Es gibt kein „Zurück zur Natur“

Foto: Pixabay/Mariananbujuwan

Herr Dr. van Mensvoort, in Ihrer Forschung beschäftigen Sie sich intensiv mit dem menschlichen Verständnis von Natur. Was ist Ihre Definition von Natur?

Typischerweise wird als Natur all das verstanden, was einmal ohne menschliche Einwirkung entstanden ist – Pflanzen, Tiere, das Klima. Dieser traditionelle Naturbegriff funktioniert heute nicht mehr, inzwischen manipulieren wir die Biologie bis auf die Ebene der Zellen und Nanotechnologien. Daher definiere ich als Natur alles, was autonom wächst. So kann man Technologien und sogar das Finanzsystem als Natur begreifen. Sie entwickeln sich autonom – und entziehen sich inzwischen oft der Kontrolle ihrer Erschaffer.

Sie haben das Konzept der Next Nature erarbeitet. Was meinen Sie damit?

Next Nature ist eine neue Art, die Natur zu betrachten. Meist wird Natur als das harmonische, ausgewogene Paradies wahrgenommen, das wir verloren haben. Diese Natur war besser dran, bevor der Mensch auftauchte und begann, alles zu manipulieren. Das ist immer noch eine weit verbreitete Sicht auf die Natur. Next Nature meint, dass die Natur dynamisch und nicht statisch ist. Sie wird sich ändern, so oder so. Natur entwickelt sich immer weiter, die Evolution pausiert nicht. Natürlich sind die moralischen Konsequenzen unseres Verhaltens trotzdem sehr wichtig. Ich sage nicht: Die Natur verändert sich sowieso, also lassen Sie uns mehr CO2 in die Luft bringen, das spielt keine Rolle. Wir können nicht einfach weitermachen wie bisher, denn wir greifen heute stark in die natürliche Welt ein, und sie verändert sich durch die menschliche Anwesenheit. Wir müssen also die Frage beantworten: In welche Richtung wollen wir gehen?

Und in welche Richtung kann es denn überhaupt gehen, angesichts des Klimawandels?

Was den Klimawandel betrifft, so denke ich, dass das Problem darin besteht, dass wir keine globale Regierung haben, die Entscheidungen auf globaler Ebene treffen kann. Wir leben in einer Zeit, in der Regierungen lokale Autorität in ihrem Land haben, aber viele Probleme nicht lösen können, weil es sich eigentlich um globale Probleme handelt. Andersherum gibt es aber lokale Verhaltensweisen, die eine globale Wirkung haben: Die Länder und Unternehmen, die den Klimawandel verursachen, sind nicht die gleichen Menschen, die als Erste mit den Folgen fertig werden müssen. Besonders wenn man diese Länder sieht, die „America First“ oder „We Go Brexit“ sagen, wird der Fokus auf das Nationale deutlich. Es gibt jedoch auch Gründe, optimistisch zu sein, blickt man zum Beispiel auf den internationalen Klimavertrag. Aber ich denke, auf lange Sicht brauchen wir eine stärkere globale Regierung.

In Ihrem Next-Nature-Konzept schreiben Sie auch: Wir müssen vorwärtsgehen und eben nicht „zurück zur Natur“ – was bedeutet das?

Die Natur ist eine dynamische Kraft, die sich verändern wird. Meine Ansicht ist: Wir müssen in dieser sich „Die Länder und Unternehmen, die den Klimawandel verursachen, sind nicht die gleichen Menschen, die als Erste mit den Folgen fertig werden müssen.“ verändernden Natur eine wünschenswerte Zukunft finden. Es gibt viele Organisationen, die die Natur retten oder unser Gleichgewicht mit der Natur wiederherstellen wollen. Sie machen gute Sachen, wie Greenpeace oder WWF. Aber wenn man fragt, was ihr Bild von der Natur ist, dann ist es ein sehr statisches Bild: Die Natur war früher besser, und wir müssen zur Natur zurückkehren. Das finde ich nicht nur etwas naiv, sondern auch zutiefst konservativ. Was ziemlich überraschend ist, denn die Menschen in diesen Organisationen verstehen sich als fortschrittliche Menschen, die vorankommen wollen. Aber wenn man sich die meisten Naturorganisationen ansieht, sind sie letztendlich ziemlich rückwärtsgewandt. Wir können es uns aber nicht leisten, zu versuchen, zurückzukehren, denn die Evolution geht weiter und die Dinge werden sich ändern. Wir müssen uns auf diese andere Welt vorbereiten, wir müssen uns auf diese andere Natur einstellen. Die nächste Natur kann ein Traum oder ein Alptraum sein – aber wenn wir vorwärtsgehen und nicht zurück, können wir sie positiv mitgestalten.


Viele Menschen haben dennoch den Wunsch, mit einer Art ursprünglicher, unberührter Natur zu leben – tiefe Wälder, grüne Täler, summende Bienen … Welche Rolle werden diese Teile der Natur in unserer Zukunft spielen?

Ich denke, wir müssen ein Gleichgewicht zwischen Biologie und Technik finden. Und es gibt viele Möglichkeiten, das zu tun. Derzeit werden sehr fortschrittliche Technologien eingesetzt, zum Beispiel um zu überwachen, wie sich Elefanten in Afrika bewegen – und wenn es Menschen gibt, die diese Elefanten erschießen wollen, werden sie von fortschrittlichen Drohnentechnologien daran gehindert. Was dagegen die Nahrungsmittelproduktion betrifft, haben wir im Moment diese Monokultur-Landwirtschaftstechnologie, bei der wir giftige Chemikalien einsetzen, um Insekten fernzuhalten – das halte ich für eine sehr altmodische Technologie. Aber ich könnte mir eine Zukunft vorstellen, in der es Wälder gibt, in denen Lebensmittel wachsen und in denen solarbetriebene Roboterinsekten leben, die auch Lebensmittel säen und ernten. Das ist natürlich ein kleiner Traum. Aber ich denke, wir können in diese Richtung vorstoßen, in der Biologie und Technologie im Gleichgewicht sind. Das ist eine Welt, in der ich gerne leben würde!

Und wo zwischen Biologie und Technik befindet sich der Mensch?

Im Moment stecken wir in der Mitte zwischen Biologie und Technik. Wir „Die nächste Natur kann ein Traum oder ein Alptraum sein – aber wenn wir vorwärtsgehen und nicht zurück, können wir sie positiv mitgestalten.“ kommen aus der biologischen Welt, aber jetzt haben wir diese technologische Welt geschaffen, die wir nicht immer kontrollieren können. Wir sind die Spezies, die aus der Biosphäre kommt und den Aufstieg der Technosphäre verursacht hat. In diesem Sinne sind wir also auch der Katalysator dieser Evolution. Am Ende wird die Technologie auch uns verändern. Und es kann sein, dass wir zu gegebener Zeit erkennen, dass wir nicht einmal mehr die dominante Spezies sind, weil einige Technologien sehr dominant werden könnten. Ich glaube nicht an diese Vorstellung, dass wir einen Roboter heiraten werden, oder dass wir selbst ein Roboter werden. Es ist eher so, als ob der Roboter um uns herumwächst.

Sie haben das Next Nature Network gegründet – was ist die Mission?

Es gibt praktisch keine Naturorganisationen, die vorausschauend und fortschrittlich sind und Technologie als Teil der Natur mitdenken. Und das ist es, was wir zu sein versuchen. Wir versuchen, diese offene, hoffnungsvolle und zukunftsorientierte Naturorganisation zu sein. Wir haben drei Ziele: Ein Ziel ist es, diesen reicheren, zukunftsgewandten Begriff von Natur zu teilen. Das zweite Ziel ist es, das Verhältnis zwischen Biologie und Technik auszugleichen. Denn die Technologie ist in der Welt und die Technosphäre wird nicht verschwinden. Wir müssen sie also mit der Biosphäre in Einklang bringen und einen Weg in die Zukunft finden. Und das dritte Ziel ist, dass wir neben der Rettung des Eisbären, des Pandas, der Wale und des Regenwaldes auch die Menschen retten wollen.

Über Dr. Koert van Mensvoort

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Dr. Koert van Mensvoort nutzt Design dazu, Diskussionen über Zukunftstechnologien anzuregen. Er ist Direktor des Next Nature Network in Amsterdam und hält weltweit Präsentationen. Sein Ziel ist, unsere koevolutionäre Beziehung zur Technologie besser zu verstehen und Wegbereiter für eine Zukunft zu sein, die sowohl für die Menschheit als auch für den Planeten lohnend ist.

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