Ein Plädoyer für Verschiedenheit

In ihrem Buch “Schluss mit der Umerziehung” beschreibt Gisela Erler eine Zukunft der Emanzipation, die der Differenzierung gehört.

Quelle: Trend Update

Nach 40 Jahren Emanzipationsdebatte scheint die Diskussion über Männer, Frauen und „Gleichberechtigung“ festgefahren im Schützengraben. Auf der einen Seite machen Billigspaßheimer im gefüllten Olympiastadion Witze darüber, dass Frauen nicht im Stehen pinkeln können. Auf der anderen Seite bestehen Platzhirschkühe des Feminismus immer noch darauf, dass es nicht einen Millimeter Unterschied zwischen Männern und Frauen zu geben hat. Da bleibt als letzte Verzweiflungslösung nur die Quote. Wie langweilig!

In diesen festgefahrenen Frontverlauf platzt Gisela Erler jetzt mit einem Buch, das der Debatte über die Zukunft des Geschlechterverhältnisses wieder eine kluge Richtung vorgibt. Eben kein „postfeministisches“ Buch, das irgendeine „Rückkehr“ empfiehlt (wer erinnert sich noch an Esther Vilar?). Sondern ein neo-humanistischer Ansatz, der beide Geschlechter weder denunziert noch verherrlicht, sondern einfach einmal fragt: Was ist Sache und wie kommen wir da raus?

Vom kulturellen Auslesen biologischer Unterschiede

Männer und Frauen, so Gisela Erler, sind verschieden. Und das fängt früh an. Man weiß es schon, wenn man einmal erleben konnte, wie Mädchen Feuerwehrautos sorgfältig zudecken und Jungs mit Puppen Krieg spielen. Es gibt einen biologischen Unterschied, der tief aus unserem Erbe als Jäger und Sammler stammt, der jedoch in den verschiedenen Kulturen verschieden „ausgelesen“ wird (in Wohlstandsgesellschaften ist der Unterschied der Geschlechter stärker ausgeprägt als in traditionellen Kulturen – auch das widerspricht dem gängigen Klischee). Ihn aber wegzudefinieren, qua feministischem Dekret, ist nicht nur Unsinn, sondern führt zu Verbiegungen, mit denen weder Männer noch Frauen gut leben.

Gleichzeitig können Männer inzwischen alles, was Frauen können – und umgekehrt. Männer können sich um Kinder kümmern, kochen, empathisch und weich und Hausmänner sein. Frauen können Panzer fahren und Bundeskanzlerinnen werden und Karriere in Großbetrieben machen. Die Frage ist aber a) ob die jeweils Betroffenen das wirklich gern machen, b) ob es ihren Potenzialen gerecht wird und c) ob man diese Tätigkeitsfelder nicht anders, variabler, offener, durchlässiger strukturieren kann?

Die Verlierer des Geschlechterspiels

Zwei Verlierergruppen existieren im momentanen Geschlechterspiel: Frauen, die wirklich Karriere machen wollen, zahlen einen bizarren Preis. Sie müssen die Regeln der Männer internalisieren, und meistens heißt das auch, auf ihre eigenen sozialen Netzwerke zu verzichten, nicht selten auch auf Kinder und Familie, ja sogar Partner. Die Kehrseite sind die Bildungsverlierer in den Schulen. Jungen können in der von weiblicher Stillhaltepädagogik dominierten Schulwelt weder ihre körperliche Dynamik noch ihre Lust auf Statusrangelei ausleben. Der Erfolg sind Ritalin-Opfer und ein ständiger Pathologisierungsdiskurs. Jungs gelten als „nicht normal“, als „Problemfälle“, als „sozial auffällig“.

Verschiedenheit, so Gisela Erler, ist nicht der Hinderungsgrund von Emanzipation. Sondern eine Kraft, die unsere Kultur, das Leben, die Liebe komplex und spannend macht. Deshalb greifen alle Gleichheitsstrategien immer zu kurz, machen weder Frauen noch Männer glücklich und auch Liebe und Beziehung nicht besser. Statt Jungs in der Schule zu kleinen Mädchen Die Zukunft des Managements gehört „Gender-Heterarchien“ umzubiegen („stillsitzen, zuhören, kooperieren“), brauchen wir neue, intelligente Konzepte „moderierter Koedukation“. Wir brauchen geschlechtsspezifische Pädagogikmodule, ohne dass das gleich wieder zu strikt getrennten Mädchen- oder Jungsschulen führen muss. In der Wirtschaft können die unterschiedlichen Führungsstile, aber auch andere Zeitkonzepte dazu beitragen, dass das Management eine neue Komplexitätsstufe erklimmt. Die weiblichen Fähigkeiten der Vorsicht, der Verknüpfung, der „strategischen Rekursion“ sind nicht nur Zierrat und Ornament, sondern für ein Management, das auch morgen erfolgreich sein will, existentiell. Männliche Management-Monokulturen haben wir in den letzten Jahren bis zur Genüge – und bis zur Krise – erlebt. Die Zukunft des Managements gehört „Gender-Heterarchien“.

Wanted: Funktionierende Zukunftssynthesen

Man kann Gisela Erlers Loblied auf die „Artgerechtigkeit“ als ein neues Prinzip gesellschaftlicher Differenziertheit begreifen – und womöglich auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen. Wer ist denn nun schuld an „der Krise“? Banken oder Staat? Könnte es eine artgerechte Wirtschaft für Banken UND eine lebenswerte Zukunft für Menschen in einem aktiven, cleveren Staat geben? Anders gefragt: Könnten wir endlich damit aufhören, alles gegeneinander auszuspielen, jammernd und anklagend immer nur im Kreis herumzuirren, und uns stattdessen auf die Suche nach funktionierenden Zukunftssynthesen machen?

GISELA ERLER: SCHLUSS MIT DER UMERZIEHUNG – Vom artgerechten Umgang mit den Geschlechtern. Heyne Verlag, Mai 2012

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Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.