Neo-Hippies: Hedonisten mit “Wir-Kultur”

“Collect moments, not things” – über die Neuinterpretation der Individualität in einer aufkommenden Wir-Kultur. Ein gekürzter Auszug aus der Trendstudie und dem Workbook “Lebensstile”.

Von Lena Papasabbas

Zukunftsinstitut // Martin Markes, Die Zeichner

Der Neo-Hippie verbringt seine Zeit damit, das Leben zu genießen, Spaß zu haben, sich spontan etwas zu leisten – immer auf der Suche nach der nächsten Party, nach Abwechslung und Unterhaltung. Und immer bedacht darauf, gut dabei auszusehen. Dabei ist er jedoch nicht oberflächlich, sondern legt vielmehr besonderen Wert auf Gemeinschaft: Es geht ihm nicht um das hedonistische Erlebnis an sich, sondern um das gemeinsame Erleben mit seinem Freundeskreis, den er auch gern zu sich nach Hause einlädt und in den er viel Zeit und Energie investiert.

Zwischen Spätindividualismus und Neukollektivismus

Der Lebensstil des Neo-Hippies ist geprägt durch das sich zunehmend wandelnde Verständnis von Individualisierung. Individualität bedeutete viele Jahre lang, sich von vorgefertigten Werte- und Lebensvorstellungen zu lösen und sich selbst möglichst deutlich vom eigenen Umfeld abzugrenzen. Inzwischen hat sich aber eine neue, “softere” Variante des Individualismus herausgebildet, die geprägt ist durch die Orientierung an der Gruppe und die Auseinandersetzung mit der Community. Das Grundprinzip der Individualisierung hat sich gewandelt: weg vom Fokus auf Ich-Abgrenzung, hin zum Streben nach Wir-Bindung.

Dieser große Shift innerhalb des Megatrends Individualisierung wird unter dem Subtrend „Wir-Kultur“ zusammengefasst. Vor allem die fortschreitende Vernetzung hat die Möglichkeiten des Austauschs und des In-Kontakt-Tretens mit Gleichgesinnten exorbitant ansteigen lassen. Diese Kombination aus Wahlfreiheit und schier unendlicher Optionenvielfalt schafft eine neue soziale Struktur und Dynamik, in der die selbstgewählte Gruppe zum zentralen identitätsstiftenden Element wird.

Es handelt sich also keinesfalls um eine Abkehr vom Individualismus, sondern um eine gesellschaftliche Reaktion auf die erweiterten Möglichkeiten von Zugehörigkeit. Im Zentrum steht dabei die Erkenntnis, dass sich echte Individualisierung erst in und durch die Gruppe entfalten kann. Der neue Stellenwert des Wir zeigt sich in der Gesellschaft auch durch die Entstehung neuer Formen von Gemeinschaften, Kollaborationen und Kooperationen. Teilen, tauschen und gemeinsam nutzen, Kollaboration und Gemeinschaft – all das hat in der vernetzten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts Konjunktur. Der Neo-Hippie ist Treiber dieser neuen Sharing-Kultur.

Innovationsgrad und Influence in der Gesellschaft heute

Der Neo-Hippie steht für die pragmatische Vereinbarkeit von jugendlichem Hedonismus und erwachsener Verantwortung. Dieser Lebensstil und seine Peergroup lösen sich schon in der Jugend von herkömmlichen Lebenswegen und Traditionen und erschaffen gemeinsam eigene, individuelle Rituale und soziokulturelle Formen, die vom Streben nach Genuss, Spaß und gemeinsamen Erlebnissen geprägt sind. Häufig nimmt der Neo-Hippie dabei eine Vorreiterrolle ein und bringt auch andere dazu, Neues auszuprobieren.

Die Eventisierung des Lebens

Das Event ist ein zentraler Pfeiler dieses Lebensstils. Dabei stellt der Neo-Hippie das eigene Erleben und Empfinden in den Mittelpunkt der Weltwahrnehmung – und weiß, wie er selbst Unspektakuläres in Events verwandeln kann. Die Etablierung des “Netflixens” als gemeinsame Freizeitgestaltung ist sicherlich auf diesen Typus zurückzuführen. Zum Statusverständnis dieses Lebensstils gehört es auch, auf ungewöhnliche Art gut auszusehen: Ich will das Leben in vollen Zügen genießen – und später einmal mit meinen langjährigen Freunden auf all die schönen Erlebnisse zurückblicken können Natürlich denkt man zweimal über das eigene Outfit nach, wenn man weiß, dass es später auf Instagram auftaucht.

Doch so sehr der Lebensstil des Neo-Hippies auch vom Konsum geprägt ist: Klassische materielle Statussymbole wie Autos, Markenkleidung oder Uhren haben für ihn kaum eine Bedeutung. Sein Motto lautet eher: “Collect moments, not things.” Im Zentrum stehen immaterielle Statussymbole wie Events, Erlebnisse, coole Outfits und lustige Erinnerungsfotos. Weil auch die aber reales Geld kosten – das der Neo-Hippie generell gern ausgibt –, ist ihm finanzielle Unabhängigkeit wichtig. Lebensqualität bedeutet für den Neo-Hippie deshalb auch: sich außergewöhnliche Erfahrungen leisten zu können.

Zukunftsausblick

Die Kombination aus Hedonismus, Wir-Kultur und dem hohen Grad an Vernetzung macht den Typus des Neo-Hippies zu einem Lebensstil mit Zukunft, der über die aktuell eher jugendliche Altersgruppe hinaus weiter wachsen wird. Denn auch wenn der zur Schau gestellte Hedonismus des Neo-Hippies bei bodenständigeren Lebensstilen Missmut erregen mag: Auf viele wirkt er wie ein Magnet und erregt in jedem Fall Aufmerksamkeit. Darüber hinaus gelten jugendliche Lebensstile generell, über alle Altersgruppen hinweg, als Maßstab für einen attraktiven Lebensstil. Auch das macht den Neo-Hippie zur Inspirationsquelle für andere, auch ältere Menschen – und sichert seine künftige Popularität.

Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus der Trendstudie und dem Workbook “Lebensstile”.

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Dossier: Lebensstile

Dossier: Lebensstile

Der Megatrend Individualisierung hat dazu geführt, dass sich Menschen nicht mehr an Cluster-Codes halten: Im 21. Jahrhundert wechseln sie zwischen Clustern nach situativen Anlässen, mehrmals pro Tag. Heutige Lebensstile definieren sich deshalb nicht mehr nach äußeren Zuschreibungen, sondern nach Wünschen und Werten.

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Lena Papasabbas

Lena Papasabbas ist Kulturanthropologin und begleitet seit 2014 für das Zukunftsinstitut Projekte im Research-Bereich. Ihr Schwerpunkt ist die redaktionelle Arbeit bei Auftragsstudien.