Es ist Zeit für einen Gegenwirbel

Der negative Wirbel unserer Zeit zieht uns hinunter, solange wir uns nicht dazu entscheiden, die Welt im Gegenwirbel neu zu entdecken. – Ein Appell von Harry Gatterer.

Wissen Sie noch, wo oben und unten ist? Fühlen Sie sich durchgewirbelt von den sich überschlagenden Ereignissen? Der Wirbel ist ein Bild, dass der Psychologe Peter A. Levine geprägt hat. Ausgelöst durch ein Trauma, eine massive Überreizung, reißt uns der Wirbel aus dem Flow. Stabilität, Flexibilität und Handlungsmöglichkeiten sind dadurch eingeschränkt.

Doch Levines Bild kennt nicht nur den Wirbel, sondern auch den Gegenwirbel. Eine ausgleichende Kraft, die dem Traumawirbel entgegengesetzt wird. Im Gegenwirbel bzw. der Energie, die zwischen Traumawirbel und Gegenwirbel entsteht, sieht er heilende Wirkung. Das Bild erinnert wohl nicht ganz zufällig an den Gegenwirbel, der beim Start eines Flugzeugs entsteht und das Abheben ermöglicht, war Levine doch nicht nur Traumaforscher, sondern auch Physiker.

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil es jetzt darum geht, sich auf den Gegenwirbel zu konzentrieren!

Im Traumawirbel der Krisen

Folgen wir Levine, könnte man sagen: Als Gesellschaft und Wirtschaft erleben wir eine Phase der Traumatisierung. Durch eine globale Pandemie mit ihrer einhergehenden sozialen Distanzierung. Durch die Betroffenheit und Emotionalität eines kaum vorstellbar gewesenen militärischen Angriffs in der Ukraine. Durch sich verstärkende Sorgen und Ängste im Zuge einer möglichen globalen Wirtschaftskrise.

Wenn die Preise für Energie und Baumaterialien durch die Decke gehen, wenn unsere angestrebte E-Mobilität und Solarstromerzeugung am Nickel-Nachschub für Batterien zu scheitern droht, wenn Getreide im Norden Afrikas knapp wird, dann werden die Abhängigkeiten deutlich. Es treten Interdependenzen und Zusammenhänge zutage, die laut dem Netzwerkforscher Dr. Harald Katzmaier „too big to know” sind: Kaum jemand vermag sie noch für sich zusammenzubringen und zu verstehen.

Wir finden uns wieder in einem riesigen, destruktiven Wirbel. Die Entwicklungen und ihre Auswirkungen sind schwer zu fassen. Was passiert noch, was passiert als Nächstes? Wo ist oben, wo ist unten? Solange wir in Schockstarre in den Wirbel blicken, fällt uns die Orientierung schwer. Es geht nun darum, die Energie des Gegenwirbels zu nutzen, um uns vom Wirbel abzuheben.

Unser Gegenwirbel

Ich bin überzeugt davon, dass wir unsere Aufmerksamkeit dem Gegenwirbel schenken müssen. Mit der Konzentration auf systemisches Denken, Präsenz und dem Bewusstsein für Identität. Wir wissen, dass der Wirbel da ist, daran können wir nichts ändern. Wir können uns aber entscheiden, ein Zentrum des Gegenwirbels zu bilden.

Im Stadium von too big to know geht es nicht mehr um Wissen. Wissen ist immer beschränkt, das wird deutlich, wenn wir nicht mehr wissen, wie wir morgen aufs Neue verwirbelt werden könnten. Jetzt sind wir in einer Situation, in der das Nichtwissen über die Zusammenhänge unserer Welt so groß ist, dass wir ihm nur mit gemeinsamen Erfahrungen gegenüber treten können. Wir müssen präsent sein, um in der veränderten Welt anzukommen und sie im Gegenwirbel zu entdecken.

Achtung auf den Gegenwirbel

Ich gebe zu, die Metapher vom Wirbel und Gegenwirbel ist etwas sperrig. Aber hat man sich erstmal an dieses Bild gewöhnt, scheint es sehr klar: Den dekonstruktiven Wirbel kann man als Individuum oder Organisation nicht aufhalten. Too big. Sich im Trauma dieses Wirbels aufzuhalten ist auch keine Lösung. Daher legen wir die Kraft auf die Aktivierung des Gegenwirbels. Was wir dazu brauchen: Ein Verständnis für Zusammenhänge — nennen wir es systemisches Denken. Ebenso eine gute Präsenz — denn das Hier und Jetzt ist immer der Ausgangspunkt der Zukunft. Am meisten brauchen wir Menschen um uns, die gemeinsam „nach vorne” denken wollen. So legt sich die Aufmerksamkeit schrittweise auf den Gegenwirbel in Richtung Zukunft.