Zukunftsthemen

Die Neuerfindung der Arbeitswelt

Geschrieben von Zukunftsinstitut | Nov 1, 2019 10:00:00 AM

Der Megatrend New Work hebt den Arbeitsbegriff auf eine neue Ebene: Die „schöne neue Arbeitswelt“ verunsichert uns dabei gleichermaßen, wie sie uns fasziniert. Der Strukturwandel der Arbeitswelt beschleunigt sich weltweit immer mehr und läutet eine Ära neuer Arbeitsorganisation ein. Neue Technologien, Globalisierung und demographischer Wandel verändern die Arbeitswelt drastisch.

Was und wie wir in den kommenden Jahren arbeiten werden, betrifft uns alle. Und es ist eine Frage der aktiven Gestaltung. Die Arbeitswelt von morgen wird offener und weniger berechenbar sein, sie wird die Menschen überall auf der Welt stärker fordern, sich selbst in ihr immer wieder Die Arbeitswelt von morgen wird die Menschen überall auf der Welt stärker fordern, sich selbst in ihr immer wieder neu zu definieren neu zu definieren. Die digitale Vernetzung treibt den Megatrend New Work auch in den kommenden Jahren wesentlich voran. Und doch liegen in der heutigen und zukünftigen Arbeitswelt mehr Chancen für den Einzelnen als je zuvor. Arbeit wird immer weniger klar trennbar von der Freizeit, ihrem ehemaligen Gegenpol. Zeitarbeit, Mindestlohn, Auslagerung in Schwellen- und Entwicklungsländer vs. flexible Arbeitszeiten, flache Hierarchiestrukturen und Mitspracherecht. Für die einen bedeuten die neuen Arbeitsformen Freiheit, für die anderen wachsende Angst vor Prekarisierung. Weltweit wird über kaum ein anderes Thema so leidenschaftlich wie kontrovers diskutiert. Darum wird sich die Gestaltungsaufgabe der kommenden Jahre drehen. Arbeit soll im Bestfall produktiv sein und machen, soll fordern und erfüllen, heraus-, aber nicht überfordern. Sie soll zum Aktivposten einer umfassenden Life-Balance werden.

Ein neues Arbeitsverständnis

Der Arbeitsbegriff lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt genauso wenig klar definieren, wie dies wohl retrospektiv für die gesamte Menschheitsgeschichte der Fall ist. Eine ständige Auf- oder Abwertung der Arbeit zieht sich durch den kulturhistorischen Kontext und bezieht dabei das persönliche Empfinden des Einzelnen nicht einmal im Geringsten mit ein. Und doch hat sich aus den unterschiedlichen Umwertungen mit der Zeit ein Arbeitsbegriff geformt, der auf den Diskursen der Epochen fußt und sich zwischen den extremen Tendenzen einpendelt. Weder gilt reiner Müßiggang im Stile des antiken griechischen Adels als erstrebenswertes Ziel, noch ist körperliche Arbeit per se verachtenswert – was sie in der Antike zur Aufgabe von Frauen und Sklaven machte.

Unser Verständnis basiert noch heute in den Grundfesten auf Ideen der Aufklärung, in der Arbeit erstmalig auch als sinnstiftendes Mittel und Voraussetzung zur Selbstbestimmung verstanden wurde. Sinnhaftigkeit der Arbeit allerdings ist ein Kontext, der über gute 250 Jahre kaum je zur Geltung kam: Die allergrößte Mehrheit der „Jobs“ waren streng weisungsgebundene Posten, in denen nicht selbst gedacht und schon gar nicht kreativ agiert werden sollte.

Mit der Einführung der Kategorie „Sinn“ weist die gegenwärtige Definition des Arbeitsbegriffs weit über die bislang gültige Regelwelt des „Working Man“ hinaus. Wer Sinn in seinem Tun finden möchte, muss sich zunächst einmal sehr viel stärker damit auseinandersetzen, was er da tut und in welchem Zusammenhang dies zum Wohle der Gesellschaft – im eigenen Weltverständnis – beiträgt. Dass hier noch sehr viel Potenzial für die kommenden Jahre schlummert, zeigen Zahlen: So bewerten in einer Umfrage von TNS Infratest Sozialforschung 24 Prozent der Befragten ihren Zufriedenheitsgrad mit ihrer gegenwärtigen Arbeit mit acht Punkten. Zehn Punkte bedeuten „Ganz und gar zufrieden“ – das sind 7,4 Prozent der Befragten. Die Mehrheit ist bestenfalls gleichgültig, wenn nicht offen unzufrieden.

Vielschichtige Herausforderungen stehen im Angesicht eines Paradigmenwechsels bevor, wie wir ihn mit dem Übergang in die Wissensgesellschaft vor uns sehen. Die Dampflok der Industrialisierung ist heute die Digitalisierung: Völlig neue Methoden werden benötigt, Die Arbeitswelt von morgen wird sich fundamental von der heutigen unterscheiden müssen um die unfassbar schnell wachsenden Informationsmengen produktiv machen zu können, mehr Wachstum aus weniger Ressourcen zu schöpfen und smartere Lösungen für einen enger werdenden Planeten zu finden. Die digitale Technologie wird nicht mehr mit Kohle angetrieben, sondern mit einer Ressource, die noch über Generationen zunimmt: das Wissen der Vielen. Kollaborative Wirtschaft und globales Multi-Unternehmertum ohne Ausbeutung, weltumspannende Vernetzung und globale Hochbildung – die Arbeitswelt von morgen wird sich fundamental von der heutigen unterscheiden müssen.

Boomende Schwellenländer

Aufgrund der weltumspannenden Arbeits- und Wirtschaftsstrukturen ist es wenig sinnvoll, nur einen nationalökonomischen Blick auf die Veränderungen in der Arbeitswelt zu werfen. Erst in der Perspektive einer globalen Ökonomie werden die Umbrüche deutlich. Der weltweite Siegeszug des Kapitalismus und die damit verbundene Öffnung der ehemals kommunistischen Staaten des Ostblocks, aber auch Chinas und Indiens, haben in einem rasanten Tempo zu einer neuen globalen Arbeitsteilung geführt.

Outsourcing und Offshoring haben in den Industriestaaten ganze Arbeitssektoren wegbrechen lassen. Durch die Verlagerung produzierender Tätigkeiten konzentrierten sich westliche Unternehmen sehr viel stärker auf Innovation, Steuerung und Vermarktung, erzielten dadurch höhere Effektivität und sparten enorme Kosten. Gleichzeitig wurden in der westlichen Volkswirtschaft aber auch wieder Arbeitsplätze gesichert und neu geschaffen. Der Komplexitätsgrad in der Arbeitswelt der Industriestaaten hat sich durch die Auslagerung in die – vor allem asiatischen – Schwellenländer sowie durch die Automatisierung erhöht. Plakativ heruntergebrochen bedeutete das: Die Entwicklungs- und Schwellenländer sind die billigen Rohstofflieferanten und der Westen die Wiege von Innovation und neuen Ideen.

Die „Werkbank China“ entwickelt sich jedoch immer mehr zur „Weltmacht China“, und Indiens aufstrebende Mittelschicht befreit sich ebenfalls zunehmend vom Image des günstigsten Dienstleistungszentrums der Welt. Viele Teile der Bevölkerung Asiens haben bereits ein kleines Stück des großen Kuchens „Kapitalismus“ gekostet – oder sehen zumindest immer mehr Menschen in ihrem Umfeld, die bereits ein Stück davon abbekommen haben. Dementsprechend wachsen deutlich erkennbar Motivation und Sehnsucht nach einem „westlichen Lebensstil“. Im Indien der 80er Jahre war fast jeder arm. Knapp 90 Prozent der Haushalte verfügten über weniger als 5,40 Dollar am Tag. Im heutigen Indien hat fast jeder zweite mehr. Definiert man die indische Mittelklasse nach einem jährlichen Einkommen zwischen 4.400 und 22.000 Dollar, dann gehören ihr rund 100 Millionen Menschen an. Und die Tendenz ist steigend. Laut Prognose der Unternehmensberatung McKinsey werden im Jahr 2025 in Indien rund 600 Millionen Menschen der Mittelschicht angehören.

Die aufstrebenden Schwellenländer haben alleine schon wegen ihrer schieren Größe eine Wucht, die historische Dimensionen hat. Durch die Öffnung Chinas, Indiens und des Ostblocks drängen mit einem Mal 1,2 Milliarden Menschen auf den globalen Arbeitsmarkt. Durch den Bevölkerungsboom in den Schwellen- und Entwicklungsländern sind im letzten Jahrzehnt nochmals 400 Millionen Menschen dazugekommen – und viele weitere Millionen warten auf ihre Chance. Kein Arbeitsplatz und kein Arbeitsverhältnis wird davon unberührt bleiben – weder in Europa noch im Rest der Welt.

Die Schlüsselqualifikationen erweitern sich

Die aufstrebenden Industrien der Schwellenländer machen der westlich dominierten Ökonomie immer stärker Konkurrenz. Das führt zu einem Umdenken in Unternehmen und in Bildungsstätten. Kernkompetenzen werden hinterfragt und neu eingeordnet. Die klassischen „Skills“ eines Wissensarbeiters reichen nicht mehr aus, um bei den drastischen Verschiebungen von Arbeit, Wissen und Kompetenz auf globaler Ebene bestehen zu können.

Die Internetforscherin Jeanette Hoffmann beschrieb den Umbruch in die viel zitierte Wissensgesellschaft im Jahr 2002 noch so: „Die Zeit der rauchenden Schlote, der Massenproduktion und monotonen Handarbeit ist vorbei, die Zukunft gehört der Wissensverarbeitung, den intelligenten und sauberen Jobs.“ Im Jahr 2012 hat sich davon einiges bestätigt, und doch gilt es heute genau zu überlegen, was mit intelligenten Jobs gemeint ist. Denn „nur“ intelligent reicht nicht mehr aus in Zeiten, in denen die Megatrends Globalisierung und Konnektivität die Wirtschaft zu einem globalen Wettbewerbsmarkt gemacht haben. Deshalb gewinnt ein ehemaliges „Soft Skill“ stark an Bedeutung: Kreativität. Denn wir stehen an der Schwelle zu einem Zeitalter, in dem Ökonomie und wirtschaftliches Wachstum primär auf Wissen und Kreativität basieren.

In seinem Buch „A Whole New Mind: Why Right-Brainers Will Rule The Future“ ruft der US-amerikanische Sachbuchautor Daniel H. Pink ein neues Zeitalter aus: das Konzeptionszeitalter. Die drei Treiber „Überfluss, Asien und Automatisierung“ werden dazu führen, so Pink, dass auf dem Arbeitsmarkt ein neuer Menschentyp gefragt sein wird. In der übersättigten westlichen Gesellschaft wächst nach einer langen Phase des Aufschwungs und des protzigen Luxus die Sehnsucht nach wahren Werten, nach Sinn.

Die klassische Wissensarbeit, wie wir sie im Motor der Industrialisierung schon kennengelernt haben, wird an billigere Standorte, etwa nach Indien, verlegt: Auch Denken kostet Arbeitszeit. Zudem lassen sich selbst anspruchsvolle Routine-Wissensarbeiten mittlerweile immer besser an den Computer delegieren. So hat die kleine englische Firma Appligenics eine Software entwickelt, die Software schreiben kann. Während ein Programmierer am Tag rund 400 Zeilen Computercode schreibt, schafft die Appligenics-Software die gleiche Menge in weniger als einer Sekunde.

Der Mensch kann mit der Maschine spätestens seit der Niederlage des Schachgenies Garri Kasparow gegen „Deep Junior“ nicht mehr konkurrieren. Zumindest nicht in den Berufsfeldern, in denen binäre Logik gefragt ist. Der Wissensarbeiter wird von einem „Solution Worker“ abgelöst, der sich Wissen nicht mehr nur aneignet, sondern vor allem nach kreativen Lösungsansätzen sucht. Der Solution Worker stellt die richtigen Fragen an den richtigen Stellen, indem er unterschiedliche Informationen und Wissensquellen miteinander verknüpft.

Daniel Pink formuliert es deutlich: „Wir müssen eine Arbeit verrichten, die asiatische Wissensarbeiter nicht billiger und Computer nicht schneller erledigen können und die den ästhetischen, emotionalen und spirituellen Ansprüchen einer Wohlstandsära Genüge tut.“

Kreativität, Empathie, ganzheitliches Denken zeichnen den Arbeiter von morgen aus – egal ob Angestellter oder Freelancer. Und nicht nur ausschließlich Kreativität, Empathie, ganzheitliches Denken zeichnen den Arbeiter von morgen aus – egal ob Angestellter oder Freelancer in der Kreativ-Ökonomie ändern sich die Ansprüche an Arbeitskräfte. Denn die internationalen Wissensarbeiter der Schwellenländer holen auf. Das Marktforschungsunternehmen Forrester Research prophezeite schon im Jahr 2000, dass bis 2015 „mindestens 3,3 Millionen Bürojobs und 136 Milliarden Dollar Gehalt von den USA in Niedriglohnländer wie Indien, China und Russland verschoben werden“. Aber auch Länder wie Deutschland und Großbritannien werden einen ähnlichen Arbeitsplatzverlust erleben. Großbritannien allein wird in den nächsten Jahren etwa 25.000 IT-Jobs und über 30.000 Finanzmanagementstellen an Indien und andere Schwellenländer verlieren. Bis 2015 wird Europa 1,2 Millionen Arbeitsplätze an Orte im Ausland abgeben.

Das führt zu einem Paradigmenwechsel, der bereits Auswirkungen auf das Bildungssystem und auf die individuellen Bildungswege hat. In den USA stürzen sich die Giganten der Beraterbranche schon lange nicht mehr auf Absolventen mit einem perfekten Abschlusszeugnis in Betriebswirtschaftslehre, sondern auf Absolventen von Kunsthochschulen, die durch ihre Design-Ausbildung im gesamtheitlichen Denken geschult sind. Der MFA – der Master of Fine Arts – drängt den traditionellen MBA immer mehr aus dem Sichtfeld der Personaler. Die Uni-Abgänger dieser Kunsthochschulen könnten durch ihre Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Disziplinen wie Architektur, Design, Farben, Formen und Funktion blitzschnell Verknüpfungen herstellen, die nicht sofort offensichtlich sind. Dieser Trend geht immer mehr zu Lasten von Absolventen der traditionellen betriebswirtschaftlichen Studiengänge. Im Jahr 1993 hatten noch 61 Prozent der neu eingestellten Mitarbeiter bei McKinsey einen MBAGrad. Kaum zehn Jahre später waren es nur noch 43 Prozent.

Power of Openness

Das Denken in Netzwerken dominiert seit dem rasanten Einzug der Computertechnologien immer mehr Bereiche. Shareness, Collaboration, Crowdsourcing, die Weisheit der Vielen, Re-Mixing und Co-Creation sind die Zauberwörter, die den Paradigmenwechsel im Umgang mit Wissen und Kreativität einläuten. Branchen beginnen sich immer mehr miteinander zu vernetzen und lassen so neue Märkte entstehen. Das beeinflusst im Umkehrschluss alle Bereiche in Unternehmen. Ideen werden künftig nicht mehr von einzelnen Spezialisten generiert, sondern kommen aus und von einem lebendigen Wissenskollektiv. Dieses Wissen aktualisiert sich selbst, und das ständig. Die Open-Source-Bewegung führt exemplarisch und sehr deutlich vor, dass komplexe Wissensarbeit nicht hierarchisch strukturiert sein muss, sondern vor allem Offenheit und Freiräume braucht, um Innovationen hervorbringen zu können. Denn Ideen multiplizieren sich nach einer Formel, die bereits Plato treffend beschrieben hat: „Wenn zwei Knaben jeder einen Apfel haben und diese tauschen, hat am Ende auch nur jeder einen. Wenn aber zwei Menschen je einen Gedanken haben und diese tauschen, hat am Ende jeder zwei neue.“

Unternehmen werden künftig mit ihrer wertvollsten Ressource – dem Wissen und der Innovationskraft ihrer Mitarbeiter – sorgsamer umgehen. Sie werden das Ideengut jedes Einzelnen in Prozesse, Produktentwicklungen und Projekte mit einbeziehen und dadurch sowohl räumliche als auch zeitliche Aspekte der Arbeitsstrukturen grundlegend verändern. Vor allem ändern sich dadurch jedoch auch die Arbeitsbiografien jedes einzelnen Mitarbeiters. Charles Leadbeater, Vordenker im Bereich Innovation und Kreativität, beschreibt den Paradigmenwechsel auf der individuellen Ebene: „You will be what you share not what you earn.“

Ausdruck findet der Shareness- und Collaboration-Gedanke auch in den Co-Working Spaces dieser Welt. Grundidee der Gemeinschaftsbüros ist produktives Arbeiten in einer kreativen Atmosphäre. Denn mit Co-Working ist nicht nur räumliche Zusammenarbeit gemeint, sondern auch geistige. Ein Ort, der sowohl konzentriertes Schaffen als auch anregenden Austausch ermöglicht. An diesem physischen Ort können beispielsweise Startups unmittelbar Wissen miteinander teilen und sich branchenübergreifend neu vernetzen. Co-Working-Spaces: Shareness und Collaboration für die neue Arbeitswelt Mittlerweile gibt es mehr als 1.000 Co-Working Spaces, die als internationale „Ketten“ über den Globus verteilt sind. In diesen sichtbaren Kristallisationspunkten des Megatrends New Work hat man das Innovationspotenzial durch die Vernetzung von verschiedenartigen „Nutzern“ erkannt. In regelmäßigen Abständen werden Skillsharing-Workshops veranstaltet, bei denen die Co-Worker ihr Wissen untereinander teilen. Eine weltweite Befragung der Co-Working-Gründer von Deskmag in Kooperation mit Coworking Europe zeigt, dass das Konzept aufgeht. Demnach plant mehr als jeder dritte Co-Working Space (36 Prozent) noch im Jahr 2012 zu expandieren – mit mindestens einem neuen Co-Working Space, der an einem zusätzlichen Standort eröffnet werden soll. Der Openness-Gedanke wird folglich ein wichtiger Treiber des Megatrends New Work bleiben.

Neue Familienpolitik in Unternehmen

Frauen sind die Bildungsgewinner unserer modernen Wissensgesellschaft. Sie starten zu Beginn ihres Bildungsweges durch und sind durchschnittlich die besseren Schüler, die häufiger Abitur machen und schließlich auch den besseren Studienabschluss vorweisen können. Und doch machen Männer Karriere. Dies liegt nach wie vor an der Gleichung: weiblich, gebildet, Familienmutter = berufliche Stagnation.

Andersherum gilt größtenteils immer noch: weiblich, gebildet, Single = erfolgreich. Das „Time Magazin“ berichtete 2011, dass in 147 der 150 größten Städte Amerikas die jungen Frauen bis 30 mittlerweile sogar mehr verdienen als ihre männlichen Kollegen im gleichen Alter. Das amerikanische Amt für Statistik, das die Daten erhoben und ausgewertet hat, führt diese Lohnschere ebenfalls auf die bessere Ausbildung der Frauen zurück. James Chung, Leiter der Studie, sagt dazu: „Die Frauen haben die Männer nicht nur eingeholt. Sie überholen sie.“ Diesen Vorsprung können Frauen allerdings nur so lange halten, wie sie unverheiratet und kinderlos sind. Sobald die „Kinderfalle“ zuschnappt, gerät die Karriere ins Stocken, und die Lohnschere kippt wieder ins Gegenteil. Ein Zustand, der auf alle anderen Industrienationen übertragen werden kann und zu einer steigenden Nachfrage nach familienfreundlichen Unternehmen führt. Unternehmen wissen bereits, dass sie – wollen sie dauerhaft konkurrenzfähig bleiben – nicht mehr auf gut ausgebildete Mütter verzichten können. Familienfreundliche Angebote sind bald nicht mehr nur „nice to have“, sondern werden zum „Must-have“. Die Erwartungen der Angestellten sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen.

Gleichzeitig führt der Megatrend New Work in Kombination mit dem Female Shift zu einem grundsätzlichen Umdenken, was tradierte Rollenmuster angeht – beruflich wie privat. Zumal es immer noch kostengünstiger ist, entlastende Betreuungsangebote oder flexible Arbeitszeiten für arbeitende Mütter anzubieten, als deshalb auf top ausgebildete Frauen zu verzichten. Das deutsche Bundesministerium für Familie hat die betriebswirtschaftlichen Effekte familienfreundlicher Maßnahmen errechnet und kam zu dem Ergebnis, dass die Einsparungspotenziale eines mittelgroßen Unternehmens bei mehreren 100.000 Euro liegen, wenn es ein familienfreundliches Grundprogramm anbietet. Dazu gehören Beratungsleistungen, individuelle Arbeitszeitmodelle, Telearbeit sowie Kinderbetreuung.

Die Digitalisierung der Arbeitswelt

Kreativarbeit wird immer stärker zur Basis der zukünftigen Workforce. Dabei definiert sich Kreativität allerdings schon lange nicht mehr romantischkünstlerisch, sondern eher im Schumpeterschen Sinne einer schöpferischen Neukombination bestehender Elemente. Auch wenn in der Wissenschaft bis heute trotz ungezählter Versuche keine allgemeingültige Definition entstand, zeigt sich, dass die Vernetzung durch die Digitalisierung zum entscheidenden Treiber des Megatrends New Work wird.

Die Digitalisierung betrifft dabei immer mehr Bereiche der Arbeitswelt: 79 Prozent aller Beschäftigten weltweit sind bereits auf Internet und Telekommunikation angewiesen.

Was bedeutet diese nie dagewesene Vernetzung für den Einzelnen und was für das Unternehmen? Mobile und flexible Arbeitsformen führen zu einer weltweit zunehmenden Kommunikation auf allen Kanälen und in sozialen Netzwerken, die sowohl innerhalb eines Unternehmens als auch zwischen unterschiedlichen Unternehmen stattfinden kann – mobiles Internet und flächendeckendes Breitband machen die vernetzte Kommunikation nicht nur immer und überall möglich, sondern dadurch auch (vermeintlich) nötig. Ein Aspekt, der viele überfordert und die viel zitierte Work-Life-Balance ihres Ursprungssinns enthebt: Ist man „always on“, sind die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit längst verschwommen. Immer mehr Menschen sehen jedoch die positive Seite daran, endet damit doch auch das starre „Nine-to-five“-Modell des Fließbandzeitalters, in dem Präsenzzeiten von der Maschine bestimmt waren und gegen dessen Zumutungen sich nicht mehr nur die „Kreative Klasse“ verwehrt.

In einer Studie der Europäischen Kommission über die Selbstständigkeit in der EU gibt die große Mehrheit der EU-Bürger an, sie wären aufgrund der größeren Freiheit lieber selbstständig als fest angestellt. Persönliche Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung wären für 68 Prozent das Hauptmotiv, Ist man „always on“, verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit in die Selbstständigkeit zu gehen. Auch die Freiheit, den Arbeitsplatz und die Arbeitszeit selbst wählen zu können, wäre für 35 Prozent der EU-Bürger ein Grund, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen.

Der Megatrend Konnektivität macht über digitale Kommunikationstechnik dezentrales Arbeiten immer selbstverständlicher, eine der wesentlichen Voraussetzungen für kreative Tätigkeit. Schließlich kommen Ideen nicht auf Befehl, sondern oft gerade dann, wenn man an etwas „ganz anderes“ denkt, sich in einem ganz anderen Umfeld befindet. Diese anderen Orte als Teil eines künftigen Arbeitslebens einzubeziehen, ohne dass daraus eine Nötigung wird, ist eine der großen Aufgaben künftiger Organisationsentwicklung.

Die globalen Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt kehren Machtverhältnisse um, verschieben Arbeitsplätze – sowohl in der realen als auch in der digitalen Welt – und verändern damit die Ansprüche von Unternehmen, Arbeitnehmern und Selbstständigen.

Neue Stadt- und Bürokonzepte entstehen

Starre Berufsbilder und streng regulierte Beschäftigungen weichen flexiblen und teamorientierten Arbeitsformen. Mobiles Arbeiten außerhalb des Büros und projektbezogene Aufträge werden Wissen in den Vordergrund stellen und zukünftig für noch mehr lose Verbindungen statt eng gekoppelter Arbeitsverhältnisse sorgen.

Auch die Arbeitsplatzzuweisung innerhalb der Unternehmen wird loser. Das im Juni 2012 vom Fraunhofer IAO entwickelte Szenario-Draft zu den „Smart Working Lifes – 2025“13 befragte ausgewählte Experten zu dieser Entwicklung. 68 Prozent der Befragten erwarten, dass bis zum Jahr 2033 sogenannte non-territoriale Bürowelten bei einer Vielzahl von Unternehmen zum Standard geworden sind. Und dass sich die feste Zuweisung von Arbeitsplätzen gegenüber den ersten Jahren der Jahrtausendwende massiv reduzieren wird. Um den Herausforderungen dieser multilokalen und hochindividualisierten Arbeitswelt gerecht zu werden, müssen Stadtplaner, Innenarchitekten und Führungskräfte Konzepte entwickeln, die die unterschiedlichen Arbeitssituationen fördern und die zunehmend autonom organisierten Mitarbeiter sinnvoll führen. Dabei wird das Verständnis der gängigen Führungs- und Managementprinzipien neu definiert.

Angebote wie Co-Working Spaces werden aufgrund der Zunahme der dezentralen Arbeitsstrukturen weiter wachsen. Aber auch Unternehmen, die die Konzepte von stationären, mobilen und flexiblen Arbeitssettings umsetzen, werden über die Produktivität der Angestellten davon profitieren.

Die Alterung ihrer Bevölkerungen trifft alle Industrienationen und mittlerweile auch viele weitere Staaten – variiert durch Faktoren wie Zuwanderung und Geburtenrate. In den kommenden Jahren werden in allen Staaten der OECD die Baby-Boomer in den Ruhestand gehen. Diese Tatsache wird die gesamte Arbeitslandschaft komplett verändern.

Diese Erkenntnis führt langsam auch zu einem Umdenken in den Beschäftigungsstrategien der Unternehmen, die die Potenziale älterer Arbeitnehmer, aber auch gut ausgebildeter Einwanderer oder von Frauen mit Kindern bislang nicht annähernd ausgeschöpft haben. Immer mehr Menschen im Rentenalter wollen nicht in den Ruhestand. Sie erleben ihre Arbeit nicht als täglichen Frondienst, sondern schöpfen ganz im Gegenteil Immer mehr Menschen im Rentenalter wollen nicht in den Ruhestand, sondern schöpfen neue Kraft und Sinn aus ihrer Tätigkeit neue Kraft und Sinn aus ihrer Tätigkeit. In Deutschland geben 47,3 Prozent in einer Umfrage des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung an, gerne auch im Rentenalter weiterarbeiten zu wollen. Die demographische Entwicklung ist ein Trend, dessen Auswirkungen kurz- und mittelfristig nicht verändert werden können. Zukünftig werden Unternehmen in den Industrienationen noch stärker auf Arbeitskräfte zurückgreifen, die sie bisher ignoriert haben. Der indische  Wirtschaftsprofessor C. K. Prahalad weist seit einigen Jahren auf die riesigen Potenziale am unteren Ende der ökonomischen Pyramide – bestehend aus ca. vier Milliarden Menschen – für westliche Unternehmen hin.

Management Summary: New Work

    • Die schärfere Wettbewerbsintensität auf dem globalen Arbeitsmarkt aufgrund der boomenden Schwellenländer fordert neue Schlüsselqualifikationen. Neben fachspezifischen Kenntnissen ist zunehmend auch Kreativität sowie die Fähigkeit zum ganzheitlichen und vernetzen Denken gefragt.
    • Open-Innovation-Modelle heben die Prozesse der Produktentwicklung auf eine neue Ebene: In vielen Branchen wird dadurch schon jetzt die Innovationsqualität und -bandbreite enorm gesteigert.
    • Die Megatrends Konnektivität und Globalisierung führen zu dezentralen Arbeitsformen. In Zukunft werden deshalb neue Raumkonzepte in- und außerhalb der Unternehmen entwickelt werden, die produktives Arbeiten auch fernab des klassischen Schreibtischplatzes ermöglichen.
    • Der Führungs- und Managementstil wird sich von einer hierarchie- zu einer autoritätsgeprägten Kultur entwickeln.

Quelle: Megatrend Dokumentation 2012

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