Megatrend Konnektivität

Neuorganisation in Netzwerken

D ie zunehmende digitale Vernetzung ermöglicht die autonome Interaktion von Geräten und die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. Gleichzeitig verändert sie die Qualität menschlicher Verbindungen. Ein radikales Umdenken in allen Bereichen menschlichen Handelns ist nötig.

Konnektivität heißt der Megatrend, der wie kein anderer Auswirkungen auf den Alltag der Menschen hat und nahezu alle Lebensbereiche entscheidend verändert. Er ist für alle Zukunftsfragen relevant und wird dadurch zu einem der einflussreichsten der 12 Megatrends der heutigen Zeit. Der Trend beschreibt die umfassende digitale und soziale Vernetzung des Lebens und den daraus folgenden gesellschaftlichen Wandel.

Maßgeblicher Motor und Enabler der Konnektivität ist das Internet. Es hat nicht nur die Menschen mobiler gemacht, sondern durch ihre Mobilitätsansprüche auch selbst das Laufen gelernt: Mit Mobile Devices wie Smartphone und Tablet wird es in immer entferntere Ecken des Globus getragen und verbindet immer mehr Menschen miteinander. Das erzeugt eine vorher nicht dagewesene Freiheit und Beweglichkeit. Bereits heute nutzen 3,7 Milliarden Menschen auf der Welt das Internet, die Tendenz für die nächsten Jahre ist weiter steigend.

Das Internet der Dinge kommt

Die neuen Formen der Vernetzung verbinden nicht nur Menschen in ihrer Kommunikation untereinander, sondern sie stellen auch die Verbindung zwischen Mensch und Gerät oder zwischen Geräten untereinander her. Das Internet der Dinge ist Ausdruck einer digitalen Revolution, die immer mehr Gegenstände der realen, physischen Welt mit der digitalen Welt verschmelzen lässt. Smart Devices, also die Geräte, die mit anderen Geräten im Internet der Dinge miteinander kommunizieren, können so in einem gewissen Umfang autonom arbeiten. Sie sind in der Lage, menschliche Handlungen und Gewohnheiten zu analysieren und zu antizipieren, so wie etwa das selbstlernende Thermostat von Nest, das als eines der ersten Elemente eines künftig möglichen Smart Home auf den Markt kam. Smart Devices werden immer unauffälliger in die Lebenswelten der Menschen integriert und immer besser auf den Menschen und seine Bedürfnisse abgestimmt. Ihre Fähigkeit zur Selbstregulation wird Bedienelemente wie Schalter und Knöpfe künftig überflüssig werden lassen.

Industrie 4.0 ist aus wirtschaftlicher Perspektive das Stichwort für die gesamte digitale Transformation. Wir stehen vor dem Beginn einer Wirtschaftsära der intelligenten Vernetzung, die auf Basis von Smart Factories funktionieren wird: Nicht mehr der eine siloartige Konzern steht im Vordergrund, sondern das Produktionsnetzwerk als grundlegende Infrastruktur. Sämtliche Fabriken werden miteinander vernetzbar sein und Produkte werden mit den Fertigungsmaschinen und Menschen kommunizieren können. Der Fokus liegt in Zukunft gar nicht mehr auf den einzelnen Fabriken, sondern auf dem globalen Fertigungsnetzwerk, dem sie angeschlossen sind. Ziel wird sein, eine maximale Effizienz bei den Prozessen vom Entwurf bis zur Auslieferung zu erreichen, was sowohl Ressourcenverbrauch als auch Auslastung und Produktivität angeht. Eine Studie des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) und des deutschen IT-Branchenverbands Bitkom spricht von einem Produktivitätssteigerungspotenzial einer Industrie 4.0 von rund 78 Milliarden Euro bis zum Jahr 2025 für allein sechs volkswirtschaftlich wichtige Branchen.

Big Data – Die neue Welt der Daten

Big Data – ein Begriff, der heute in aller Munde ist und in entsprechend vielfältigen Meinungen und Darstellungen zum Ausdruck kommt, wird im digitalen Zeitalter zur Grundlage einer konnektiven Welt. Zum einen verspricht das Sammeln nutzerspezifischer Daten in jeglichen Bereichen eine optimalere Kommunikation zwischen Mensch und Maschine – Stichwort Smart Devices. Zum anderen stellen Daten den Nährboden einer spätmodernen Wissensgesellschaft dar, in der Informationen zur neuen Währung werden.

Schon früh hat auch die Handelsbranche dieses Mehr an Möglichkeiten, das hinter der Big Data–Bewegung steckt, verstanden und mithilfe massenhaft gesammelter Daten versucht, die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Kunden noch besser nachzuvollziehen – am besten noch, bevor der Kunde selbst das Bedürfnis oder den Wunsch verspürt. Was sich unvorstellbar anhört, ist in den Marketingabteilungen der Welt längst Realität geworden und nennt sich Predictive Analytics. Hier wird an der Auswertung und Vorausberechnung des individuellen Surfverhaltens mithilfe selbstlernender Algorithmen gearbeitet. Grundlage sind dabei eingegebene Suchbegriffe, besuchte Produktseiten, Wunschlisten oder Bestellungen.

Hyperpersonalisierung ist das entsprechende Ziel im E-Commerce und die Zukunft des Versandhandels. Man will nicht nur vorhersagen können, was die Kunden bestellen werden, um ihnen gezielte, personalisierte Werbung vorzuschlagen, sondern die Ware soll schon für die Kunden bereit liegen, bevor diese selbst die Bestellung aufgeben. Was sich liest wie der Versuch, ein gewisses Kaufverhalten zu oktroyieren, ist bei genauerer Betrachtung eine Antwort auf die Erwartungen der Konsumgesellschaft: Niemand möchte heute länger als zwei Tage auf seine Bestellung warten.

Während das Potenzial einer intelligenten Auswertung personenbezogener Daten den Unternehmen gerade erst bewusst wird, wächst in der Gesellschaft die Sensibilität für den Wert und die Privatheit der eigenen Daten – und damit gleichermaßen die Ansprüche an Transparenz bei der Datenverwendung durch Unternehmen. Hier zeigt sich die Schnittstelle zum Megatrend Sicherheit.

Konnektivität disruptiert Branchenkonzepte

Mit den neuen Möglichkeiten digitaler Vernetzung entstehen disruptive Geschäftsmodelle, die alteingesessene Branchen innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf stellen können – Uber und Airbnb haben es vorgemacht. Das hat auch die Finanzwelt bereits zu spüren bekommen mit dem dezentralen Zahlungssystem und der gleichnamigen virtuellen Währung namens Bitcoin. Anfang Juni 2017 waren 16,4 Millionen Bitcoins im Umlauf, der Wert eines einzelnen Bitcoin belief sich im selben Zeitraum auf über 2500 Dollar – beides mit steigender Tendenz. Start-ups im Fintech-Bereich werden zur ernstzunehmenden Konkurrenz für etablierte Banken. Getragen werden diese Bewegungen von einer Netzwerkgesellschaft, die sich vom Diktat großer Monopolunternehmen zu befreien versucht. Neben klassischen Unternehmen entstehen zunehmend dezentral gesteuerte Plattformen, die eine völlig neue Art des Wirtschaftens ermöglichen.

Society 2.0

Der Megatrend Konnektivität beschreibt aber nicht nur die Entwicklungen im Zuge von neuen digitalen Infrastrukturen, sondern auch die Veränderungen im Sozialen. Denn die Möglichkeiten, die die Vernetzung mit sich bringt, erzeugen auch neue Formen gesellschaftlicher Interaktion. Ein neues Mindset des Sharing und Swapping ist entstanden: Es geht hierbei nicht mehr um den reinen Besitz, sondern um den Nutzen und den Mehrwert, der sich aus dem Teilen und Tauschen ergibt. Denn das globale Motto lautet: „Wer teilt, kann mehr haben“. Der Zugang für einzelne Menschen zu der Bandbreite an Angeboten erweitert sich dort, wo Besitz als gemeinsames Gut entdeckt wird. Branchen wie die Mobilitätsindustrie werden von diesen veränderten Konsummustern nicht länger unberührt bleiben.

Auch die Art des Lernens verändert sich unter dem Einfluss der neuen Vernetzungsmöglichkeiten, die einen beinahe unbegrenzten Zugang auf den riesigen, globalen Informationspool im Internet zulassen: Es wird bereits damit begonnen, den Zugang zu Wissen umzustrukturieren und Bildung nicht mehr an einen Ort zu binden. Open Education heißt das Konzept, das die Wissensvermittlung loslöst von Schulen oder Universitäten, Wissensquellen flexibler änderbar und zu jeder Zeit und überall online zugänglich macht. Das bringt nicht nur einen breiteren Zugang zu Bildung und damit bessere Bildungschancen mit sich, sondern ebnet der nachwachsenden Generationen auch den Weg hin zu einer kollaborativen Netzwerkökonomie.

Open Innovation: Grundlage neuen Wirtschaftens

Der Megatrend Konnektivität hat das Potenzial, eine neue, offene und vernetzte Wirtschaft zu schaffen. Dabei geht es nicht nur darum, wie Produktions- und Handelsketten in Zeiten einer Industrie 4.0 aussehen können, sondern auch darum, wie Unternehmen geistig zusammenarbeiten werden. Open Innovation heißt der Trend, der beschreibt, wie eine engere Vernetzung von Akteuren genutzt werden kann, um die Innovationsqualität und -bandbreite zu steigern. Neue Ideen werden dabei mit oder sogar durch den Kunden, Partner oder Zulieferer entwickelt. Die Bandbreite der dafür eingerichteten Infrastrukturen reicht von Online-Plattformen über direkte Kommunikationsmöglichkeiten mit der Entwickler-Hotline bis hin zu Workshops mit den treuesten Kunden, so wie etwa SAP mit seinem Netzwerk „Global SAP Co-Innovation Lab“.

Für Unternehmen wird es in Zukunft immer wichtiger, diese Chancen auf Perspektivenvielfalt und auf cokreative Ideenentwicklung zu nutzen. Denn Verbindungen sind die Grundlage für alles Neue, was auf der Welt entsteht – angefangen bei zwei verschmelzenden Zellen, aus denen neues Leben entsteht, über die Verbindung zweier Neuronen, die einen neuen Gedanken formen, die Verknüpfung der Ideen zweier Menschen bis hin zu der Fusion von Materialien und Geld, durch die neue Dinge in der Welt erschaffen werden können. Nur wer gemeinsam mit seinen Kunden, Mitarbeitern und Partnern denkt und handelt, wer nicht nach eigenen Maßstäbe den Weltmarkt zu dirigieren versucht, wird Akteur und nicht Zuschauer des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels bleiben.

TrendNews #2

Konnektivität

Netzwerke als Organisationsform des Internetzeitalters prägen die Gesellschaft und Wirtschaft von morgen.

Megatrends

Große Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft zeigen die Tiefenströmungen des Wandels – die Megatrends.