Rural Update: Chinas Wohlstands-Illusion

Neue Stadtteile werden gebaut, Infrastrukturprojekte erschließen ländliche Regionen, Orte werden als Tourismusdestinationen aufgewertet: Was nach einem ganzheitlichen Ansatz klingt, ist vor allem eine Strategie zum Systemerhalt.
Quelle: China Report 2017

China boomt – doch der Abschwung ist in vollem Gange. Das Wirtschaftswachstum zeigt sich von vielen Seiten: auf der einen Seite steigendes Bildungsniveau und eine erstarkende Mittelschicht, auf der anderen Seite Lebensmittelskandale und Umweltverschmutzung. Der Turbo-Fortschritt im Land ist teuer erkauft. Ghost Citys und eine murrende Bevölkerung gefährden den Machterhalt der Regierung. Beijing pariert mit nie dagewesenen Infrastrukturprojekten und Globalstrategien, um den Binnenmarkt anzukurbeln und Eurasien zu vernetzen.

Wer nach China blickt, hat meist die Boom-Citys Beijing, Shanghai, Hongkong oder Guangzhou im Fokus. Doch diese Metropolen haben mit immensen Problemen der Übervölkerung wie Luftverschmutzung oder Verkehrschaos zu kämpfen. Obwohl Chinas Erst der Wohnraum, dann die Bewohner Regierung die Urbanisierung auch in Zukunft weiter vorantreiben möchte, soll der Zuzug in die Mega-Citys gedrosselt werden. "Rural Update“ beschreibt den Trend, ländliche und bisher benachteiligte Regionen durch Infrastrukturprojekte an den Rest des Landes anzubinden und mittelgroße Städte attraktiv zu gestalten. Aus armen Bauern sollen gut verdienende Konsumenten werden. 

Die Urbanisierung ist folglich eng verknüpft mit Chinas Wirtschaftswachstum. Provinzhauptstädte (Second Tier Citys), Mittel- und Kleinstädte (Third Tier und Fourth Tier Citys) bieten nicht nur Arbeitsmöglichkeiten, sondern auch ausreichend Wohnraum für die Wanderarbeiter. Die geplante Reform der Haushaltsregistrierung Hùkou ist eine weitere Voraussetzung für einen anhaltenden Boom der mittelgroßen Städte in China. Bereits heute gibt es mehr als 120 bezirksfreie Städte mit mehr als einer Million Einwohner im Reich der Mitte – Tendenz steigend.

Chinas Ghost Citys

Erst der Wohnraum, dann die Bewohner. Dass der Rural Update-Trend von Chinas Regierung gesteuert ist, zeigt die paradoxe Situation, dass in vielen Mittelstädten mehr Wohnungen vorhanden sind als Menschen. Die Stadt wartet sozusagen auf ihre Bevölkerung. Insgesamt gibt es 20 bis 40 Millionen leerstehende Apartments in China, das entspricht laut Schätzungendes IWF einer Milliarde Quadratmetern. Je nach Quelle herrschen in den Third Tier Citys zwischen 15 und 22 Prozent Leerstand.

Der Bestand an unverkauften Wohnungen verdreifachte sich zwischen 2010 und 2015. Doch in China plant jede Provinzhauptstadt zurzeit durchschnittlich 4,5 neue Stadtbezirke: insgesamt neue Unterkünfte für 3,5 Millionen Menschen – obwohl weniger als 1,4 Millionen Wohnungen nachgefragt werden. Bei den Ghost Citys handelt es sich in der Regel nicht um komplett leergefegte Städte, sondern um schnell gebaute neue Stadtviertel in Außenbezirken von urbanen Zentren – die Menschen kommen den Besiedlungsplänen der Provinzregierungen nur schwer nach.


Mehr im China Report 2017

Die Realität in China hat sich deutlich schneller gewandelt als die Bilder, die wir im Kopf haben. Zeit für einen fundierten Reset: Durch Dechiffrieren der wichtigsten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Trends in China liefern wir mit unserem neuen China Report von Dr. Diana Kisro-Warnecke Erkenntnisse und praktikable Handlungspotenziale für die zweitgrößte Wirtschaftsnation unserer Zeit.

Mehr über den Report

Rural Tourism

Chinesische Provinzen haben es dieser Tage nicht leicht. Sie versuchen, ihre Regionen zu beleben. Der Reformdruck aus Beijing ist hoch, der Druck aus der Bevölkerung in Richtung wirtschaftlicher Entwicklung noch höher. Neben Infrastrukturprojekten in Sachen Erreichbarkeit, Wohnraum, Netzabdeckung und Sicherheit werden ausgewählte ländliche Regionen als Tourismusdestinationen ausgebaut. Chinas Mittelschicht ist reisefreudig, und viele suchen inzwischen Erholung vom stressigen und ungesunden Stadtalltag in der ländlichen (Wochenend-)Idylle. Laut offiziellen Angaben der chinesischen Tourismusbehörde CNTA gibt es in China mehr als 1,9 Millionen Landhotels. 2014 wurden 1,2 Millionen Ausflüge dorthin gemacht, was einem Anteil von einem Drittel an Chinas gesamtem Tourismus entspricht.

Vor allem ländliche Regionen, die von den Großstädten aus gut erreichbar sind, erfreuen sich wachsender Beliebtheit. CNTA-Direktor Li Jinzao ist davon überzeugt, dass der rurale Tourismus mehr als zehn Millionen Bauern aus der Armut befreit hat. Der Wunsch nach der guten alten Zeit, die neue Natursehnsucht und das Schwelgen in Nostalgie bildet die Basis für den "Urlaub auf dem chinesischen Bauernhof“. Doch Chinesen lieben Luxus – es geht um Erholung und nicht um die Erfahrung vom echten Leben auf dem Dorf. Ausländische Investoren haben den Trend erkannt, und so finden sich bereits Luxusoasen von Hilton und Co. in Chinas schönsten Landstrichen.

Das von der chinesischen Regierung befeuerte Rural Update schafft Infrastruktur in bisher benachteiligten bzw. wenig geförderten Städten und Regionen vor allem im Landesinneren. Dieses Infrastruktur-Update ist nötig, da aufgrund des abnehmenden Wirtschaftswachstums der soziale Frieden zunehmend gefährdet ist. Arbeiterstreiks, Formierung von Untergrundgruppen oder kritische Stimmen aus Intellektuellenkreisen nehmen zu.

Ob die chinesische Führung diesem Unmut in der Bevölkerung durch ein Rural Update entgegenwirken kann, ist jedoch höchst fraglich. Denn Infrastruktur allein bringt nicht automatisch Wohlstand und Wirtschaftswachstum. Vielmehr verhindert die künstliche Beschleunigung, dass sich Regionen organisch entwickeln. Einige Projekte werden scheitern, da die Bevölkerung nicht bereit ist, sie anzunehmen und zu nutzen. In vielen Bereichen fehlt in China der Reifeprozess, um ein Bewusstsein für nachhaltige Entwicklungen entstehen zu lassen. Dafür bedarf es mehr Zeit. Doch genau diese Zeit hat China nicht, und so nehmen die Unwägbarkeiten innerhalb des Landes zu.

Eine Chance für deutsche Unternehmen?

Noch immer streben deutsche Unternehmen nach China, da der sich entwickelnde Markt immer besser hochwertige Produkte und Dienstleistungen aufnimmt. Laut dem Hurun-Report gibt es in Beijing mittlerweile mehr Milliardäre als in New York. Parallel hierzu werden die Marktbedingungen für ausländische Unternehmen anspruchsvoller. Das macht eine genaue Planung der Geschäftsaktivitäten in China notwendig. Der Auswahl von qualifizierten und vertrauensvollen Partnern kommt eine Schlüsselfunktion zu. 
Weitere Unternehmen wird es zum Rural Update aus den Ostküstengebieten ins Landesinnere treiben, auf der Suche nach günstigen Produktionsbedingungen. Sie finden dabei Provinzregierungen, die eine hohe Lernbereitschaft aufweisen und zu großen Zugeständnissen bereit sind, um Unternehmen und Menschen anzusiedeln, möglichst in hochpreisigen, fertiggebauten Immobilien. Doch mehr Nachhaltigkeit ist für die nächsten Jahre nicht möglich. Deshalb werden weitere Unternehmen aufgrund der attraktiveren rechtlichen Rahmenbedingungen zu neuen Ufern auch in andere ostasiatische Länder aufbrechen.

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Dieser Artikel ist in folgenden Dossiers erschienen:

Dossier: China

Dossier: China

Wenn wir von China hören, ereilt uns das Gefühl einer großen Maschine: gut geplant, bestens geschmiert, zeitweise versmogt. Doch China ist viel mehr: Das Land wird getrieben von einer großen, in Europa selten gehörten, Zukunftserzählung über Fortschritt und Innovation – von immer mehr jungen Chinesen, die Zukunft „sexy“ finden. Die Realität in China hat sich deutlich schneller gewandelt als die Bilder in unseren Köpfen – Zeit für einen fundierten Reset.

Folgende Menschen haben mit dem Thema dieses Artikels zu tun:

Diana Kisro-Warnecke

Dr. Diana Kisro-Warnecke gründete 2004 das Beratungsunternehmen Dr. K&K ChinaConsulting. Seitdem berät sie Konzerne, aber auch KMU zu den Themen internationales Management, Unternehmensstrategie, Personal und Marketing.