Zukunftsthemen

Die versteckten Probleme der Gesellschaft

Geschrieben von Zukunftsinstitut | Apr 5, 2024 12:49:35 PM

Matthias aus Bremen hat es geschafft! Nachdem er die schwere Glastür zu seiner Arbeitsstelle hinter sich ins Schloss fallen hört, weiß er, dass er erst einmal sicher ist. Eine halbe Stunde hat er sich mit Bus und Tram durch die Stadt gequält – unsicher, ob ihn nicht zu jeder Zeit eine Panikattacke erschüttern könnte. Matthias gehört zu den schätzungsweise 500.000 bis eine Millionen Menschen zwischen 18 und 65 Jahren in Deutschland, die durch ihre psychische Erkrankung beeinträchtigt sind.

Matthias hatte Glück, denn im Gegensatz zu anderen Menschen mit dieser Einschränkung hat er in seiner Heimatstadt einen Arbeitsplatz in einem Café gefunden: eine Bremer Zuverdienstfirma, die vor allem Menschen mit psychischen Behinderungen eine Arbeit ermöglicht. Für viele andere ist es schwer – mit oder ohne Diagnose –, in ein geregeltes Alltagsleben zu kommen, geschweige denn einen Arbeitsplatz zu ergattern. Denn es gibt bei weitem nicht genügend Jobangebote, die für Menschen mit psychischen Erkrankungen geeignet und gleichzeitig gesellschaftlich inklusiv sind.

In beträchtlicher Weise hängt dies auch mit den Vorurteilen zusammen, die wir gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen in unserer Gesellschaft haben. Selten wird darüber in den Medien berichtet oder das Thema beim Abendessen angesprochen. Menschen, die nicht der Norm entsprechen, werden stigmatisiert. Das ist auch einer der Gründe, wieso die Anzahl der betroffenen Menschen so unsicher ist – viele Menschen verschweigen in der Öffentlichkeit lieber, dass sie psychisch erkrankt sind. Sicher ist jedoch, dass die Zahl der Menschen mit psychischen Erkrankungen in Deutschland stetig ansteigt.

Der Arbeitsmarkt für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen ist nicht das einzige Thema, das wenig Aufmerksamkeit erhält, aber schwerwiegend für die gesamte Gesellschaft ist. Es gibt viele solcher Probleme, sozial wie ökologisch, die die Zukunft unserer Gesellschaft nachhaltig beeinträchtigen können und es nur selten in den öffentlichen Dialog schaffen: die Kinderarmut in Deutschland, die Umweltfolgen der Hochseeschifffracht, die Konsequenzen der Automatisierung von Börsenspekulationen, der steigende Gini-Koeffizient für Vermögen usw.

Ob eine gesellschaftliche Herausforderung mediale Beachtung findet oder nicht, hat einen großen Einfluss auf ihre Lösungspotenziale. Denn die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit entscheidet, wohin die zur Verfügung stehenden Ressourcen fließen. Öffentliche Kassen, Stiftungen und private Geldgeber richten ihre Fördergelder und Investitionen oft nach diesen Trends aus. Das bedeutet, dass in diesen Bereichen auch die meisten Sozialunternehmen und NGOs gegründet werden, weil sie dort Fördergelder oder Investitionen abgreifen können.

Das führt unweigerlich dazu, dass der größte Teil der Ressourcen nur auf eine kleine Anzahl von gesellschaftlichen Herausforderungen verteilt wird, während viele andere Themen, die ebenfalls dringend einer Lösung bedürfen, kaum Beachtung finden. Es bedeutet auch, dass der Mechanismus, nach dem wir gesellschaftlich entscheiden, welcher Probleme wir uns annehmen, nicht systematisch strukturiert ist: Unsere Gesellschaft überlässt ihre Probleme dem Zufall.

Der bisher prominenteste Versuch, diese Zufälligkeit zu reduzieren, sind die UN-Nachhaltigkeitsziele: Die Mitgliedsstaaten haben sich auf 17 Ziele geeinigt, die sie in den kommenden Jahrzehnten angehen möchten, vom Kampf gegen den Hunger und der Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft bis zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Folgen. Allerdings besteht auch hier die Gefahr, dass nur jene Themen gewählt werden, die ganz oben im öffentlichen Diskurs stehen. In der Tat sind die Ziele so generell gehalten, dass kaum zu erkennen ist, an welcher Ecke wir als Gesellschaft tatsächlich tätig werden sollten bzw. welche Probleme am dringlichsten zu lösen sind.

Um der Zukunft zuversichtlich entgegenblicken zu können, müssen wir uns drängender gesellschaftlicher Probleme annehmen – und uns für einen gesellschaftlichen Diskurs öffnen. Dafür brauchen wir eine gemeinsame und strukturierte Identifizierung und Selektierung gesellschaftlicher Herausforderungen – erst dann können auch jene schwerwiegenden Probleme, die heute noch versteckt sind, gelöst werden.

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