Verrückt durch die Krise: Be thrawn!

Die Corona-Pandemie erzeugt eine neue Orientierungslosigkeit und verwischt den Blick auf die Zusammenhänge. Mehr denn je brauchen wir jetzt eine Besinnung auf unsere innere Weltwahrnehmung. Und damit auch: eine neue Form von „Verrücktheit“, die sich für Harry Gatterer in einem Wort beschreiben lässt – „thrawn“. Ein Auszug aus dem Zukunftsreport 2021.

Die Pandemie hat das mentale Gerüst unseres Zusammenlebens ins Wanken gebracht. Die Konstrukte unserer alten Wirklichkeit sind beschädigt oder existieren gar nicht mehr, und neue Konstrukte sind noch sehr labil. Filme, die vor der Pandemie produziert wurden, wirken heute wie ein Traum aus einer anderen Welt. Vieles, was früher Alltag für uns war – sich umarmen, das Essen teilen, in Clubs tanzen, mobil und unterwegs sein – wirkt heute merkwürdig oder ist ohne Sicherheitsvorkehrungen schlicht unmöglich. Doch die oberflächlichen Symptome sind nicht die wesentlichen. Hinter den Kulissen des gesellschaftlichen Lebens und der Wirtschaft versetzen die vielen systemischen Lücken uns einen Schlag nach dem anderen.

„Was, unsere Druckerei ist pleite?“
„Oh, Wien zu betreten ist ein Risiko.“
„Wow, Zoom ist mehr wert als die sieben größten Airlines der Welt!“
„Wie bitte, mein Sohn muss fünf Reservemasken mit in die Schule nehmen?“


Solche Aussagen wären vor der Corona-Krise noch wie ein Witz erschienen. Mittlerweile aber ist uns geläufig, dass sich Dinge grundlegend verschieben. Das betrifft auch unseren Kalender: War er vor der Pandemie für die Allermeisten ein Garant für Stabilität, so wankt er heute täglich. „Mein Kalender ist schlimmer als die Wettervorhersage, nicht mal der nächste Tag kann mit Sicherheit vorhergesagt werden“, klagte ein Nutzer auf LinkedIn. Unsere Welt funktioniert nicht mehr linear.

Im Großen wie im Kleinen spüren wir, wie die Corona-Krise ihr katastrophales Potenzial entfaltet, mit enormer Wucht. Was wir in diesen Zeiten brauchen, thrawn: verdreht, krumm, verzerrt, missgestaltet, deformiert, schief, in die falsche Richtung gewendet; widerspenstig, trotzig, widerborstig, störrisch, unfügsam; durchgedreht, verrückt! um uns orientieren zu können, ist eine neue Qualität der Weltwahrnehmung. Und damit auch: eine Haltung der „Verrücktheit“, die der keltische Begriff „thrawn“ beschreibt.

Abschied vom Ereignisdenken

Was im Kontext der Krise zutage tritt, ist alles, was wir können – und alles, was wir nicht können. Der Wirtschaftsjournalist Wolf Lotter hat vollkommen recht, wenn er in seinem Buch „Zusammenhänge“ das Denken in Kontexten als wahres Zukunftsdenken preist. Das Problem ist nur: Niemand hat uns das je beigebracht. Das Wissen über Zusammenhänge ist schon längst einem geschäftigen Pop-up-Wissen gewichen, einem Ereignisdenken. Wir wissen immer nur, was uns gerade vor die Nase kommt, verstehen aber die übergreifenden Dynamiken nicht. Der Sinn, der sich erst bei der Betrachtung der Zusammenhänge erschließen würde, bleibt unklar, alles erscheint willkürlich. Das pure Sammeln von zusammenhanglosen Ereignissen führt in der Krise zu tiefen Irritationen – und zum Versagen der eigenen Weltdeutung.

Bis vor Kurzem noch waren Überraschungen willkommen – die Werbewelt setzte alles daran, durch Irritation aufzufallen. Nun, da die Welt selbst zur Überraschungsbox geworden ist, sehnen wir uns nach Sicherheit, Stabilität, Planbarkeit. Das Ereignisdenken ist dabei regelrecht kontraproduktiv. Es zerpflückt unser Hirn, das evolutionär gesehen ein großer „Mustersucher“ ist – und nun verzweifelt Muster sucht in allem, was es wahrnimmt. Die Konsequenzen kennen und erleben wir alle:

  • Erschöpfung: Je weniger die Mustersuche zu einem kongruenten Erkennen führt, umso mehr werden Angst und Vermeidung gefördert. Menschen entwickeln ein höheres Sicherheitsverlangen – und ziehen sich zurück. Das Geschäft damit machen unter anderem die Versicherungen.
  • Übertreibung: Menschen beginnen, in allem eine Bedeutung zu sehen, so wirr diese auch sein mag. Darauf gründen Verschwörungstheorien, aus denen Panik und Wut erwachsen. Extreme Szenen und Bewegungen wie „QAnon“ kommen in Schwung, Risikosuchende haben Hochkonjunktur.

Das Ereignisdenken erschöpft unsere Fähigkeit, mit der Welt in Kontakt zu treten. Das, was wir als „Realität“ bezeichnen, lässt sich plötzlich nicht mehr mit unseren gewohnten Denkmustern entschlüsseln, mit denen wir normalerweise Stabilität und Verständnis herzustellen versuchen. Und wenn unsere Weltbilder zusammenbrechen, an was glauben wir dann noch?

Zuversicht kommt von Sicht

Im Kontext der Pandemie rächt sich das von uns so lange eingeübte Ignorieren von Zusammenhängen und Dynamiken in Systemen. Wir erleben den Konkurs einer Denkschule, deren Wurzeln in der Erfindung des Buchdrucks zu finden sind, und deren Ergebnis das Denken in Linien ist. Die Prinzipien dieses Denkens sind Kausalität und Messbarkeit: „Wer A sagt, muss auch B sagen“, „Was man nicht messen kann, kann man nicht managen“. Dieses Denken ist nicht per se falsch – es reicht nur nicht mehr aus in einer hochkomplexen und unsicheren Welt. Sicher, diese volatile Welt gab es bereits vor Corona. Doch in der Gravitation einer systemischen Katastrophe müssen wir dringlicher denn je lernen, anders zu denken. Dafür gilt es, umzuschalten: in den Modus des denkenden Lernens und eine neue Weltsicht.


Auch in der Dramaturgie der Krise verläuft alles nach einem Plan – nur eben nicht nach einem linearen Plan. Es sind komplexe Bewegungen, die sich auf einer höheren Ebene wieder zu Mustern fügen. So folgt die Pandemie einem eigenen Zyklus, vom Impact der Krise im März und April über den langsamen Weg in die Öffnung im Mai und Juni und das „Zurück in eine Halb-Normalität“ im Sommer bis zum Tipping Point der zweiten Welle im Herbst mit all ihren deprimierenden Erkenntnissen. 2021 dürften wir im Frühjahr neue Hoffnung schöpfen und im Sommer dann eine langsame Trendwende durch neue Player und aktualisierte Spielfelder erleben.

Das Entscheidende ist: Diese Dramaturgie der Krise besteht nicht mehr aus Linien, auf denen wir uns bewegen, sondern aus „Schleifen“: vor und wieder zurück, auf und wieder ab. Und nie bleiben wir dabei auf demselben Platz, alles ist in Bewegung. Damit verschiebt sich ständig der Horizont: In Phasen der Hoffnung scheint er näher, in dunklen Zeiten ist er außer Sicht geraten. Schien es im Sommer noch „bergauf“ zu gehen, wie es auf den großen Plakatwänden der Tirol-Werbung zu lesen war, ging es im Herbst wieder steil bergab, als der partielle Lockdown über das kleine Tourismus-Land hereinbrach.

Das Resultat dieses Auf und Ab erzeugt eine neue Instabilität und Erschöpfung. Eine Sichtlosigkeit. Wann wird es wirklich wieder weitergehen? Immer mehr Menschen sind genervt, entmutigt oder im Übertreibungsmodus. Was fehlt, ist die Zuversicht – die nur von einer neuen Sichtweise kommen kann: von einer Sichtweise, die den Blick zunächst nach innen richtet. Denn wenn das Äußere verschwimmt, ist nichts wichtiger als eine innere Klarsicht und Zuversicht.

Thrawn: Re-Orientierung im Chaos

Ohne klar erkennbare Konturen fällt es uns schwer, können wir uns nicht orientieren. Im Nebel zu fahren, ist gefährlich, und eine Navigation im Dunklen erfordert neue Sensoren. Wir Menschen brauchen Konturen, Unterscheidungen, an denen wir unsere Orientierung ausrichten. Vorn und hinten, innen und außen. Wo diese Konturen fehlen, können wir uns nicht zurechtfinden. Wir haben keine klare Sicht – und können damit auch keine Zuversicht finden.

Das Digitale bietet beim Finden dieser Konturen keine Hilfe – eher im „Nicht das Außen erzeugt die Realität, sondern das Innen.“ Gegenteil. Algorithmen versuchen zwar zunehmend, Konturen für uns zu bauen, indem sie uns sinnvolle Unterscheidungen und Musterdeutungen anbieten. Doch durch das algorithmisierte Pop-up-Vorschlagswesen wird die Kontur identisch mit dem Ereignis, und die Welt bleibt ein Haufen zusammenhangloser Vorfälle. Um das komplexe Denken zu trainieren, gilt es deshalb nun mehr denn je, den Blick nach innen zu richten, zur Quelle unserer Weltwahrnehmung.

Die radikale Orientierung am „Mit-sich-Sein“ ist die Essenz der Zuversicht, wenn das „Außen“ nicht mehr jene Kongruenz liefern kann, mithilfe derer wir unsere Vergangenheit zur Zukunft machen konnten. Damit wandert die Quelle der Zukunft in das Innen. Denn nur dort kreieren wir Zukunft – und damit auch Zuversicht. Die Qualitäten, die wir brauchen, um „mit uns selbst“ zu sein und diese inneren Konturen und Haltepunkte zu erschließen, verdichten sich in dem uralten Wort „thrawn“.

„Thrawn“ bedeutet, „verrückt“ zu sein gegenüber den äußeren Kontexten – und sich dabei selbst treu zu bleiben. Es geht also nicht um ein pathologisches Verrücktsein oder eines, das aus der Überforderung mit der Welt resultiert. Sondern um ein Verrücken der Perspektive: Nicht das Außen erzeugt die Realität, sondern das Innen. Orientiert man sich an dieser Maxime, wird man für das Außen unbequem. Daher die vielen nonkonformistischen Bedeutungsfacetten von „thrawn“: widerborstig, störrisch, unfügsam. Wer sich selbst nahe kommt, passt nicht mehr in die Schubladen der Welt. Die Dauerablenkung der Unterhaltungsindustrie, die Unterdrückung der eigenen Kreativität im Bildungssystem, die maschinenhafte Funktionserwartung in der Wirtschaft – all das geht nicht mehr, wenn man „thrawn“ ist.

Das Jahr 2021 wird uns viel abverlangen, doch es wird uns auch neue Möglichkeitsräume eröffnen. Um diese wahrzunehmen und mit Leben zu füllen, braucht es keine Software, sondern ein unternehmerisches Denken und Handeln, das sich nicht beirren lässt vom Gewirr der Informationen und Entwicklungen. Die Basis dafür ist ein „Bei-sich-Sein“, das die Welt lässt, wie sie ist – und sie dennoch progressiv weiterdenkt. Ich finde dafür keinen besseren Begriff als „thrawn“. Er beschreibt sehr treffend, was jetzt dringend nötig ist, um die Weichen für viele Zukunftsentwicklungen zu stellen: Be thrawn – be part of the next generation of business!



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