World Wide Webbies: Die neuen Netze des Netzes

Kleine, dezentrale Netzwerke erweitern und bereichern die digitale Welt - und liefern neue Ansätze, um das Vertrauen der User ins “World Wide Web“ zurückzugewinnen.

Quelle: Trend Update

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In den Anfängen der Digitalisierung der Wirtschaft reichte es, ein Blackberry zu besitzen, um sicher zu sein, dass nicht mitgelesen wurde, was man an Nachrichten über sein Smartphone (das damals noch PDA hieß) versendete und empfing. Blackberry sorgt über eine besondere Verschlüsselung des gesamten Datenverkehrs, der über ein eigenes Netzwerk übertragen wird, für extrem Chance zur Eindämmung von Überwachung und Industriespionage hohen Datenschutz. Der auf allen Geräten vorinstallierte Blackberry Messenger, ein proprietäres Instant-Messaging-Programm, stellte noch bis vor Kurzem Chat-Verbindungen über das geschlossene Blackberry-Netzwerk her, auf das dritte Hersteller oder Apps keinen Zugriff hatten. Es waren unter anderem diese Sicherheitsvorteile, die das Blackberry lange Zeit zum Smartphone der Businessclass machte. Heute ist jedem klar: Das reicht bei Weitem nicht mehr aus.

Kommt bald das EWW, das Euro Wide Web?

Spätestens seit den Enthüllungen des NSA-Whistleblowers Edward Snowden ist klar, dass es einer weiteren Regulierung des Netzes und einer Neujustierung im Verhältnis von Staat, Bürgern und Unternehmen bedarf. Als einen nächsten Schritt brachte René Obermann daher kürzlich die Einführung eines „Schengen-Routings“ ins Gespräch: Wenn Sender und Empfänger, so der ehemalige Telekom-Chef, sich innerhalb des Schengen-Raums befinden, sollten Daten nicht unnötig über Amerika oder Asien geleitet werden. Was in den USA längst gängige Praxis ist, soll so auch in Europa Wirklichkeit werden. Dadurch könnte nicht nur die Überwachung durch Geheimdienste eingedämmt werden, es ließe sich durch ein Europanet vor allem ein Einfallstor für Industriespionage schließen. Selbstkritisch überdenkt die Telekom nun ihre restriktive Haltung beim Peering, dem direkten Zusammenschalten von Netzen unterschiedlicher Provider, und verfolgt inzwischen sogar Pläne für ein nationales Internet. In Absprache mit anderen Netzbetreibern will die Telekom künftig Daten, die Nutzer in Deutschland austauschen, nicht mehr übers Ausland leiten.

Vor dem Hintergrund eines solchen Deutschlandnetzes wurde jetzt von GMX, T-Online und Web.de die „E-Mail made in Germany“ eingeführt, die seit Anfang diesen Jahres durch eine verschlüsselte Übertragung und Datenverarbeitung innerhalb Deutschland besonders sicher sein soll. Auf der jährlichen Fachkonferenz des Chaos Computer Clubs (CCC) Ende Dezember in Hamburg wurde die Initiative zwar als unzureichend kritisiert, prinzipiell aber begrüßt auch Europas größte Hackervereinigung den späten Entschluss der E-Mail-Anbieter. CCC-Sprecher Frank Rieger fordert ausdrücklich „dem amerikanischen Pol einen europäischen gegenüberzustellen. Beispielsweise durch regionale, nationale, europäische Angebote, um“, wie Rieger betont, „langfristig eine Technologiesouveränität herzustellen.“

Die Vernetzung der Welt

Denn längst nicht nur unsere Kommunikation, sondern sämtliche Systeme hängen am Internet: Energienetze, Mobilität (Fahrerassistenz, teilautonome Fahrzeuge), Logistik (Paket-Drohnen), technische Anlagen, Gebäudekomplexe (Smart Buildings), der Handel, die Gesundheitsversorgung Cyber-Anschläge als neue technologische Bedrohung (E-Health), Nachrichtendienste, Finanzsysteme – all das ist von einer zunehmenden Digitalisierung gekennzeichnet und würde ohne sie nicht mehr funktionieren.

Mit diesem strukturellen Wandel verändert sich auch die Gefahrenlage. Cyber-Anschläge sind in der Einschätzung der mehr als 1.000 Experten, die das World Economic Forum im Rahmen seiner Studie „Globale Risiken 2013“ befragte, die technologische Bedrohung, die in den nächsten zehn Jahren am wahrscheinlichsten eintreten wird. Das Versagen kritischer Systeme im Bereich der Netzwerke und Informationsinfrastrukturen wiederum wird als das technologische Risiko eingestuft, das im Falle eines Eintretens die gravierendsten Auswirkungen haben wird.

Geschlossene Netzwerke sind keine Lösung

Brauchen wir also in Zukunft mehrere, voneinander getrennte „Internetze“, um die Sicherheit kritischer Infrastrukturen zu gewährleisten? Die Antwort ist Nein. „Geschlossene Netzwerke für sensible Systeme und kritische Infrastrukturen helfen kaum weiter, denn sie funktionieren nie vollständig autark. Sie brauchen notwendigerweise Verbindungen zu anderen Systemen“, sagt Klaus Rodewig vom TÜV TRUST IT, Mitglied im Expertenkreis Cyber-Sicherheit des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Seiner Überzeugung nach ist eine technische Trennung oder Abschottung weder praktikabel noch wirtschaftlich. Die Lösung liegt also weniger in konkurrierenden Schattennetzen als vielmehr darin, innerhalb bestehender Strukturen zusätzliche, sich ergänzende Optionen zu schaffen, die Sicherheit und Innovationsfähigkeit gleichermaßen steigern.

Mesh-Netzwerke als Ergänzung

Als Alternative zum Internet – zumindest aber als Ergänzung – werden sogenannte Mesh-Netzwerke gehandelt. Sie können ganz ohne Anschluss ans Internet aufgebaut werden – oder Teil des Internets sein. Dazu wird kostengünstige Hardware mit einer einfachen Software vernetzt – „World Wide Webbies“ als flexible Ergänzung des WWW kabelgebunden oder drahtlos. Das wohl bislang größte und älteste Mesh-Netzwerk, das Athens Wireless Metropolitan Network, wurde 2002 von Bewohnern der griechischen Hauptstadt initiiert, die frustriert waren vom langsamen Breitbandausbau. Es ermöglicht teilweise eine Datenübertragung von über 100 Megabyte pro Sekunde.

Solche sogenannten „World Wide Webbies“, von Nutzern betriebene, dezentrale Netzwerke, werden das Internet zwar nie komplett ersetzen. Doch zum einen wirkt das Mesh-Networking der Zentralisierung des Internets entgegen, denn durch die Konsolidierung von Internetanbietern kontrollieren immer weniger Konzerne immer größere Teile des Web-Traffics. Zum anderen kann das Netz so auch in entlegene Teile der Welt oder Katastrophengebiete gebracht werden.

Das Netz der Zukunft: Mehr Sicherheit

Wenn es um die Zukunft der Netze geht, ist höhere Sicherheit absolut wichtig. Doch um das Vertrauen der User zurückzugewinnen, sind auch innovative technologische und wirtschaftlich effiziente Lösungen gefragt. Neue Mechanismen und zukunftsweisende Strategien der Vernetzung zielen eben nicht auf Abschottung, Isolation und Zentralisierung. Gerade die extrem hohe architektonische Flexibilität des Internets als dezentrales Netzwerk ist sein großer Vorteil. Mehr Sicherheit durch Beschränkungen in der Offenheit oder eine zunehmende Fragmentierung der Netze erkaufen zu wollen, würde zulasten eines integeren und leistungsstarken, agilen Netzes gehen. Doch darauf wird es in Zukunft mehr denn je ankommen.

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Megatrend Konnektivität

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