„Wir befinden uns in der Frühphase der Krypto-Evolution“

Wie wird die Blockchain-Technologie die Businesswelt verändert? Welche Krypto-Währungen haben Zukunft? Kathrin Stein, Bent Richter, Nikolas Stein und Thomas Hartmann von den Kryptologen – einem online Blockchain Magazin – im Interview.

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Was ist das Besondere an der Blockchain-Technologie, was macht sie so faszinierend?
Es ist vor allem das Potenzial der Blockchain, also die Technologie hinter Kryptowährungen wie Bitcoin, die eine große Faszination ausübt. Aus unserer Sicht könnte die Blockchain es schaffen, eine Grundsäule des digitalen Raums zu werden. Zurzeit befinden wir uns noch in der Frühphase der Krypto-Evolution, aber sobald die ersten auf der Blockchain basierten Geschäftsmodelle im Massenmarkt erfolgreich sind, werden sich ganze Branchen umstrukturieren – vergleichbar mit dem Wandel durch den aufkommenden E-Commerce Anfang der 2000er-Jahre. 

Im Interview: Die Kryptologen

Vereinfacht gesagt ist die Blockchain nur eine Datenbank, in der fortlaufend Informationen aufgezeichnet werden, und die dezentral in einem Netzwerk von vielen Teilnehmern gleichzeitig verwaltet wird. Durch Verschlüsselungsalgorithmen kann keiner der Teilnehmer die Datenbank im Nachhinein verändern oder fälschen. Das ist ein großer Unterschied zu herkömmlichen Systemen, denn dort kann ein Administrator Daten nachträglich ändern. Auf einer Blockchain ist das nicht so einfach möglich.

In unserer zunehmend digitalisierten Gesellschaft ist die Garantie, dass digitale Daten unveränderbar sind, ein großer Schritt: Ich kann sicher sein, dass meine gespeicherte Daten oder Informationen unverändert bleiben, muss keine Löschung oder Änderungen von Dritten befürchten. Ein zentraler Punkt, gerade bei der Automatisierung von Prozessen.

Einzigartig ist außerdem, dass sich in einem Blockchain-Netzwerk alle Teilnehmer ohne die Hilfe einer Plattform oder anderen zentralen Instanzen koordinieren und einen Konsens bilden. Wir sind es gewohnt, mit Hilfe zentraler Institutionen wie Banken und Börsen oder Plattformen wie eBay und Amazon zu organisieren. Die Blockchain macht solche zentralen Knotenpunkte überflüssig. Wir stehen also an der Schwelle zu einer Wirtschaft, die viel weniger auf zentrale Steuerungsinstanzen und Mittelsmänner angewiesen ist. Musiker könnten beispielsweise durch die Blockchain ihre Rechte an Songs sicher verankern und transparent mit allen Beteiligten abrechnen. Sie bräuchten weder große Plattenfirmen noch die GEMA, die enorme Kosten erzeugen und wenig Transparenz bieten.

Wie wird die Blockchain-Technologie die Business-Landschaft verändern? Werden Banken, Paypal & Co. aussterben?
Mit der Verbreitung des Internets hat sich das Verhalten der Menschen geändert. Es wurden beispielsweise immer weniger Briefe und mehr E-Mails versendet. Der Brief ist aber auch heute – 20 Jahre nach der Einführung des Internets – weit entfernt vom Aussterben. Genauso wenig werden Banken und Dienste wie Paypal nach der Einführung der Blockchain verschwinden. Diese Services und Branchen werden sich nur der technologischen Evolution mittelfristig anpassen müssen, um nicht vollständig an Bedeutung zu verlieren.

Die Blockchain befindet sich noch in einem sehr frühen Stadium. Projekte wie Ethereum, die Smart-Contract-Funktionen bieten, oder IOTA, die eine automatisierte Kommunikation zwischen Maschinen ermöglichen wollen, sind längst noch nicht alltagstauglich. Das Potenzial ist allerdings enorm. Anfang der 2000er-Jahre wurden viele analoge Geschäftsmodelle digitalisiert, insbesondere im Handel. Dadurch hat sich das Kaufverhalten stark verändert, Unternehmen wie Amazon wurden sehr erfolgreich. Die Blockchain und vor allem ihre Vorteile bezüglich Sicherheit und Leistung werden nun ihrerseits Geschäftsmodelle grundlegend verändern. Das hat sowohl für die Businesswelt als auch für viele andere Bereiche unserer Gesellschaft Konsequenzen. In 20 Jahren wird die Blockchain ein Grundpfeiler der digitalen Gesellschaft sein und alltäglich genutzt werden. Ihren Anfang nimmt die Blockchain-Revolution jedoch im B2B-Bereich. Die B2B-Landschaft wird sich im Laufe der nächsten 10 Jahre durch die Blockchain extrem verändern.

Inzwischen gibt es neben dem Bitcoin einen Haufen Weiterentwicklungen und Nachfolgeprojekte. Ständig tauchen neue Coins auf. Welche Kryptowährungen haben die besten Überlebenschancen?
Bitcoin wurde als Zahlungsmittel entwickelt, wird aber auch als Wertspeicher und Leitwährung der Kryptowährungen benutzt. Das klappt seit 2008 gut – aber mehr kann der Bitcoin bis dato nicht. Er wurde nur für diesen Zweck konzipiert. Änderungen und Weiterentwicklungen sind sehr schwierig und langwierig, da sich das ganze Netzwerk einigen muss.

Ethereum speichert dagegen keine Münzen, sondern Programmcodes auf der Blockchain-Datenbank, sogenannte Smart Contracts. Smart Contracts sind programmierte Verträge, die sich automatisch ausführen, nach dem Motto „Wenn x passiert, mache y“, also zum Beispiel: Wird der Song X abgespielt, tätige eine Überweisung von Y an den Künstler. Auf der Blockchain sind solche Verträge unveränderbar, günstig, einfach nutzbar – das Potenzial ist quasi grenzenlos.

Ein anderes interessantes Projekt ist NEO aus China. Neben den Smart Contracts bringt NEO digitale Assets und eine digitale Identität mit. Damit können neben Serviceleistungen der Smart Contracts auch Eigentum, etwa Immobilien, oder Identitätsnachweise, etwa Personalausweise, auf der Blockchain gespeichert werden. Diebstahl und Fälschung werden so, vor allem im digitalen Raum, sehr viel schwieriger. Ein weiteres Feature von NEO ist die Möglichkeit, mit anderen Blockchains verknüpft zu werden. Damit kann NEO sein Ecosystem schnell erweitern.

Für den Bereich des Internet der Dinge sind die Krypto-Technologien besonders vielversprechend. In der Abwicklung von M2M-Kommunikation nicht auf Mittelsmänner zurückgreifen zu müssen, soll IOTA ermöglichen, ein Projekt aus Deutschland, das 2017 mit großem Erfolg einen „Crowdsell“ durchgeführt hat, um sich über eine breite Community zu finanzieren.

Wie sieht eine Gesellschaft, die auf die Blockchain setzt, in 20 oder 30 Jahren aus?
Die Dezentralität wird dem Einzelnen wieder mehr Rechte über seine Privatsphäre geben bzw. ihn mündiger machen. Sie wird wahrscheinlich auch zu einer Renaissance von kleinen und regionalen Gemeinschaften führen. So könnte die Blockchain einen regionalen Stromhandel ermöglichen, indem Nachbarn sich gegenseitig Strom verkaufen und abrechnen. Auch wäre eine Kreditvergabe innerhalb einer Community mit der Hilfe der Blockchain einfacher möglich.

Krypto-Token werden unser Verständnis von Besitz verändern, weil sie Besitzverhältnisse sehr klarer darstellen können. Jeder kann im Prinzip Teilhaber eines Unternehmens, eines Windparks am Ortsrand oder eines kleinen Startups werden, wenn diese Projekte tokenindiziert werden. Voraussetzung hierfür ist natürlich eine gesetzliche Grundlage. Auch andere Bereiche werden mit der Blockchain einfacher und günstiger für den Normalverbraucher. Bargeldloses Bezahlen wird zum Beispiel sicherer abgewickelt, und auch das Gesamtvermögen einer Person oder Unternehmen kann über die Blockchaintechnologie schnell und übersichtlich messbar gemacht werden. Selbst Wahlen könnten über die Blockchain stattfinden – und damit betrugssicher und nachvollziehbarer werden. Die Demokratie wäre transparenter.

Generell wird Krypto-Technologie im Alltag hintergründig überall eine Rolle spielen, aber nicht immer sichtbar. Die Blockchain wird in vielen Bereichen der Gesellschaft unser Leben vereinfachen.

Das Interview führte Lena Papasabbas

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