Minimalismus: Besser statt mehr

Foto: Max Ostrozhinskiy/Unsplash

Qualität statt Quantität

Der postmoderne Minimalismus ist der Trend des bewussten Verzichts. Für die einen ist er eine Art psychische Selbsthilfe, um mit dem Überangebot und der Immer-Verfügbarkeit von Produkten zurechtzukommen – und damit das eigene Wohlfühllevel zu erhöhen. Für die anderen ist es der Anspruch, durch das eigene Konsumverhalten die Gesellschaft zu verändern. Manchmal bestimmt er nur Teilaspekte des Alltags, für andere ist es eine in sich geschlossene und kongruente Lebensphilosophie.

Der Trend zum bewussten Verzicht ist primär ein Phänomen einer Wohlstandskultur und nur für jene Bevölkerungsgruppen wirklich nachvollziehbar, die im Zuviel leben und eine ausgeprägte Konsumkultur kennen. Das Phänomen des neuen Minimalismus reagiert auf diese Verschwendungskultur unseres Zeitalters. Der bewusste Verzicht ist paradox, denn es ist nicht bequem, nicht einfach und macht erstmal keinen Spaß, weil es mühsam ist und Entbehrung von Gewohntem und Komfort bedeutet. Doch das Phänomen ist ein Teil des neuen Wunsches der Menschen nach einer neuen Nähe zu den eigenen grundlegenden Bedürfnissen jenseits der Konsumgesellschaft. Die neue Sehnsucht nach Klarheit, Ordnung und Wohlbefinden durch „less is more“ bezieht sich auf alle Bereiche des Lebens – von Ernährungsstilen und Wohnkultur über Kleidungsstil bis hin zum Medienverhalten.

Das aufgeräumte Leben

Das Buch von Marie Kondo, „The Life-Changing Magic of Tidying Up: The Japanese Art of Decluttering and Organizing“, machte den Minimalismus in den USA zum Mainstream. Obwohl es kein brandneues Konzept ist, eroberte die Methode rasant Medien und Haushalte. Dabei geht es nicht nur um das Ausmisten des Kleiderschrankes. Die Minimalismus-Bewegung mündet in einer generellen Reduktion von Besitz. Überflüssiges wird gespendet oder anderweitig entsorgt. Noch weiter geht der Trend zum Leben auf minimaler Wohnfläche, nämlich im Tiny House. War das Leben in „Mobile Homes“ einst ein Zeichen von Armut, ist die „Tiny House“-Idee heute ein Zeichen von Größe und Intellekt. Auch steigende Mieten und Hauspreise in den Städten, der zunehmende Wunsch der Menschen, mobil zu bleiben sowie auch die Idee vom Rückzugsort in der Natur machen die Bewegung so interessant.

Bye Bye Fast Fashion

Mit einem einheitlichen Wohlfühloutfit leben bzw. lebten Steve Jobs oder auch Mark Zuckerberg vor, wie Minimalismus in Zeiten eines Fashion-Überangebots funktionieren kann. Der stets einheitliche Look der beiden Mediengiganten während der öffentlichen Auftritte wurde dankbar von postmodernen Minimalisten als Mode-Guideline übernommen und vielfach multipliziert. Auch Ex-US-Präsident Obama erklärte: „I’m trying to pare down decisions. I don’t want to make decisions about what I’m eating or wearing. Because I have too many other decisions to make.“

Diese Simplifizierung der Mode auf einige wesentliche Kleidungsstücke ist ein Faustschlag für die Dominanz der Fast-Fashion-Branche – und spricht gleichzeitig Wachstumskritiker wie Reduktionsjünger an. Hier setzt auch das junge schwedische Label Asket an, es verkauft ausschließlich zeitlose Basic-Kleidung – keine Saisonware, keine Trends. Die beiden Gründer August Bard Bringéus und Jakob Dworsky wehren sich damit gegen das Diktat der schnelllebigen Fashion-Branche, in der Filialisten wie Zara immer schneller neue Trends in die Läden bringen und Discounter wie Primark weiter mit Tiefpreisen locken.

Minimalismus als Markt

So erfolgreich der Begriff derzeit ist, so engagiert versuchen auch Unternehmerinnen und Unternehmer, die Idee in ihr Konsumkonzept zu integrieren. Von Minimalist Cooking über Minimalist Digital Design bis hin zu Minimalist Ikea reicht die Bandbreite an Produktalternativen, die einen Minimalismus versprechen – allerdings nur, wenn man sie zunächst konsumiert. Eine Vielzahl an Start-ups und kreativen Entrepreneuren füllen diese Lücke: Das Geld fließt nun nicht in den Konsum von Produkten, sondern in Dienstleister, die dabei helfen, Verzicht zu üben. So pflegt mittlerweile eine ganze Generation neuer Reise- und Arbeitsnomaden den Lebensstil des Nicht-Besitzens mithilfe solcher Angebote. Häufig nur mit dem ausgestattet, was in das Handgepäck passt, reisen sie ohne weitere materielle Güter durch die Welt.

Übernachtungen werden via Couchsurfing, Airbnb und Co-Living-Angebote organisiert, Arbeitsplatz, Autos und Co. werden geteilt. Gegessen wird mittels Social Dining oder Food Sharing. Die neue Sharing Economy ermöglicht es zumindest in den urbanen Zentren der Welt, fast frei von Besitz zu leben. Neue Nachbarschaftsnetzwerke ebenso wie entsprechende Start-ups lassen Besitz überflüssig werden. Auch hier finden sich sowohl Konsumkritiker wie auch Minimalisten wieder. Die kommende Generation hat andere Interessen als das Anhäufen von Materiellem. Die Gratwanderung zwischen einem echten minimalistischen Lebensstil und zwischen Minimalismus als Konsumstil bleibt dabei jedoch offensichtlich.

Minimalismus ist ein Lebensstil des Postkapitalismus, der sich momentan rasant entwickelt. Die wachsende Gruppe der Minimalisten könnte wegweisend für eine Ökonomie der Zukunft sein: eine, die nicht in unendlicher Schleife von Produkt zu Produkt, sondern von alternativen Geschäftsmodellen lebt. Die auf Peer-to-Peer basiert und das klassische Handelsdenken unterläuft.

Dieser Text ist ein gekürzter und überarbeiteter Auszug aus der Studie Die neue Achtsamkeit. Die Trendstudie stellt den Menschen mit seinen Gefühlen und Affekten in den Mittelpunkt und beschreibt, wie sich unter den Bedingungen einer extrem dynamischen Welt unsere Denk- und Handlungsmuster wandeln.


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