Die Helligkeitsrevolution

Wie adaptives Licht unseren Umgang mit künstlich erzeugter Helligkeit verändern wird. Ein gekürzter und bearbeiteter Auszug aus dem Zukunftsreport 2017.

Von Matthias Horx

Unsplash / Peter Nguyen / CC0

Wir befinden uns im Luxopozän, im Zeitalter des leuchtenden Menschen. Die Lux- bzw. Lumen-Zahl der großen Städte verdoppelt sich seit den 1960er-Jahren ungefähr jedes Jahrzehnt. Doch wie wird in Zukunft mit Licht umgegangen werden? Für Mathias Wambsganß, Professor für Lichtplanung und Gebäudetechnik an der Hochschule Rosenheim, ist Licht ein „immaterieller Baustoff“ und essenziell für unsere Wahrnehmung. Licht dient dem einfachen Zweck, etwas zu sehen – doch es kann unsere Umwelt auch grandios in Szene setzen.

Heute ist künstliches Licht so allgegenwärtig, dass wir uns wieder nach Dunkelheit zu sehnen beginnen. Denn die Anwesenheit des Lichts ist ebenso wichtig wie seine Abwesenheit. Zwei bemerkenswerte Entwicklungen werden sich dabei in hohem Maße auf unseren künftigen Umgang mit Licht auswirken:

  • Die Entwicklung der LED-Technologie erlaubt es uns heute, Intensität und spektrale Zusammensetzung quasi nach Belieben einzustellen – künstliche Beleuchtung wird zunehmend digital und individualisierbar
  • Bereits 2001 wurde ein Rezeptor im Auge identifiziert, der nicht dem Sehen dient, sondern unseren Tag-Nacht-Rhythmus synchronisiert und unmittelbar unseren Hormonhaushalt beeinflusst. Weißes Licht mit hohen Blauanteilen unterdrückt beispielsweise das Schlafhormon Melatonin und wirkt aktivierend. Das ist gut am Morgen – aber am Abend?

Das Paradigma für anspruchsvolle Beleuchtungslösungen lautet deshalb in Zukunft: das richtige Licht zur richtigen Zeit. Hochwertige Tablets und Smartphones verändern ihre Displays bereits gegen Abend so, dass weniger blauhaltiges Licht die Netzhaut erreicht.

Dies wird auch zu einer anderen Architektur führen, so Lichtforscher Wambsganß. Unsere Entwicklung zur Innenraumgesellschaft erfolgte innerhalb weniger Generationen, ohne dass unser Organismus an künstliches Licht angepasst wäre. Heute gültige Mindestwerte für die Helligkeit am Arbeitsplatz sind am Tage in der Regel zu niedrig, nachts können sie bereits zu hoch sein. Eine bessere Versorgung mit Tageslicht, nicht nur quantitativ, sondern auch bezüglich seiner spektralen Qualität, ist essentiell.

Künftig werden sich deshalb Tages- und Kunstlichtlösungen noch mehr am Wohl der Menschen orientieren. Tageslichtferne Arbeitsplätze gehören dann ebenso der Vergangenheit an wie üppig verglaste Bürofassaden, die mit harten Sonnenschutzverglasungen versehen werden müssen. Die Lichtkonzepte der Zukunft werden das wachsende Wissen um die Lichtquelle Tageslicht berücksichtigen und zugleich die Möglichkeiten der LED-Technologie ausschöpfen.

Ein Beispiel dafür liefert schon heute der Kopenhagener Stadtteil Herstedt: Am Tage sieht er aus wie jedes andere Büroviertel auf der Welt. Bürogebäude und Lagerhallen, Logistik-Areale und Straßen mit Last- und Lieferwagen. In der Nacht aber verwandelt er sich in ein Licht-Laboratorium. Das TVILIGHT-System führt dazu, dass Licht „auf Bedarf“ Künftig werden sich deshalb Tages- und Kunstlichtlösungen noch mehr am Wohl der Menschen orientieren geschaltet wird. Wenn ein Auto, ein Fußgänger oder ein Fahrradfahrer die Straße entlangfährt, schaltet sich das Licht automatisch ein und aus und folgt stufenlos der Bewegung des Objekts.

Kopenhagen hat in den vergangenen Jahren 21.000 neue „Smart Lights“ in seinen Straßenzügen installiert, als Teil der Zielvorgabe der CO2-Neutralität im Jahr 2025. Aber auch andere Städte ziehen mit: Eine Stadt wie Los Angeles spart jedes Jahr 10 Millionen Dollar, indem sie die Beleuchtung sukzessive auf LED umstellt. LED-Licht hat völlig andere Eigenschaften als die gute alte Glühbirne, die Leuchtstoffröhre, das Halogen-Licht oder die Quecksilber-Dampflampe. Es macht direkte sensorische Steuerung möglich – der immaterielle Baustoff Licht verwandelt sich so in digitale Elektronik.

Die elektronischen Steuerungen machen es möglich, die „Flakscheinwerfer-Ästhetik“ abzulösen, mit der normalerweise historische Gebäude in der Nacht verunstaltet werden. In Zürich beinhaltet der „Plan Lumière“ sanfte, adaptive Beleuchtungen des Fraumünster und anderer historischer Gebäude.

Auch die nächste Licht-Revolution steht schon in den Startlöchern. OLED, das molekulare Licht, macht es möglich, ganze Quadratmeter in millimeterdünnen Leuchtflächen zu belegen. Das wird noch einmal einen Energie- und Kostenvorteil bedeuten. Wenn es gelingt, diese Folientechnologie des Lichts preiswert zu machen – was früher oder später zu erwarten ist –, dann werden ganze Wände von Straßenzügen in mattem oder strahlendem Licht erscheinen können. Oder auch als dynamische Werbefläche genutzt werden. Zentral wird auch hier Wambsganß Paradigma für die Zukunft der Beleuchtung sein: das richtige Licht zur richtigen Zeit.

Erfahren Sie mehr über die Helligkeitsrevolution im Zukunftsreport 2017.

Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: Technologie

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Dossier: Wohnen

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Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.