Neo-Tribes

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Der Begriff des Neo-Tribalismus geht auf den französischen Soziologen Michel Maffesoli zurück, der in seinem Buch „Le Temps des Tribus“ aus dem Jahr 1988 die Postmoderne als Ära des Neo-Tribalismus versteht. Denn aufgrund der wachsenden Verunsicherung durch den Wegfall von Institutionen und das Verschwinden einer klaren Gesellschaftsstruktur in Klassen und Schichten kommt es zu einer Rückbesinnung auf archaische Muster der Vergemeinschaftung.

Dieser „Tribe“ als Gruppe von Menschen besitzt nicht die Starrheit der uns bekannten Organisationsformen, die auf das Rationalitätsprinzip aufbauen: Tribe ist vor allem kultisch fokussiert und bezieht sich mehr auf eine bestimmte Umgebung, beschreibt ein Mindset und wird vor allem durch Lebensstile zum Ausdruck gebracht. Tribes sind die Gemeinschaften, zwischen denen Menschen wechseln können, um so unterschiedliche Lebensstile im zeitlichen, aber auch im räumlichen Verlauf zu praktizieren. Tribes sind die Inseln der Gemeinschaft, die postmodernen Nomaden Gefühle wie Geborgenheit, Sicherheit und Vertrautheit vermitteln – sie geben emotionale Verwurzelung.

Das Konzept des Neo-Tribalismus fußt unter anderem auf den Forschungsergebnissen des Ethnologen Claude Lévi-Strauss. Grundannahme ist, dass eine Spezies pathologisch wird, wenn sie sich zu stark aus ihrer ursprünglichen Umgebung entfernt – und dass die natürliche Umgebung für Menschen überschaubare Gemeinschaften sind. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die ideale Gruppengröße für Menschen bei ungefähr 150 Individuen liegt (vgl. Dunbar 1993). In den Städten des industriellen bzw. post-industriellen Zeitalters leben Menschen demnach in einem Umfeld, das ihrem Wohlbefinden schadet. Der moderne Städter verbringt seinen Alltag in einer Gesellschaft von Fremden, arbeitet eventuell in einer Organisation, die die „Dunbar-Zahl“ von 150 Individuen stark überschreitet, und steht einer schier unendlichen Optionenvielfalt gegenüber, was die eigene Lebensgestaltung angeht.

Überall auf der Welt bilden sich Communitys, Interessengemeinschaften und Kollektive heraus, die modernen Stammeskulturen ähneln – erweitert um die Dimension digitaler Vernetzung. Manche beginnen sich selbst „Neo-Tribes“ zu nennen. Inzwischen taucht das Konzept aus der Soziologie als Sammelbegriff für die zahlreichen großen und kleinen Gruppen der neuen Wir-Kultur immer häufiger auf.

Neo-Tribalisten ist gemein, dass sie die technologische Infrastruktur nicht als Wurzel allen Übels betrachten, sondern als Chance, sich auf intelligente Weise zu vernetzen, um Lebensgemeinschaften, Bewegungen oder projektbasierte Communitys zu bilden. Diese Gemeinschaften entwickeln stammesähnliche Schemata von Regeln, Werten und kulturellen Ritualen, die dem postmodernen Lebensstil angemessen sind.

Neo-Tribes sind zum einen temporär begrenzte Gemeinschaften, die auf Festivals wie dem Burning Man oder der Fusion zusammenkommen und dort einmal im Jahr eine hochritualisierte Feierkultur pflegen – oftmals angelehnt an archaische Rituale wie das symbolische Verbrennen von selbst erbauten Statuen. Manche entscheiden sich für die langfristige Teilhabe an einem Neo-Tribe nur für einen bestimmten Lebensbereich, zum Beispiel die Arbeit. Andere Neo-Tribes sind dauerhafte Lebensgemeinschaften. „Intentional Communities“ (wertebasierte Lebensgemeinschaften) wie Ökodörfer sind moderne Stammesgemeinschaften mit hohem ethischem Anspruch in Bezug auf die Auswirkungen der eigenen Lebensweise auf Umwelt und Mitmenschen. Ökodörfer sind einerseits Mikro-Communitys mit starkem Regionalbezug, andererseits sind sie fast immer per Internet global vernetzt.

Neben dem Konzept des Neo-Tribalism existieren in der Soziologie ähnliche Forschungsansätze, die sich mit neuen Vergemeinschaftungsformen beschäftigen: Unter dem Begriff posttraditionale Gemeinschaften, der auf Maffesolis Neo-Tribes aufbaut, wird zusammengefasst, dass „individualisierte Akteure sich aufgrund kontingenter Entscheidungen für eine zeitweilige Mitgliedschaft freiwillig in soziale Agglomerationen und deren Geselligkeiten einbinden, die wesentlich durch nicht nur distinktes, sondern durch dezidiert distinktives Wir-Bewusstsein stabilisiert sind“ (Hitzler/Honer/Pfadenhauer 2009).


Literatur:
Maffesoli, Michel (1988): Le Temps des tribus: le déclin de l'individualisme dans les sociétés de masse. Paris.
Dunbar, R.I.M. (1993): Coevolution of neocortex size, group size and language in humans. Behavioral and Brain Sciences, 16(4): 681–735.
Hitzler, Ronald/Honer, Anne/Pfadenhauer, Michaela (2008): Zur Einleitung: „Ärgerliche Gesellungsgebilde?“ In: Dies. (Hg.): Posttraditionale Gemeinschaften: Theoretische und ethnografische Erkundungen. Wiesbaden, S.9–31.


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