Was bedeutet „gesunde Ernährung“ für die Generationen Y und Z?

Der Megatrend Gesundheit wird spätestens seit der Pandemie ganzheitlicher gedacht. Das spiegelt sich auch im Verständnis von gesunder Ernährung der Generationen Y und Z wider, für die sie auch ein psychische Ebene hat. – Ein Auszug aus dem Food Report 2022 von Hanni Rützler.

© Pixabay/Jerzy Górecki

Gesundheit ist heute das Synonym für ein gutes Leben. Als wichtiges Lebensziel hat sich dieser mächtige, stabile Megatrend tief in unser Bewusstsein, unsere Kultur und das Selbstverständnis unserer Gesellschaft eingeschrieben. Gesundheitsorientierte Themen durchdringen alle Lebensbereiche und beeinflussen unser alltägliches Handeln: wie wir leben und denken, wie wir arbeiten und konsumieren, was und wie wir essen.

Zusätzlich hat sich das Interesse an Gesundheit durch die Pandemie und die monatelange Erfahrung der permanenten Verwundbarkeit noch einmal verstärkt. Zugleich wandelt sich das grundsätzliche Verständnis von Gesundheit: Vielen wird zunehmend bewusst, dass ein gutes und gesundes Leben auch eine gute, also „gesunde“ Umwelt erfordert. Nicht zuletzt hat die Corona-Krise auch den Einfluss unseres Ernährungssystems und unserer Lebensmittelproduktion auf die Umwelt gezeigt – und damit mittelbar auch die Auswirkungen auf unsere individuelle Gesundheit.

Gesunde Ernährung: Immer stärker vom Ich zum Wir

Was genau verstehen wir heute unter „gesunder Ernährung“? Aus dem Blickwinkel der Konsumierenden ist schon seit Mitte der 1990er-Jahre klar: Gesunde Ernährung ist nicht nur eine Frage der richtigen Auswahl und Menge von Lebensmitteln bzw. Nährstoffen (mehr Obst und Gemüse, weniger tierische Produkte, weniger Kalorien, Fett, Zucker, mehr komplexe Kohlenhydrate, Ballaststoffe, Vitamine, Mineralstoffe), sondern steht immer auch im Zusammenhang mit Lebensmittelqualität. Hier sind Frische, Natürlichkeit, Regionalität, biologische Produktion, Gentechnikfreiheit und eine geringe Verarbeitung die zentralen Kriterien.

Die Gewichtung und der Stellenwert dieser Attribute unterliegen einem zeitlichen Wandel, der von  den jeweiligen aktuellen öffentlichen Debatten abhängig ist. Denn Alltagsentscheidungen finden – wie der Konsum- und Ernährungssoziologe Thomas Schröder schon 2016 analysiert hat – „in einem komplexen Spektrum statt, das unterschiedliche Dimensionen aufweist: Eine Handlung kann aus Sicht des Individuums beispielsweise gesundheitlich richtig sein, gleichzeitig aber ökologisch oder moralisch fragwürdig“. Am Beispiel der Avocado lässt sich das sehr anschaulich zeigen: Einerseits wurde und wird sie aufgrund ihrer Nährstoffe als echtes „Superfood“ gefeiert, andererseits wegen ihrer zum Teil katastrophalen Ökobilanz (massive Wälderrodung, enormer Wasserverbrauch, Transportwege um die halbe Welt etc.) und den Arbeitsbedingungen auf vielen mittel- und südamerikanischen Plantagen kritisiert.

Gute Ernährung ist umfassend gut

Auf Basis eines neuen Verständnisses von „gesunder Ernährung“ ändert sich auch unser Blick auf Lebensmittelqualität. So gewinnen Begriffe wie Transparenz, Integrität, Authentizität und Nachhaltigkeit mehr und mehr an Bedeutung. Besonders Konsumierende der Generationen Y und Z, die sich über Lebensmittel und Ernährung vor allem im Internet informieren und sich via Social Media austauschen, redefinieren die Begriffe Gesundheit und gesunde Ernährung: Sie schließen nicht mehr nur das physische Wohlbefinden ein, sondern auch das psychische. Dabei gehen sie über die individuelle Perspektive hinaus und denken in großen ökologischen Kontexten: Sie wollen im Hinblick auf ihre Ernährung nicht nur mit sich, sondern auch mit der Welt – so gut es geht – im Reinen sein.

Gute Ernährung ist in den Augen der jungen Generationen von heute nur dann gut, wenn sie umfassend gut ist: nicht nur mit Blick auf Nähr- und Inhaltsstoffe, Frische und Geschmack, Vitamine, Mineral- und Ballaststoffe, sondern auch mit Blick auf den ökologischen Fußabdruck sowie tierethisch und sozial verträgliche Produktionsbedingungen. Insbesondere für junge, urbane und höher gebildete Konsumierende gilt, dass sie sich statt an diversen Schlankheitsdiäten beim Essen eher an der umweltverträglichen, nachhaltigen Planetary Health Diet orientieren.

Digitalisierung fördert Wandel des Gesundheitsverständnisses

Eine entscheidende Rolle beim Wandel des Gesundheitsverständnisses spielt auch der Megatrend Wissenskultur. Das Internet versetzt jede und jeden von uns in die Lage, sich über Gesundheit und Krankheiten, über Produktions- und Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft und der Lebensmittelindustrie sowie über ein Ernährungssystem, das unnötige Verschwendung fördert, selbst ein Bild zu machen. Denn das Netz bietet uns Zugänge zu Informationen, die lange nur Experten vorbehalten waren.

In der Gesundheits- und Ernährungswelt der Zukunft werden alle auf die gleichen Daten zugreifen können. Auch das Wissen um die ökologischen und ökonomischen Auswirkungen des Klimawandels steht heute allen Interessierten mit Internetzugang offen – und damit auch das Wissen um die Folgen, die dieser Wandel für die Gesundheit des Einzelnen sowie das Wohlergehen des Planeten mit sich bringt. Der ärztliche Gesundheitsrat wird also künftig nur noch ein Aspekt von vielen sein, nach dem Menschen über die Art ihrer Ernährung entscheiden. Und: Er ist nicht mehr die einzige Quelle, über die Menschen sich zu Fragen nach einer physiologisch hochwertigen Ernährung informieren.

Mit Nutri-Score zur gesünderen Lebensmittelwahl

Seit Herbst 2020 ist auch in Deutschland der heißdiskutierte Nutri-Score als offiziell anerkanntes Kennzeichnungselement für Produkte erlaubt: Er soll Konsumenten einen schnellen Vergleich der Nährwertqualität von Lebensmitteln ermöglichen. Dem ABC folgend erhalten dabei Lebensmittel mit verhältnismäßig guter Nährwertqualität eine grün hinterlegte A-Bewertung. Die ungünstigste Bewertung ist ein rot hinterlegtes E. Einen sinnvollen und hilfreichen Nährwertvergleich erlaubt der Nutri-Score allerdings nur, wenn Lebensmittel derselben Produktgruppe miteinander verglichen werden.

Nach anfänglichen Widerständen erfreut sich diese für Hersteller bislang freiwillige Kennzeichnung immer größerer Beliebtheit bei Konsumierenden und einer zunehmenden Akzeptanz bei Produzierenden. Aktuell glauben laut einer Studie des Hamburger Marktforschungsinstituts Appinio immerhin gut 60 Prozent der Deutschen, dass der Nutri-Score zu einer gesünderen Ernährung der Menschen in Deutschland führen werde. Allerdings fänden es 81 Prozent der Befragten gut, die Nutri-Score-Kennzeichnung für Hersteller verpflichtend zu machen, weil nur dann eine echte Vergleichbarkeit von Produkten gewährleistet sein kann.

Die französischen Handelskonzerne Intermarché und Carrefour nutzen den Nutri-Score seit Anfang 2021 auch für eine stärker personalisierte Ernährungs- und Produktberatung auf ihren E-Commerce-Plattformen. Dafür haben die Händler gemeinsam mit dem US-Start-up Innit ein individuelles Nutri-Score-Punktesystem für Lebensmittel aus ihrem Sortiment entwickelt. Mit dem Punktebewertungs-Tool in der Smartphone-App und via Self-Scanning können Kunden aus rund 20.000 Produkten jene finden, die ihren Anforderungen am besten entsprechen. Sie müssen in ihrem Profil vorab neben allgemeinen Eckdaten wie Alter und Geschlecht ihre Präferenzen wie zucker-, fettreduziert oder glutenfrei sowie Labels wie Bio oder Vegan angeben. Darauf basierend errechnet das Tool für jedes Produkt im Warenkorb eine personalisierte Punktzahl, die auch farblich nach dem Nutri-Score-Ampelsystem gekennzeichnet ist.

Lebensmittelnachhaltigkeit ist kein Luxusproblem

Covid-19 hat den Stellenwert von Lebensmittelqualität in der Aufmerksamkeits- und Werte-Skala der Konsumierenden zweifellos erhöht und sie dazu veranlasst, Qualitätskriterien im Einklang mit einem breiteren Gesundheits- und Nachhaltigkeitsverständnis neu zu definieren. Davon profitieren vor allem regionale und Bio-Produkte, deren Konsum in der Krise weiter deutlich gestiegen ist.

Die Corona-Krise hat einen Effekt auf den Lebensmittelkonsum und die Ernährungsweise der Menschen, der bleiben wird. Künftig wird es bei der Wahl der Lebensmittel noch mehr in die Richtung „pflanzliche Lebensmittel“ gehen, ohne sich strikt vegetarisch oder vegan zu ernähren, in Richtung „mehr Gemüse, Hülsenfrüchte und Getreide“, ohne auf das Schnitzel, die Wurst oder den Käse ganz zu verzichten. Wo die Wertschätzung für Lebensmittel sowie der Menschen, die in Produktion und Handel tätig sind, gestiegen ist, hat das auch zur Folge, dass Menschen zuhause sorgfältiger mit Produkten umgehen und weniger Lebensmittel verschwenden.


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