Zukunftsthemen

Tankstelle der Zukunft: 4 Szenarien

Geschrieben von Zukunftsinstitut | Dec 15, 2023 8:20:21 AM
Ändern sich die Anforderungen an die energetischen Bedingungen und an die Mobilität der Zukunft, müssen sich auch die Tankstellen verändern, um nicht auszusterben. Da sie in der Regel auf kommunalen Grundstücken stehen und über Konzessionen an Mineralölkonzerne verpachtet sind, entscheiden auch die Städte über die Zukunft der Tankstellen. Für welche Zukunft entscheiden sich Städte, Konsumierende und Mineralölkonzerne? Die Optionen bewegen sich zwischen den Dimensionen Energiesystem und Mobilitätssystem: fossile und postfossile Träger (inklusive Batterien und Wasserstoff) auf der einen Seite – fahrzeugbasierte Konzepte und Mobilitätsdienste auf der anderen. Übertragen auf eine Matrix lassen sich somit 4 relevante Transformationspfade abbilden, die wiederum zu 4 möglichen Szenarien für die Zukunft der Tankstellen führen.

Szenario 1: Tankstelle 2.0

Das Ausquetschen tradierter Prinzipien

Viele Tankstellenbetreibende werden versuchen, das aktuelle Geschäftsmodell so lange wie möglich in die Zukunft zu verlängern. In der Regel basiert dieses Modell auf dem Verkauf fossiler Kraftstoffe, ergänzt durch die profitablen Angebote des täglichen Bedarfs sowie die Autowäsche, abhängig von Lage und Kundenfrequenz. „60 Prozent aller Kundenkontakte haben nichts mehr mit Kraftstoff zu tun“, sagt Aral-CEO Patrick Wendeler. Aus dem Werkstattgeschäft werden sich diese Tankstellen zurückziehen, da der Trend in Richtung einer Zunahme gewerblich genutzter Fahrzeuge geht, die vertraglich an die Werkstätten der Betreiber und Anbieter gebunden sind.

Die Tankstelle 2.0 wird vereinzelt Ladestationen für Elektroautos anbieten, vor allem für eine Verlängerung der Reichweite. Deswegen werden sich diese Tankstellen auch nicht in Innenstädten finden, sondern vor allem am Stadtrand und im ländlichen Raum. Im besten Fall bieten sie Schnelllader, deren technische Ausstattung auf dem neuesten Stand ist – aufgrund der immensen Investitionen sind jedoch Normallader wahrscheinlicher. Die Tankstelle wird also zum erweiterten Straßenraum, in dem sich Vergangenheit und Zukunft – Verbrenner und innovative Antriebstechnologien – treffen. Trotz dieser leidvollen Symbiose werden Tankstellen 2.0 noch lange gebraucht. Der Übergang zur vollständigen Elektrifizierung wird eine lange Phase vielfältiger Antriebe sein.

Szenario 2: Ladepark

Radikaler Umbau auf das postfossile Portfolio

In diesem Szenario etablieren sich neben elektrischen Ladepunkten auch Wasserstoffinfrastrukturen. Da der Umbau teuer ist, werden nur die großen Erdölkonzerne beziehungsweise Ladeanbieter diesem Szenario folgen. Die rund 1.000 Wasserstofftankstellen, die Deutschland künftig benötigt, sind Teil einer Entwicklung in die Fläche. Ubitricity, einer der größten europäischen Anbieter für elektrische Ladeinfrastruktur im öffentlichen Raum, wurde Anfang 2021 von Shell übernommen – ein wichtiges Signal. Deutschlands größter Tankstellenbetreiber Aral will bis Ende 2021 an rund 120 Tankstellen Schnellladesäulen für Elektroautos anbieten: Insgesamt werden dabei 500 einzelne Ladepunkte mit einer Leistung von bis zu 350 Kilowatt zur Verfügung gestellt – damit können Elektroautos innerhalb von zehn Minuten genug Energie laden, um bis zu 350 Kilometer weit zu fahren.

Die Ladeparks der Antriebswende werden vor allem für gewerbliche Akteure sehr wichtig, da hier die technischen Bedingungen und Kapazitäten für schnelles Laden und Betanken mit Wasserstoff vorhanden sein werden. Carsharing-, Mietwagen oder Lieferflotten finden hier ihr energetisches Zuhause, sofern sie nicht eigene Infrastrukturen in ihren Verteilzentren aufbauen. Einkaufszentren, Freizeiteinrichtungen und Autohöfe werden bevorzugte Standorte an den Rändern der Städte sein. Darüber hinaus werden Ladeparks vor allem in der Fläche, in peripheren Lagen benötigt, um die Reichweitenängste der Konsumierenden zu zerstreuen. Am dringendsten werden diese Tankstellen entlang der Autobahnen und Fernstraßen gebraucht, da hier der Schwerlastverkehr unterwegs ist, dessen nachhaltige Zukunft auf grünem Wasserstoff basiert.

Szenario 3: Kiosk

Lokaler Gemischtwarenhandel für Energie, Post und Soziales

„Kiosk-Tankstellen“ lösen sich sehr schnell von ihrer Tradition und spezialisieren sich auf soziale und kommunikative Angebote. Gern darf hier auch noch getankt werden, aber wohl eher, um dem Pachtvertrag Genüge zu leisten, als damit Geschäfte zu machen. Mitten in der Stadt, wo Tanken keine große Rolle mehr spielt, fungieren Kioskbetreibende als Gemischtwarenhändler – und übernehmen damit eine wichtige soziale Funktion im Stadtteil. Investiert wird nicht ins Technische, sondern ins Soziale und Kulturelle, in das Ambiente. So entstehen Kulturräume, die die Stadt atmen lassen.

Das Tankstelle-goes-Kiosk-Konzept kann vieles sein: Trinkhalle, Späti, Bistro oder Drive-in, ausgestattet mit Waschanlage oder Bankomat, möglicherweise auch mit Mietwagenangebot. Eine wichtige Rolle werden Post- und Kurierdienste spielen, der Kiosk wird zum Zwischen- und Abhollager für Pakete aller Art. So bleibt die soziale Funktion der Tankstelle erhalten, während Dieselfahrzeuge und Benziner hier noch immer ihren Kraftstoff finden. Kiosk-Tankstellen sind Orte und Anbieter, die bereits im Quartier verwurzelt und in ihrer Angebotsvielfalt einzigartig sind. Sie übernehmen eine wichtige Funktion der Daseinsvorsorge, nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Land – und werden gerade deswegen gefördert und gebraucht.

Szenario 4: Mobility Hub

Radikale Erneuerung des Geschäftsmodells

Der zentrale Faktor, der Tankstellen künftig attraktiv macht, ist ihre Lage. Als Tankstellen im herkömmlichen Sinne werden diese Orte aber nicht mehr benötigt – weshalb sie als solche auch immer weniger erkennbar sein werden. Vielmehr wandeln sie sich zu Mobilitätszentren: zu Orten mit hoher Kundenfrequenz, die verschiedene Mobilitätsangebote bündeln, ergänzt durch Offerten und Informationen rund um die Themen Mobilität und Energie. Diese Knotenpunkte haben das Potenzial, die Elektrifizierung der städtischen Mobilität voranzutreiben – und gleichzeitig die Überlastung auf der letzten Meile zu verringern, die durch den Transport von Waren und Menschen verursacht wird.

Wie werden die Mobility Hubs von morgen aussehen? Sie werden Möglichkeiten zum Tauschen von Batterien bieten (für Mopeds und Scooter, vielleicht sogar für Autos) und Zugang zu Sharing-, Miet- und Abo-Modellen, im besten Fall kombiniert mit ÖPNV- und/oder Fernreiseoptionen. Gleichzeitig sind die Hubs Imbiss und Informationszentrale und differenzieren sich auch darüber aus, je nach Nachbarschaft und Klientel. Ladeinfrastrukturen gibt es hier nur für Sharing-Fahrzeuge, die von diesem Punkt aus wieder auf Fahrt gehen können. Das private Laden wird dagegen von Ladepunkten im öffentlichen Raum oder zu Hause übernommen.

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