Hackathons und der „Human Turn“

Warum das Phänomen der Hackathons auf eine „humanistische Wende“ im Zusammenspiel von Mensch und Maschine hinweist.

Von Dirk Nicolas Wagner

Flickr / Hackerstolz e.V. / Inno{Hacks} / CC-BY-SA 2.0

Hackathons sind etwas spezielle und irgendwie faszinierende soziale Ereignisse. Eine Gruppe meist junger Menschen, immer noch überwiegend männlich, trifft sich, um in kurzer Zeit im Wettbewerb neuartige Computeranwendungen zu erschaffen. Gut gelaunt und zum Schluss völlig übermüdet, konzentrieren sie sich parallel auf ein hochproduktives Zusammenspiel von Mensch und Maschine. Heraus kommen programmierte Vorschläge für neue soziale Technologien: Entwürfe zur besseren Organisation von Menschen oder immer häufiger auch Maschinen, die helfen sollen bestimmte Ziele zu erreichen.

Da werden zum Beispiel Hörbücher zu interaktiven Geschichten, schlecht gelaunte Menschen durch intelligente Spracherkennung erkannt und aufgemuntert oder Wartezeiten vor dem Beginn von Besprechungen minimiert, weil alle wissen, wann der letzte Besprechungsteilnehmer eintreffen wird. Viele der Apps und Programme sind Eintagsfliegen. Aus manchen werden dagegen wegweisende Geschäftsideen und Organisationsentwürfe.

Die Hacker basteln – teils bewusst, teils unbewusst – an den Spielregeln unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Sie beschleunigen dabei deren Wandel durch Digitalisierung und Automatisierung. Gleichzeitig ist das kollaborative Format des Hackathons selbst eine wegweisende soziale Technologie: Denn hier steht letztlich der Mensch mit seinen Fähigkeiten und seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt. Im Phänomen des Hackathons und seiner Ergebnisse spiegeln sich hochfokussiert die Herausforderungen und die Chancen der Digitalisierung für den arbeitenden Menschen:

1. Digitalisierung macht vor keiner Tür halt

Auf Hackathons geht es um IT, vor allem aber um Anwendungen für Marketing, Gesundheitswesen, Energie, Mobilität, Zivilgesellschaft, Management und Administration, Ernährung, Medien, Finanzen und vieles andere mehr. All diese Themen sind jeweils nur einen Bildschirm weit voneinander entfernt und geben der vieldiskutierten These von Carl Frey und Michael Osborne, dass der Mensch in naher Zukunft die Hälfte seiner heutigen Jobs an Maschinen abgeben müsse, gewaltigen Auftrieb.

2. Automatisierung heißt nicht Perfektion

Auch durch Hackathons werden Maschinen schnell besser – oftmals besser als Menschen. Aber durch Automatisierung werden Systeme komplexer, und ein unvermeidbares Merkmal komplexer(er) Systeme sind Fehler. Die prototypischen Resultate von Hackathons stecken ganz selbstverständlich voller Fehler und Unvollendung. Unserem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Alltag hingegen geht ein solch entspannter Umgang mit fehlerbehafteten Automatisierungslösungen ab – hier wird mit Automatisierung meist Perfektion angestrebt.

3. Irren ist menschlich

Bei Hackthons wird mit Irrtümern und Fehlern offen umgegangen – und sie werden schnell aufgedeckt. Irrtümer und Fehler sind eine Ressource für neue Lösungen und Innovation. Die Rahmenbedingungen dafür sind günstig: Unterschiedlichste Projekte werden zur gleichen Zeit im gleichen Umfeld verfolgt, ohne inhaltlich miteinander in Konkurrenz zu stehen. Es besteht reichlich Möglichkeit zum informellen Austausch.

4. Die Ironie der Automatisierung

Gemeinhin gilt: Der Mensch ist das schwächste Glied in der Kette automatisierter Prozesse und Systeme – wird aber andererseits dafür verantwortlich gemacht, die Automaten zu überwachen und bei Problemen einzugreifen. Zug- und Flugunglücke sind eine Spitze des Eisbergs missratener Zusammenarbeit von Mensch und Maschine. Oft stellt sich im Nachhinein heraus, dass das menschliche Versagen mit einem Verlust des Bezugs zur Situation und einem Zustand der inneren Isolation einhergeht. Ganz anders der Hackathon, der von schnellen, unkomplizierten Feedbacks lebt.

5. Schneller, präziser Austausch

Um Fehler zu erkennen, aus Sackgassen schnell herauszukommen und Probleme möglichst effektiv zu lösen, greifen die Hacker auf das Netzwerk der teilnehmenden Wissensträger zurück. Der schnelle Austausch auf Augenhöhe erinnert daran, wie heutzutage Profifußball gespielt wird: mit hoher Frequenz und mit Präzision – und dann fällt das Tor. Was beim Hackathon emergiert, wird beim Fußball und inzwischen auch in einigen Unternehmen und Branchen trainiert: faktenbasierte Kommunikation, hierarchieübergreifende Intervention, Partizipation und effektive Teamarbeit. Innere Isolation und mangelndes Situationsbewusstsein können so vermieden werden.

6. Multitasking zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Die seit geraumer Zeit gereifte, wissenschaftliche Erkenntnis, dass der Mensch nicht zum Multitasking fähig ist, erlebt der Hackathonhacker in hochdosierter Form. Im Bienenstock des Hackathons brummt es fortwährend – schließlich ist man dort, um sich zu treffen. Aber um vor Ende der Veranstaltung zu einem vorzeigbaren Ergebnis zu kommen, muss man sich inmitten des bunten Treibens in hochkonzentrierte Arbeitsphasen vor dem Bildschirm verabschieden. Wenn Multitasking nicht möglich ist, muss die Fähigkeit trainiert werden, eine tragfähige Balance zwischen Konzentration auf (eine) Aufgabe und Austausch mit anderen zu finden.

7. Effektives Teamplay von Mensch und Maschine

Hackathons weisen Parallelen zum sogenannten Freestyle Chess auf. In diesen Schachwettbewerben dürfen die Spieler mit Schachcomputern kooperieren. Dies führt regelmäßig zu interessanten Ergebnissen: Mittelmäßigen Spielern gelingt es im Verbund mit handelsüblichen Programmen, sowohl Großmeister wie auch die besten Schachprogramme zu schlagen. Beim Hackathon geht es um etwas anderes. Aber auch hier arbeiten Mensch und Maschine effektiv zusammen: Es wird nicht auf der grünen Wiese programmiert. Stattdessen werden vorhandene Plattformen, Technologien und Bausteine kombiniert und weiterentwickelt, um neue Lösungen hervorzubringen. Die Möglichkeiten und Stärken existierender Systeme werden genutzt, um neue Ideen zu verwirklichen.

8. Der Wert der Unvorhersehbarkeit

Die Teilnehmer eines Hackathons überraschen sich und andere damit, dass sie Neues in die Welt bringen. Der Hackathon gibt ihnen gleichermaßen Ansporn und Freiheit dazu, indem er etwas zwar Unbestimmtes, aber Herausragendes erwarten lässt und sich gleichzeitig auf die Unvorhersehbarkeit der Akteure einlässt. Die Maschine steht als Mittel zur Verwirklichung des Neuen zur Verfügung. Aber es sind die Hacker, die ihre Kreativität und ihre Fähigkeit zum Neuanfang einsetzen, um die Grenzen der Welt zu erweitern. Für viele Menschen ist es im Arbeitsalltag eher umgekehrt: Ihre Fähigkeit zum Neubeginn ist kaum gefragt. Sie sind dazu da, den an anderer Stelle vordefinierten und vom Computer flankierten oder teilautomatisierten Prozess in die Tat umzusetzen.

Das hier skizzierte Bild von der wegweisenden sozialen Technologie des Hackathons mag optimistisch, in einigen Punkte vielleicht naiv oder idealistisch eingefärbt sein. Und doch ist die Botschaft durchaus ernstzunehmen. In Anbetracht des rasanten Fortschritts digitaler Technologien ist es höchste Zeit, den Blick von der Maschine hin zum Menschen zu wenden – ein „Human Turn“. Das „Rennen gegen die Maschine“ ist nicht zu gewinnen. Stattdessen gilt es, mit der Maschine zu laufen. Das heißt: die Möglichkeiten des Teamplays untereinander und die der Kooperation zwischen Mensch und Maschine nutzen und konsequent auf die Stärken des Menschen zu setzen – ohne dessen begrenzte Ressourcen aus dem Auge zu verlieren.

Literatur:
Beinhocker, Eric D. (2007): Die Entstehung des Wohlstands. Wie Evolution die Wirtschaft antreibt. Landsberg am Lech
Brynjolfsson, E., und McAfee, A. (2014): The Second Machine Age. Work, Progress, and Prosperity in a Time of Brilliant Technologies. New York
Cowen, T. (2014): Average Is Over. Powering America Beyond the Age of the Great Stagnation. New York
Frey, C., und Osborne, M. (2017): „The Future of Employment: How Susceptible are Jobs to Computerisation?“ In: Technological Forecasting and Social Change 114 (2017)
Hagen, J. (2013): Fatale Fehler. Oder warum Organisationen ein Fehlermanagement brauchen. Berlin
Hofmann, D. A., und Frese, M. (2011): Errors in Organizations (SIOP organizational frontiers series). New York
Kirsch, G. (2009): „Unvorhersehbarkeit – Ein Ausdruck der Freiheit“. In: Freiheit – der nie erledigte Auftrag. Berlin, S. 76–85
Wagner, D.N. (2015): „The Tragedy of the Attentional Commons – In Search of Social Rules for an Increasingly Fragmented Space“. In: Journal of New Frontiers in Spacial Concepts, KIT Scientific Publishing, Vol. 7(2015), S. 31–41
Wagner, D.N. (2016): „Ein ungleiches Rennen“. In: zukunftsinstitut.de, 09/2016

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Dossier: Innovation und Neugier

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Wie entstehen Produkte und Dienstleistungen? In der komplexen Netzwerköonomie wird Innovation immer wichtiger: die Fähigkeit, neue Sichtweisen einzunehmen, neue Ideen zu entwickeln und neue Zukunftsperspektiven für Organisationen zu entwerfen.

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Dirk Nicolas Wagner

Dirk Nicolas Wagner ist Professor für Strategisches Management an der KIU und Geschäftsführer des KMI. Seit den 90er-Jahren beschäftigt Wagner sich mit Fragestellungen rund um das Thema Mensch und Maschine.