Wege in die Wir-Gesellschaft

Welche Visionen können den Weg bereiten für eine der gegenwärtigen Spaltung der Gesellschaft? Wie kann eine neue, plausible Zukunftserzählung aussehen, die die gespaltenen Lager übergreift? Ein gekürzter Auszug aus der Studie “Next Germany

Von Christian Schuldt

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Die Datenanalyse zeigt: Die deutsche Wertelandschaft ist tief gespalten – die Menschen in Deutschland wollen einen Paradigmenwechsel, eine umfassende Transformation der Gesellschaft und des Lebens. Was diese gespaltene Gesellschaft dabei dringend braucht, ist eine neue, überzeugende, begeisternde Deutung von Komplexität – jenseits der traditionellen politischen Schemata. „Opposition ist nicht rechts oder links“, sagt der Soziologe Armin Nassehi: „Opposition ist, ob man sich den Problemen einer Gesellschaft stellt und dafür ein Narrativ findet, oder ob man auf Narrative zurückgreift, die viel einfacher sind als diese Welt.”

Eine neue Zukunftserzählung muss eine überzeugende Alternative anbieten können zu den unterkomplexen „rechten“ und „linken“ Utopien: zur nostalgischen Idee einer identitären Reanimierung des Vergangenen sowie zur multikulturellen Vision einer idealtypisch formbaren „Open Society“. Beide Ansätze faszinieren in Zeiten explodierender. Komplexität gerade durch ihre Realitätsferne. „Entzaubert“ – und auf eine konstruktive Weise wiederverzaubert – werden können sie nur durch die Konfrontation mit einer greifbaren,attraktiven Alternative: mit einer gesellschaftlichen Vision, die ihre Strahlkraft gerade nicht aus der Distanz zur Realität bezieht, sondern aus einem neuen Pragmatismus, der auf die Zukunft zielt – und im Hier und Jetzt verankert ist.

Von der Next Economy zur Next Society 

Potenzial für eine Zunahme sozialer Verbundenheit und Partizipation eröffnet bereits eine globale Perspektive. Die Globalisierung ist einer der großen Megatrends unserer Zeit – erstmals in der Geschichte der Menschheit leben wir heute in einer echten Weltgesellschaft. Der gemeinsame Nenner dieses neuen Weltsystems ist aber nicht zuletzt ein ökonomischer: Der Weltmarkt und das Medium Geld ermöglichen globale Geschäfte. Die weltweite Verbreitung kapitalistischer Wirtschaftsmuster und Denkhaltungen ist Antrieb wie Resultat der Globalisierung. Und sie führt auch dazu, dass die kapitalistische Wachstumsmaxime immer mehr Raum gewinnt.

Der Imperativ des Immer-weiter-wachsen- und Immer-mehr-leisten-Müssens begünstigt dabei zugleich die Bedingungen für ein Anwachsen sozialer Widersprüche und Ungleichheiten. Der Soziologe Hartmut Rosa sieht die aktuelle Spaltung unserer Gesellschaft in direktem Zusammenhang mit diesem Mindset des „blinden Steigerungszwangs“, das eine „kranke Weltbeziehung“ erzeuge. Das beste Gegenmittel gegen diese Entfremdung sei ein „gemeinsames Gestaltungsprojekt“.

Könnte ein alternatives Wirtschaftssystem ein solches Gestaltungsprojekt einer Weltgesellschaft sein? Tatsächlich ruhen heute große Hoffnungen auf einer „Postwachstumsökonomie“, einer „Next Economy“, die auf alternative, zukunftsweisende Wertschöpfungsarchitekturen setzt und sich vom Wachstumszwang verabschiedet zugunsten eines neuen Mindsets der „Enoughness“. Die Vision ist eine nachhaltige Balance zwischen Demokratie und Marktwirtschaft, zwischen Menschheit und Umwelt – und damit auch: zwischen Mensch und Mensch.

Entscheidend dazu beitragen könnte der Umgang mit „Commons“, also Gemein- oder Allmendegütern wie öffentlichen Parks oder Straßen sowie kollektiv nutzbaren Ressourcen.. Wegweisend sind hierbei die Forschungen der US-Ökonomin und Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom. Sie konnte belegen, dass kollektives Eigentum nicht zwangsläufig in die „Tragedy of the Commons“ führt, wobei Commons-Projekte an der Dominanz privater Interessen scheitern. Im Gegenteil: Gemeingüter können auch über lange Zeiträume erfolgreich gedeihen und sogar zur Grundlage innovativer technologischer Prozesse werden. Die Voraussetzung dafür ist jedoch die Existenz gemeinschaftlich akzeptierter Regeln. Auch hier zeigt sich also: Nachhaltige Selbstorganisation braucht stabile Rahmenbedingungen, die das eigenmächtige Handeln absichern.

Die neuen "dritten Wege"

Die Überwindung tiefer Differenzen kann nur gelingen durch das Angebot attraktiver Alternativen und konstruktiver Kompromisse, die eine gemeinschaftliche Begeisterung entfachen. Es geht um innovative Denkansätze, um die Schaffung neuer Synthesen. Um ungewohnte Sowohl-als-auch-Perspektiven.

Anstelle des wertekulturellen Entweder-oder zwischen „grenzenlos“ und „beschränkt“, zwischen „linken“ Offenheitsidealen und „rechten“ Abgrenzungswünschen, könnte dann zum Beispiel eine „kontrollierte Durchlässigkeit“ stehen. Auf globaler Ebene könnte ein solchermaßen hybrider Ansatz auch kosmopolitische und kommunitaristische Sichtweisen vereinen, indem er das Beste beider Welten, Weltgesellschaft und Nationalstaat, verbindet.

Vor allem das Zusammenspiel zwischen „global“ und „lokal“ eröffnet dabei einen zukunftsweisenden Weg: „Think global, act local“. Diese Denkweise verkörpert der Trend der „Glokalisierung“. Er schafft zugleich einen gemeinsamen Nenner für Globalisierungsgegner Am Ende entscheidet sich im „Kleinen“, ob große Herausforderungen gelingen oder scheitern und -befürworter: eine Haltung, die weltoffen ist, aber den Fokus richtet auf überschaubare, kleine Einheiten wie Kommunen, Betriebe und Familien. Diese Organisationsstrukturen ermöglichen und fördern die Beweglichkeit – und damit auch eine erhöhte Anpassungsfähigkeit an sich wandelnde Umweltbedingungen. Diese Mikro-Ebene wird immer wichtiger für die Stiftung von Identität und Sicherheit in einer unüberschaubaren, hypervernetzten Welt.

Eine strukturelle Vorlage dazu könnte eine neue, dezentrale Form der Vernetzung selbst liefern: die Blockchain-Technologie, die als nächste Stufe in der Evolution des Internets gilt. Sie könnte eine Verschiebung von Macht und Kontrolle bewirken: weg von klassischen Instanzen hin zu einem transparenten Netzwerk von Rechnern, das sich selbst kontrolliert. Die Blockchain ermöglicht einen direkten Austausch jeglicher Art von Werten, etwa durch „Smart Contracts“, und stärkt so das Prinzip der Selbstorganisation und einen neuartigen Aufbau von Vertrauen. So erscheint die Blockchain als zeitgemäße Technik, um die Realisierung glokaler Projekte voranzutreiben und Bottom-up-Prozesse zu aktivieren.

Humanismus 4.0 

Der Mensch ist ein prinzipiell plastisches Wesen, das sich schnell situativ anpassen kann. Sehr viel langsamer jedoch gelingt uns eine Umstellung des Denkens: des Mindsets und der Konzepte, mit denen wir uns selber verstehen. Gerade in Zeiten großer gesellschaftlicher Umbrüche, in denen wir uns schnell an veränderte Realitäten anpassen müssen, resultiert daraus immer wieder eine paradoxe Situation: Wir beherrschen bereits vieles praktisch, was wir mental noch gar nicht verstehen.

Auch die aktuellen Spaltungs- und Polarisierungsphänomene in der Gesellschaft erwachsen aus diesem grundsätzlichen Widerspruch: Wir spüren, dass und wie sich die Welt fundamental verändert, Gesellschaft ist ein dynamischer Zusammenhang des Verschiedenartigen, die Gleichzeitigkeit des Unterschiedlichen wir arrangieren uns großteils damit, aber wir können diesen Umbruch noch nicht beschreiben, noch nicht in neue Formen und Konzepte bringen. Es ist an der Zeit, diesem Wechsel eine Richtung mit einer neue Komplexitätserzählung zu geben. Diese Erzählung sollte auch davon berichten, dass wir bereits sehr viel komplexitätsaffiner sind, als wir denken. Dass wir schon heute in der Lage sind, neue Komplexitätspotenziale zu erschließen, wenn sie klug adressiert werden.

All das sind Anzeichen einer neuen Welt, in der Menschen auf Basis von selbstorganisierten Prozessen Verantwortung und Verpflichtungen übernehmen. Hinweise auf eine Gesellschaft, die wie ein offenes Spiel funktioniert, bei dem sich die Spielregeln erst im Spielverlauf selbst – und immer wieder neu – herausbilden, ohne einen obersten Spielleiter.

Diese Gesellschaft ist nicht aus einem Guss, sie ist nicht widerspruchsfrei. Am Übergang von der modernen zur nächsten Gesellschaft wird immer deutlicher, dass Gesellschaft kein „großes Ganzes“ bildet, von dem Menschen die Teile sind. Sondern dass sie ein dynamischer Zusammenhang des Verschiedenartigen ist, die Gleichzeitigkeit des Unterschiedlichen.

Diese Einsicht kann helfen, einen neuen, zeitgemäßen Humanismus zu verbreiten, einen „Humanismus 4.0“. Er ist pragmatisch ausgerichtet und fördert die Schaffung neuer Spielräume für gemeinschaftliches Handeln – indem er die strukturellen Schnittstellen der Netzwerkgesellschaft erkennt und nutzt, um Menschen zu ermächtigen. Er nimmt die Komplexität der Gesellschaft 4.0 und ihre Vielfalt von Identitäten nicht als Bedrohung wahr, sondern als Chance. Er betont das Gemeinsame im Großen – und ist sich des Trennenden im Kleinen bewusst. Dies könnte der rote Faden einer nächsten Zukunftserzählung sein.

Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus der Studie “Next Germany”.

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Dossier: Wir-Gesellschaft

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Die neue Macht des „Wirs“ ist nicht mehr zu übersehen: Überall bilden sich neue Formen von Gemeinschaften, Kollaborationen und Kooperationen – „progressive Wirs“, die auch neue Alternativen im Zeichen einer gespaltenen Gesellschaft eröffnen. Wie wird die Wir-Gesellschaft von morgen aussehen – und welche Konsequenzen hat diese Entwicklung für eine zukunftsweisende Aufstellung von Organisationen?

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Christian Schuldt

Der Systemtheoretiker und Autor beleuchtet in Publikationen und Vorträgen den digitalen Kultur- und Medienwandel. Sein Blick ist geschult für die kommunikativen Muster, die Menschen und Unternehmen verbinden.