„Wir versuchen, das Gegensatzdenken aufzuheben“

Kathrin Böhm ist bildende Künstlerin, die den klassischen Kulturraum Stadt für Einflüsse vom Land öffnet. Als Mitglied der Künstlerinnengruppe Myvillages findet sie Gegenperspektiven zum dominanten urbanen Blick. Dabei entsteht Kunst, die eine echte Auseinandersetzung mit den Bedingungen des ländlichen Lebens darstellt. – Ein Auszug aus der Trendstudie Progressive Provinz – Die Zukunft des Landes

Setting the Table: Village Politics, Myvillages Ausstellung, Whitechapel Gallery London, 2019, Foto: Wapke Feenstra

Frau Böhm, nicht erst seit Ausbruch der Corona-Pandemie beobachten wir eine Art Stadtflucht. Die Menschen sehnen sich nach Natur, Entschleunigung und nicht zuletzt nach einem Ausstieg aus den Konsumwelten der Stadt. Zusammen mit Ihren Kolleginnen Wapke Feenstra und Antje Schiffers gehen Sie zum Arbeiten aufs Land und schaffen mit Dorfbewohnerinnen und -bewohnern zusammen Kunst – darunter oft Produkte, die man in Ihrem International Village Shop kaufen kann. Warum dieser Fokus auf Konsumgüter?

Uns ist es wichtig, dass am Ende der Zusammenarbeit etwas Greifbares steht. Die Ware ist also die Verkörperlichung eines gemeinsamen Erfindens und Machens. Dabei regen wir auch zum Nachdenken über Wert, Handel und Nutzen an. Das sind wichtige Themen für uns, die wir mit den Dorfbewohnerinnen und -bewohnern, die mit uns arbeiten, auch besprechen. Welche emotionalen, kollektiven, monetären Werte lassen wir in solche Waren einfließen?

Waren sind aber auch praktisch, weil sie mobil sind. So transportieren wir die Geschichten unserer Kollaborationen über unterschiedliche Orte hinweg. Hier schwingt natürlich auch das Thema der Sprachgrenzen mit. Wir können ja nicht davon ausgehen, dass Englisch überall verstanden wird, noch nicht einmal in Europa. Ein Produkt oder Objekt kann man auch über Handhabung und Nutzung verstehen, sie sind gewissermaßen universaler und sprachbarrierefrei.

Dann wiederum haben Sie das Projekt „Rural School of Economics“ gegründet, wo Myvillages den Fokus von der Ware hin zur Wissensvermittlung verschiebt. Warum dieser Shift?

Auch im Lernraum Schule übersetzen wir Wissen in Greifbares und in Objekte; das Vorführen von Dingen fällt manchen von uns ja auch einfacher als das Erklären. Im Grunde geht es hier aber darum, das Wissen, welches im ländlichen Raum vorhanden ist, ernst zu nehmen und teilbar zu machen. Wir sprechen bewusst von Schule, weil dann jeder sofort weiß, dass es um Wissensvermittlung geht. Dann sagen wir, alle hier können etwas lehren, alle etwas lernen. Es gibt wirklich sehr viele Dörfer, in denen Menschen wohnen, die ein enormes altes, manchmal fast vergessenes und oft wenig berücksichtigtes Wissen haben, das selten für Lösungen für die Zukunft aufgegriffen, geschweige denn als zukunftsrelevant erkannt wird. Kaum jemand geht ja noch davon aus, dass im ländlichen Raum ein Wissen liegt, das für zukünftige Innovationen und Entwicklungen vielleicht wichtig sein könnte. Dieses Wissen gemeinsam erkennbar zu machen, kann man als emanzipatorischen Akt beschreiben – vor allem für die Menschen, die zwar um ihre Kompetenzen wissen, deren Wissen jedoch noch nicht in das Bewusstsein der Gemeinschaft geholt wurde. Das Anerkennen und Zuschreiben von Wissen durch andere macht Wissen erst zum Allgemeingut, und somit zu einer teilbaren Größe, die gemeinsam genutzt und erweitert werden kann. Das nennen wir „Commoning“.

Frontalunterricht ist da sicher nicht zielführend. Wie gehen Sie vor? Machen Sie Workshops?

Die „Rural School of Economics“ kann man sich wie einen fünftägigen Schulraum ohne Wände vorstellen. Und dann suchen wir gemeinsam die beste Art und Weise, das vorhandene Wissen mitzuteilen. Gehen wir auf den Acker? Machen wir eine Erdbohrung? Oder kochen wir gemeinsam etwas in der Küche? Die Wissensvermittlung passt sich den Menschen, den Orten und den Formen des Wissens an.

Entstehen dabei auch utopische Ideen, wie Ökonomien weitergedacht werden können?

Ja, klar! Aber diese Utopien knüpfen an Wünsche an, die wir auch in anderen Kontexten finden. Der Wunsch nach einer Wirtschaft, die nicht von einem gewinngetriebenen Kapitalismus dominiert ist, einer gemeinnützigen Wirtschaft und faireren Bewertung der eigenen Arbeit. Wirtschaft in ihrer momentanen Form funktioniert für zu viele Menschen nicht, geschweige denn für unseren Planeten. Wir stellen uns die Frage, wie wir uns ökonomisches Handeln, also Wirtschaften, wieder als Alltagshandeln aneignen können, was zum Beispiel Landwirten und Landwirtinnen, die Wirtschaftlichkeit traditionell langfristig und generationsübergreifend denken, sozusagen im Blut liegt. Mit der „Rural School of Economcis“ wollen wir zeigen, welche existierenden, bewährten Ökonomien wir wieder neu beleuchten sollten, um besser zu verstehen, wie sie in der Praxis funktionieren. Akademische Gedankenspiele funktionieren immer, aber wie funktioniert zum Beispiel eine dörfliche Tauschwirtschaft im echten Leben?

Sie setzen sich für eine Kunst ein, die nicht von außen zuschaut, so wie die alte Landschaftsmalerei, die das Landleben idealisiert hat, dabei aber zum Objekt machte. Sie beteiligen sich am Landleben. Wie intensiv muss man daran teilhaben, um authentische Rural Art zu machen?

Unser Prozess ist von Anfang an auf Kollaboration und Co-Produktion ausgelegt. Unbedingt vermeiden wollen wir die Rolle der Beobachterin oder Kommentatorin. Klar geht es in unserer Arbeit auch um Selbstdarstellung – jedoch nicht um unsere eigene, sondern um das generelle Recht auf Selbstdarstellung, das dem Ländlichen und dessen Bewohnerinnen kaum zugestanden wird. Da sind auch Begrifflichkeiten wirklich wichtig: Wir sprechen nie vom Hinterland, nie von der Peripherie. Wir versuchen eine bestimmte Sprache von Gegensätzlichkeiten und Hierarchien zu vermeiden, die das Urbane ins Zentrum stellt und das Land zum Drumherum degradiert. Es gibt ja ein historisches, noch immer sehr prägnantes Vorurteil, wonach das Land der Ort ist, wo keine Kultur stattfindet „Wir versuchen eine bestimmte Sprache von Gegensätzlichkeiten und Hierarchien zu vermeiden, die das Urbane ins Zentrum stellt und das Land zum Drumherum degradiert.“ – man soll in die Stadt gehen, um Kultur zu finden. Diese Haltung muss revidiert werden. Natürlich findet auf dem Land Kultur statt. Sie ist nur vielleicht anders formatiert als in der Stadt. Wenn ich aufs Land gehe, komme ich zwar in meiner Rolle als Künstlerin, die eine bestimmte Vorstellung von Kulturproduktion hat. Aber ich frage dann erst mal: Wie sieht es bei euch aus? Welche Kultur findet hier statt?

Gibt es eine Art Kulturkampf zwischen Stadt und Land?

Dieses Gegensatzdenken, dass man sich mit der Stadt oder dem Land identifizieren muss, versuchen wir aufzuheben. Dafür haben einfach zu viele Menschen eine doppelte Erfahrung. Viele Städterinnen und Städter haben eine Familiengeschichte, die im Ländlichen verankert ist, eine ländliche Kindheit. Insofern ist das Land vielen zugänglich, das Ländliche hingegen nicht geografisch determiniert. Unser Ideal ist es, dass alle Menschen Zugriff auf beides bekommen: urbane und rurale Netzwerke.

Wenn Sie in Dörfer kommen, stoßen Sie da manchmal auch auf Widerstände? Auf Menschen, die sich dem künstlerischen Prozess partout verschließen?

Generell stoßen wir mit unserer Art des Kunstmachens auf dem Land auf weniger Skepsis und Widerstand als in etablierten Kunstkreisen. Aber klar, wir treffen auch auf Dorfgemeinschaften, die unserem Kunstwollen und Internationalsein mit Skepsis begegnen. Da haben die Menschen nicht immer Lust auf kosmopolitische Begegnungen. Aber trotzdem: Über die direkte Erfahrung des anderen im Dorf und über den direkten Vergleich von gelebtem Wissen finden sich schnell Gemeinsamkeiten, die nicht von konventionellen Ausgrenzungstaktiken bestimmt sind. Dahinter steckt natürlich eine politische Frage: Wie kann ich andere als gleichberechtigt und gleichgestellt wahrnehmen, ohne nationalistische, rassistische, sexistische Ausgrenzungen anzuwenden? Myvillages vermeidet eine ideologisierte, stark politisierte Sprache, aber Rahmenbedingungen setzen wir schon: Wir schaffen Räume, die offen sein wollen und in denen wertschätzend kommuniziert wird. Die Erfahrung, Räume zugänglich zu machen, ist uns total wichtig. Ich denke, darin sind wir ganz gut.

Als öffentlichen Raum nutzen wir, was bereits da ist. Das kann eine Schule sein, das Dorfgemeinschaftshaus oder ein Community Center wie in Ballykinler in Nordirland. Dort hatten wir wegen des Nordirlandkonflikts die besondere Schwierigkeit, dass protestantische und katholische öffentliche Räume sich nicht überschneiden. Zum Arbeitsraum wurde irgendwann einfach der Ort, wo ich mich gerade befand. Als Ausländerin habe ich Räume quasi neutralisiert und war weder katholisch noch protestantisch codiert. Als Künstlerin war ich vor Ort sozusagen von Nutzen, weil ich international und somit kein Teil des nationalen Konflikts bin, der lokal ausgetragen wird.

Irland, Ghana, Rumänien, USA ... Sie kennen das Landleben in ganz unterschiedlichen, weit entfernten Gegenden der Welt.

Und wir stellen das Universale im Lokalen fest – von Orten und Menschen, die geografisch Tausende Kilometer voneinander entfernt sind. Solche ländlichen Akteure und Akteurinnen wollen wir miteinander vernetzen. Letzten Endes suchen wir ein Verständnis davon, wie alles miteinander verbunden ist. Interdependenz ist uns als Begriff sehr wichtig, auch zwischen Stadt und Land. Das eine kann nicht ohne das andere. Wir sprechen da vom „Translokalen“: Natürlich gehen wir mit größtem Interesse und Vorsicht an das Lokale heran. Wir fragen: Was wird hier als wichtig wahrgenommen? Was gibt es vor Ort an Kultur, Tradition, Potenzialen? Auf der anderen Seite sind wir sehr kritisch gegenüber dem Sich-Verschließen im Lokalen – nach dem Motto „Unser Dorf ist das beste!“. Uns geht es darum, das, was lokal wichtig ist, in Bezug stellen zu können und zu wollen, sei es in Bezug zum sogenannten Fremden oder zu etwas Neuem. Der ländliche Raum ist wie alles andere von Veränderung geprägt, und wir wollen, dass der ländliche Raum hier mehr Eigenbestimmung und Stimmrecht bekommt, um aus der eigenen erkannten Diversität heraus Entscheidungen zu treffen.


Über Kathrin Böhm, Myvillages

GfZK Leipzig, Foto: Julia Rößner

Myvillages wurde 2003 von Kathrin Böhm (UK/DE), WapkeFeenstra (NL) und Antje Schiffers (DE) gegründet und setzt sich für ein neues Verständnis des Ländlichen als ein historischer und zeitgenössischer kultureller Produktionsort ein. Die Künstlerinnen haben einen ländlich geprägten Hintergrund, aber ihre Heimat in der Kunst. Sie verbinden Communitys, Individuen sowie Räume über ihr nicht-nationales, translokales Konzept des Ländlichen (siehe myvillages.org).