Der wichtigste Megatrend unserer Zeit

Neo-Ökologie ist der Megatrend, der die 2020er prägen wird wie kein anderer: Umweltbewusstsein wird vom individuellen Lifestyle zur gesellschaftlichen Bewegung. Nachhaltigkeit vom Konsumtrend zum Wirtschaftsfaktor. Und die Klimakrise zur Grundlage einer neuen globalen Identität.

Von Lena Papasabbas

Foto: Pexels/Palu Malerba

Wir steuern auf eine ökologische Katastrophe zu. Auch die Vorstandsbüros, Konferenzräume und Kongresse dieser Welt erreicht langsam aber sicher die kollektive Erkenntnis, dass eine ökologische Katastrophe zwangsläufig auch eine wirtschaftliche (und damit eine gesellschaftliche) Katastrophe ist. Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Klimawandel sind keine Nischenthemen mehr. Klar ist: Es geht um nichts weniger als unsere Existenz.

Der Klimawandel wird real

Die Zukunft des Planeten ist gleichbedeutend mit der Zukunft der Menschheit: Seine Erhaltung ist somit die größte Herausforderung für die globale Gesellschaft. Zwei Hitzesommer haben den Klimawandel von einem theoretischen Diskurs zu einer realen Bedrohung gemacht, deren Folgen selbst in Deutschland jetzt schon spürbar sind. Im Sommer 2018, dem heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, starben allein in Berlin 490 Menschen aufgrund der Hitzeeinwirkung.

Gleichzeitig häufen sich die Meldungen von immer neuen traurigen Rekorden: In Brasilien werden Flächen in der Größe dreier Fußballfelder pro Minute abgeholzt, die weltweite Population von großen Süßwassertieren ist seit 1970 um 88 Prozent zurückgegangen und in deutschen Wäldern hat sich der Tierbestand seitdem halbiert. Die Anzahl an Einwegflaschen, die allein Coca-Cola jährlich produziert, würden aneinandergereiht 31-mal zum Mond und wieder zurück reichen. Unser Müllproblem nimmt währenddessen absurde Ausmaße an: Die Anzahl an Einwegflaschen, die allein Coca-Cola jährlich produziert (88 Milliarden), würden aneinandergereiht 31-mal zum Mond und wieder zurück reichen. Schätzungen zufolge sind bisher 86 Millionen Tonnen Plastik im Meer gelandet. Und immer wieder stehen Wälder monatelang Flammen: In Europa, in den USA, in Kanada und sogar in der Arktis und in Sibirien brennen 2019 Hunderttausende Quadratkilometer. Auch der Amazonas, die grüne Lunge des Planeten, wurde von verheerenden Waldbränden weiter dezimiert.

Die meisten aktuellen Forschungsergebnisse überholen bisherige Prognosen in ihrem Ausmaß und zeigen dadurch die Dringlichkeit, gegenzusteuern. 280 Millionen Klimaflüchtlinge werden erwartet. Klimaschutz ist nicht mehr nur Thema für Umweltaktivisten. Die Zukunft aller Gesellschaften und aller Wirtschaftssysteme des Planeten hängt davon ab.

Von der Nische in die Mitte der Gesellschaft

Die Fridays-for-Future-Bewegung hat nicht nur im deutschsprachigen Raum dieses Wissen mit neuer Wucht in die Headlines der Nachrichten und auf die Agenden politischer Diskurse katapultiert. Beim Global Climate Strike for Future im September fanden um die 1.700 Kundgebungen in über 100 Staaten statt. Die heute 16-jährige Gründerin Greta Thunberg ist ein Superstar und wird sogar mit Jesus Christus verglichen. Und auch auf der politischen Bühne nimmt das Thema Klimawandel stellenweise quasireligiöse Züge an.

Die Grünen feiern bei der Europawahl 2019 Rekordergebnisse. Überhaupt krempelt der Klimawandel seit den Europawahlen die Regierungs- und die Parteienpolitik um und erhält allgemeine Zustimmung – auch in der Bevölkerung. Umwelt wird zum Mainstream-Thema, zum neuen Kriterium für gut und schlecht, richtig und falsch. Zum kleinsten gemeinsamen Nenner einer ganzen Generation. Jeder ist betroffen, jeder muss sich positionieren.

Umweltbewusstsein ist längst kein Luxusthema des Westens mehr. Der indische Bundesstaat Sikkim beispielsweise setzt zu 100 Prozent auf ökologischen Landbau. Besucher von Palau im Südpazifik müssen einen Vertrag unterzeichnen, wonach sie sich gemäß strenger Nachhaltigkeitskriterien des Inselstaats zu verhalten haben. In der bolivianischen Verfassung ist nachhaltiger Umgang mit Ressourcen in der Landwirtschaft, dem Tourismus und anderen Bereichen als Priorität festgesetzt. Ebenso stellt Costa Rica immer wieder in unterschiedlichen Nachhaltigkeitsrankings seine Avantgardestellung unter Beweis: Das Land deckt heute schon seinen Energiebedarf fast zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien, 2021 soll die Wirtschaft CO2-neutral sein. Ähnlich sind auch Maßnahmen in Ruanda oder Kenia zu bewerten, in denen inzwischen die Verwendung von Plastiktüten unter Strafe steht, oder der „Green Building Masterplan“ von Singapur. Er sieht vor, dass neue Wolkenkratzer jenes Grün in den Bau integrieren müssen, welches beim Bau verloren geht.

Eine neue Handlungsmoral

Seit über zehn Jahren beobachtet und beschreibt das Zukunftsinstitut Neo-Ökologie als Megatrend. Getragen von einem anwachsenden Umwelt- und Verantwortungsbewusstsein der Menschen entwickelte sich auf den Säulen von Ökonomie, Ökologie und Ethik über die Jahre eine neue Handlungsmoral, die mittlerweile unseren kompletten Alltag beeinflusst.

Neo-Ökologie ist der wichtigste Megatrend unserer Zeit und der zentrale Treiber für vier Dimensionen des Wandels:

1. Neue Werte: Generation Global

Ökologische Werte schaffen eine neue globale Identität.

Rund um den Globus bildet sich ein neues Mindset heraus, das nicht nur zur Grundlage der größten Jugendbewegung wird, die es je gab, sondern auch einer neuen globalen Identität. Begründet sind die Werte dieser jungen Generation durch die historisch völlig neuartigen Zustände der Netzwerkgesellschaft und der Entwicklung einer globalen Mittelschicht. Es entsteht ein neues, weltweit geteiltes Werte-Set, das zum zentralen Treiber des Wandels der Wirtschaft wird.

2. Neue Märkte: Post-Individualisierung

Die neue Wir-Kultur läutet eine Abkehr vom Konsumismus ein.

Menschen fühlen sich immer stärker global zugehörig und verantwortlich. Gängige Konsummuster werden immer kritischer hinterfragt – denn Konsum ist das Gegenteil von Zugehörigkeit. Und Gemeinschaft ist den Menschen wichtiger als je zuvor. Diese Postindividualisierung formt die Gesellschaft von der Basis her um – und verändert die Logiken von Marken, Marketing und Märkten. Ökologie wandelt sich dabei von der individuellen Aufgabe zum gesellschaftlichen Auftrag.

3. Neue Umwelten: Next Nature

Natur wird zum Synonym eines gesunden Lebens.

Die Gesundheit des Menschen wird zum Maßstab seines ökologischen und ökonomischen Handelns. Natur wird zum Synonym für ein gesundes, gutes menschliches Leben und Umwelt zum zentralen Faktor für sein physisches, psychisches und soziales Wohlergehen. Dabei wird das Verhältnis von Mensch, Natur und Technologie neu ausgehandelt.

4. Neues Wirtschaften: Postwachstum

Progressives Postwachstum wird das Paradigma der nächsten Gesellschaft.

Die Lösung der Klimakrise ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie kann nur gelingen, wenn sich sämtliche Gesellschaftsbereiche neu ausrichten – auf ein progressives Postwachstumsparadigma. Die Politik steht vor der Aufgabe, diesen Wandel durch entsprechende Regulierungen und Anreize voranzutreiben. Je eher Unternehmen die Potenziale dieser Transformation für sich ausloten, umso mehr werden sie künftig davon profitieren. Der Wohlstand von morgen beruht auf neuen Werten – und einem neuen Begriff von Wachstum.

Neo-Ökologie wird das kommende Jahrzehnt stärker formen als jeder andere Megatrend. Ein neuer Zeitgeist, der sich über viele Jahre seinen Weg aus der Nische in den Mainstream gebahnt hat, ist jetzt im kollektiven Bewusstsein verankert. Er bringt neue Marktlogiken und neue Kundenbedürfnisse hervor, disruptiert Geschäftsmodelle und stellt das System Wirtschaft auf den Kopf.

Dieser Text ist ein Auszug aus der Trendstudie „Neo-Ökologie – der wichtigste Megatrend unserer Zeit


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