Future People: Die Brückenbauer

Welche cleveren Köpfe inspirieren und weisen uns den Weg in die Zukunft? Wer sind die Helden für ein besseres Morgen? Lernen Sie die Future People kennen! In diesem Teil: Die Brückenbauer. – Ein Auszug aus dem Zukunftsreport 2019.

Illustration: Benedikt Eisenhardt

In Deutschland, den USA und weiten Teilen Europas herrscht eine gesellschaftliche Spaltung wie schon lange nicht mehr. Die Kommunikation zwischen den rückwärts- und vorwärtsgewandten Teilen der Gesellschaft ist erstarrt, man spricht verschiedene Sprachen, und die Rechtspopulisten scheinen das Politik- und Mediengeschehen zu dominieren.

Doch nicht alle lassen sich von Hass und Hetze blenden: Neue Brückenbauer dienen als Vermittler und Botschafter der Empathie und des Aufeinanderzugehens. Sie überwinden Differenzen, indem sie für ein tiefes Verständnis des Gegenübers plädieren und mit dem Fokus auf das geteilte menschliche Erleben verlorene Verbindungen wiederherstellen.

Jochen Wegner

Überwindung der Spaltung durch Dialog – das ist ein Anliegen des Zeit-Online-Chefredakteurs Jochen Wegner. Als Mitbegründer des Projekts „Deutschland spricht“ bringt er Menschen mit möglichst gegensätzlichen Ansichten dazu, sich auszutauschen. Das ebenfalls unter seiner Leitung initiierte Jugendfestival Z2X lädt die junge Generation dazu ein, Visionen für die Zukunft zu entwickeln.

Valarie Kaur

Die Aktivistin und Dokumentarfilmerin Valarie Kaur hat eine einfache Botschaft: Liebe ist mehr als ein Gefühl – sie wird eine politische Kraft, sobald es uns gelingt, auch auf jene zuzugehen, die uns fremd oder nicht unserer Meinung sind. Kaur nennt das „Revolutionary Love“, und ihr gleichnamiges Projekt soll dieses Potenzial erwecken. Was zunächst pathetisch klingen mag, adressiert präzise die Probleme unserer Zeit. 

Christian Picciolini

Dass Menschen sich grundlegend ändern können, beweist Christian Picciolini. Der ehemalige US-Neonazi hat in seiner Vergangenheit Hass gesät. Doch ausgerechnet das Mitgefühl derer, die er hasste, half ihm, wieder eine Perspektive für sich zu finden. Heute versucht er, etwas zurückzugeben: indem er seine Geschichte teilt, aber auch mit der Gründung der Organisation „Life After Hate“, die Anhängern von Hass-Ideologien den Ausstieg ermöglichen will.

Felix Brummer

Der Sänger der Indie-Rockband Kraftklub ist gebürtiger Chemnitzer und initiierte mit seiner Band die #wirsindmehr-Konzerte nach den rechtsradikalen Ausschreitungen in seiner Stadt. In den Texten von Kraftklub geht es oft um den Perspektivwechsel, Brummers Botschaft ist versöhnlich: Dialog ist nötig, denn die Wahrheit hat niemand gepachtet.

Sigi Maurer

Sich starkmachen gegen jene, die im Netz beleidigen und belästigen: Das ist das Ziel von Sigi Maurers „Rechtshilfefonds gegen Hass im Netz“. Die Österreicherin wurde selbst sexuell belästigt, wehrte sich mit dem Veröffentlichen der Nachrichten – und wurde wegen übler Nachrede verurteilt. Gemeinsam mit der „Initiative Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit“ (ZARA) will sie nun Hate-Speech-Opfern kostenlose Beratung und Unterstützung ermöglichen. Das Crowdfunding-Projekt sammelte in den ersten 38 Stunden 100.000 Euro.

Ouided Bouchamaoui

Die tunesische Unternehmerin, die seit 2011 die tunesische Konföderation für Industrie, Handel und Handwerk leitet, setzt sich ein für neue Formen der Zusammenarbeit und Vernetzung. 2015 wurde sie mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet: Ihre Vermittlung in der tunesischen Gesellschaft trug maßgeblich dazu bei, die Islamisten an den Rand zu drängen.

Michael J. Sandel

Der US-Amerikaner ist ein Philosoph der neuen Art, ein Denker der Praxis. Anders als andere Großintellektuelle doziert er nicht, sondern veranstaltet mit Studenten und Bürgern riesige „Denk-Events“, bei denen er dem Publikum Fragen stellt. Sandel zählt sich zur kommunitaristischen Bewegung und will die Spaltung der Gesellschaft durch gemeinsamen Diskurs überwinden. Er glaubt an die Konstruktion des Gesellschaftlichen durch Begegnung.

Dunja Hayali

Seit Jahren kämpft die Journalistin und TV-Moderatorin für Integration und gegen Diskriminierung und Rassismus. Regelmäßig wird sie deswegen in sozialen Medien mit Hass-Nachrichten überhäuft. Doch statt die Angriffe auf ihre Person zu ignorieren, versucht sie, auf jeden Kommentar zu antworten und stellt Trolle und Hetzer persönlich zur Rede.

Gisela Erler

Die Familienforscherin, Unternehmerin und Politikerin ist als Staatsrätin in der baden-württembergischen Landesregierung zuständig für „Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung“. Seit Jahren entwickelt sie neue Tools und Methoden zur Bürgerpartizipation und Konfliktmoderation, etwa bei der Kontroverse um das Großprojekt Stuttgart 21, wo sich Meinungs-, Emotions- und Interessengruppen unversöhnlich gegenüberstanden. Erlers Arbeit leistet einen wertvollen Beitrag für die Zukunft der Politik.

Ein Auszug aus dem Zukunftsreport 2019.

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