleine und mittelständische Betriebe anboten. Zunächst per Anhalter unterwegs, war ihre Hoffnung, über eine Mitfahrgelegenheit den ersten Kontakt am Zielort zu bekommen und so einen ersten Auftrag zu finden. Das Konzept ist, gemäß der alten Handwerkstradition, für Kost und Logis zu arbeiten und den Zufall entscheiden zu lassen, wohin die Reise gehen soll.

An einem Ort angekommen, nahmen sie den jeweiligen Betrieb für drei Tage unter die Lupe und präsentierten im Anschluss daran ihre Beobachtungen und Ansätze für Problemlösungen. Der Begriff der Gestaltung wurde hier im weiteren Sinne verstanden; so musste die Lösung dabei nicht zwingend eine „designerische“, sondern konnte auch mehr strategischer Natur sein. Einem Autohändler verhalfen die Design-Gesellen beispielsweise zu einem neuen Raum- und Verkaufskonzept. So planten und entwickelten sie in einem gemeinsamen Workshop mit dem Verkaufsteam Events für das anstehende Jubiläumsjahr. Erwartungen, so der Autohändler, hatte er zu Beginn keine. Eher stand er dem Ganzen skeptisch gegenüber, war neugierig und letztendlich begeistert von den Ideen der beiden. Ohne Einem Autohändler verhalfen die Design-Gesellen zu einem neuen Raum- und Verkaufskonzept den Workshop wäre die Jubiläumsfeier wohl auf ein paar Luftballons beschränkt geblieben.

Begleiten ließen sich die Studenten dabei von einer Freundin, die ihre Reise filmisch dokumentierte. Für den Transport von Equipment stand ein aus Dankbarkeit vom Autohaus gesponserter Wagen zur Verfügung. Und auch sonst waren die beiden nicht abgeschnitten vom Rest der Welt: ein Laptop mit Internetanbindung war immer dabei, um per Facebook Logbuch führen zu können.

Praxis statt Praktikum

Die Idee, nach der Ausbildung zum Designer eine Art Walz zu machen und sich vom Gesellen zum Meister formen zu lassen, taucht immer häufiger auf. Design-Walz-Projekte sind zwar bislang Einzelfälle, aber die Idee ist für Gestalter äußerst attraktiv. Der Gestalter, der selbst nicht so genau weiß, ob er nun Handwerker oder Denker, Erfinder oder Dienstleister sein will, begibt sich auf fremdes Gebiet, sampelt eine alte Tradition und kommt dabei nicht nur beruflich, sondern auch persönlich weiter – vielleicht ein Gegenentwurf zum bislang gängigen Praktikumsmarathon? In jedem Fall ein neuer Ansatz, mit der oft schwierigen Phase nach dem Ende des Studiums umzugehen.

Für das bislang erfolgreichste Design-Walz-Projekt, „Gringografico – On the road for food and fame“, gestalteten die Macher ihre Walz bis ins kleinste Detail. Mit Konzept, Blog, einer eigenen Kluft und schließlich der Diplomarbeit als publiziertem Buch, in dem ihre „Tipps und Tricks, Erlebnisse und Agentureinblicke“ gesammelt sind, zeigen sie, was möglich ist.

Sampling einer alten Tradition

Aber was bleibt von der klassischen Walz des Handwerks? Die mittelalterliche Tradition, als Handwerksgeselle auf Wanderschaft zu gehen, war Voraussetzung, um den Meister im Handwerk absolvieren zu können. Bäcker, Goldschmiede und Buchbinder zogen los, um in der Ferne weiser und geschickter zu werden. Unterstützt wurden sie von Schächten – das sind frei wählbare Handwerkervereinigungen. Die Zugehörigkeit zu einem Schacht wird durch die Farbe der Krawatte kenntlich gemacht. Jeder Schacht besitzt einen eigenen Fundus an Liedern und Reimen, die nur untereinander weitergegeben werden dürfen.

Auf die Walz zu gehen bedeutet gleichzeitig auch, einen Koffer harter Regeln mitzunehmen. Beim gemeinsamen Bier mit den Tippelbrüdern kann das Handy auch Beim gemeinsamen Bier mit den Tippelbrüdern kann das Handy auch mal im Krug verschwinden mal im Krug verschwinden, denn Mobiltelefone sind nicht gern gesehen. Ebenso verpönt sind „Sternwanderer“, die sich strahlenförmig, immer von einem Ort aus, in umliegende Städte bewegen. Die Walz wird auch als „Fremdschreibung“ bezeichnet und impliziert das Verbot, während der gesamten Zeit der Wanderschaft näher als 50 Kilometer an den Heimatort heranzukommen. Dies ist wohl eine der härtesten Regeln.

Vor allem aber steht ein jeder Geselle in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass der Nächste, der nach ihm in einem Betrieb anklopft, ebenso freundlich empfangen wird wie er selbst. Die Solidarität untereinander verpflichtet, kein schlechtes Licht auf andere Wandergesellen zu werfen, darum maßregeln sich die Gesellen auf Wanderschaft gegenseitig. Nach eigenen Aussagen sehen sie sich als „Spiegel der Gesellschaft“. Die Wanderjahre können von Schacht zu Schacht von unterschiedlicher Dauer sein, die Regel jedoch sind drei Jahre und ein Tag. Um nicht vor der Verantwortung daheim zu flüchten, ist es Voraussetzung, jünger als 30, unverheiratet, kinderlos und unverschuldet zu sein.

Die Walz zu sich selbst

Die Anreize, in die Ferne zu ziehen, sind heute ähnlich wie damals. Mit dem großen Unterschied, dass der Reisende heute sich freiwillig dazu entscheidet, auf Walz zu gehen, und nicht von einer Zunft dazu gezwungen wird. Im Gegensatz etwa zum englischen Journeyman hielt sich die Tradition der Gesellenwanderungen in Deutschland bis heute. Wichtig sind den jungen Leuten nach wie vor das Sammeln von Menschenkenntnis, Auslandserfahrung und die Weiterbildung im Beruf. Eine einmalige Mischung aus Abenteuerreise und Selbsterfahrung.

Das Bedürfnis, sich im Individualitätswirrwarr einordnen zu können, wird für den Einzelnen immer größer. So sank beispielsweise die Zahl der Kirchenmitglieder von 2003 bis 2010 von 52 Millionen auf 48,6 Millionen, die Eine längere Auszeit aus dem Alltag verändert die Sicht auf die bestehenden Dinge Zahl deutscher Pilger auf dem Jakobsweg aber stieg von 5.967 auf beachtliche 14.503 Personen. Kann sich eine Person gut einschätzen, verliert sie nicht so schnell den Überblick, weiß, wie belastbar sie ist und wo ihre Grenzen liegen. Das Wandern dient hier als Weg zu sich selbst. Eine längere Auszeit aus dem Alltag verändert die Sicht auf die bestehenden Dinge.
In Amerika folgt fast ausnahmslos auf den Bachelorabschluss ein Gap-Year, in dem diese Bedürfnisse in abweichender Form untergebracht werden: ein Praktikum, Au-Pair, ein Freiwilliges Soziales Jahr oder Work&Travel. Dieser Ansporn ist auch im Sabbatical zu finden, einem Jahr der Auszeit vom normalen Beruf, das in Deutschland dem Forschungssemester ähnelt: dem Lehrbetrieb für einen Zeitraum den Rücken kehren, um sich völlig der Forschung an der eigenen Arbeit zu widmen.

Erasmus erweitert

Genau das passiert auch bei der Organisation Erasmus for Young Entrepreneurs (EYE). Das Angebot richtet sich wie bei der Walz an junge, fertig ausgebildete Personen. In diesem Fall soll der Unternehmergeist geweckt und gestärkt werden. Anmelden für das großzügig geförderte Programm kann man sich, wenn man kurz vor der Gründung eines Unternehmens steht oder in den letzten drei Jahren eines gegründet hat. Während das Wort „Erasmus“ zunächst eher an Studenten erinnert, die dringend eine Auszeit an Spaniens Stränden suchen, geht es den Betrieben hier um mehr als nur darum, eine Praktikantenstelle zu besetzen. Da die Teilnehmer bereits ausgebildet sind und den Schritt in die Selbstständigkeit wagen wollen, können die „Host Entrepreneurs“ durchaus größere Vorteile für den eigenen Betrieb erwarten und ihren „Young Entrepreneur“ voll einsetzen. So auch bei Simone Mocali, einem Jung-Architekten aus Florenz. Nach dem gemeinsamen Start durch das EU-geförderte Programm ergab sich für beide Seiten eine Kooperation, die über die Zeit des Austausches hinausging. Die Firma erhält gewissermaßen die Beta-Version eines Angestellten und testet für eine gewisse Zeit seine Fähigkeiten. EYE richtet sich bisher überwiegend an wirtschaftliche Betriebe, ist aber nach eigenen Angaben offen für alle Branchen; für die Teilnehmer gibt es keine Altersbeschränkung. Auch das Wandern ist hier gewollt und erwünscht, denn die Mindestaufenthaltszeit von vier Wochen kann in mehrere Stationen und verschiedene Länder führen. Vorteil ist: Man erhält Einblick in die unterschiedlichen Mentalitäten der Betriebsführung und vernetzt sich nebenbei bereits in seinem Arbeitsfeld. Die Hosts haben ein Gespür für die Nöte und Sorgen von jungen Absolventen, bekommen dafür „fresh ideas“ und wählen die Young Entrepreneurs nach ihren spezifischen, für das eigene Unternehmen relevanten Fachkenntnissen aus.

Dass es junge Menschen zur Weiterbildung nach draußen zieht, ist ein alter Gedanke. Im Bereich der akademischen Abschlüsse lehnt sich EYE an die „Grand Tour“ an. Um dem Bildungsstatus und der Reife ein Krönchen aufzusetzen, wurden schon im 16. Jahrhundert junge Männer zwischen 17 und 21 Jahren für mehrere Jahre auf Europatour geschickt. Den Adeligen war das Reisen mit der Kutsche vorbehalten, wer sich das nicht leisten konnte, ging wie bei der Walz zu Fuß. Die Ziele bleiben heute vornehmlich dieselben: Kultur und Sitten fremder Länder kennenlernen, dabei Weltläufigkeit und Manieren erlangen, für das Leben nützliche Verbindungen knüpfen und die Sprachkenntnisse vertiefen.

Suche Internship, biete Externship

Dass der zunehmende Wunsch vieler junger Menschen nach einer Wanderung zu sich selbst der Sicherung der Human Resources von morgen eher entgegenkommt, liegt auf der Hand. Dem Bedürfnis und der Tradition nachzugehen und Bereiche wie Arbeiten, Bildung und Herumkommen auf bestimmte Zeit miteinander zu verknüpfen, erweist sich für beide Seiten als immer sinnvoller. Der Typus des Worktrotters lässt sich nicht eindimensional festschreiben, er variiert auf vielen Ebenen. Für potenzielle Arbeitgeber vereinen die Worktrotters gleich mehrere attraktive Eigenschaften: Zukunftsorientierte Unternehmen suchen immer nach flexiblen, mobilen Arbeitskräften mit Externen-Blick.

Eine Die Worktrotters wissen, dass es für sie auf die Talente-Entwicklung „von innen“ ankommt Strategie, die sich im Handwerk also schon seit Jahrhunderten bewährt hat, erobert nun nach und nach auch akademische Bereiche. In der Arbeitsbranche geläufige Begriffe wie Trainee, Intern oder Volunteer beinhalten immer eher die One-Way-Ausbildung „WIR bilden dich für UNS aus“. Um das auf das individuelle Talent ausgerichtete „Erfahrungen machen“ ging es bisher nicht. That’s business. Die Worktrotters dagegen wissen, dass es für sie genau auf die Talente-Entwicklung „von innen“ ankommt. Den Bedürfnissen eines Arbeitsmarktes von morgen, der auf Querdenker und Individualisten angewiesen sein wird, kommen sie damit nur entgegen.

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