Privacy Reloaded: Big Data und die Folgen

Das Recht auf Privatsphäre ist ein Auslaufmodell, das Prinzip der Openness definiert das Private neu. In den kommenden Jahren wird sich ein neues Datenrechtsbewusstsein formieren.

Von Janine Seitz

© Rynio Productions / Fotolia.com

Stellen Sie sich folgendes schon heute lebbare Szenario vor: Sie wachen des Morgens auf und erfahren umgehend, dass Ihr Sohn den Abend nicht mit den Kumpels, sondern seiner neuen Freundin verbracht hat. Das meldet Ihnen Facebook, das die privaten Nachrichten Ihres Sohnes für Sie als Erziehungsberechtigten scannt. Sie sprechen ihn am Frühstückstisch nicht darauf an, weil Sie seine Intimsphäre nicht verletzen wollen. „Ich war ja auch mal jung“, denken Sie, „außerdem hat er ja nichts Verbotenes getan.“ Auf dem Weg zur Garage treten Sie fast in einen Hundehaufen – Deutsches Datenschutzrecht: „überreguliert, zersplittert, unübersichtlich, widersprüchlich“ Glück gehabt. Die Überwachungskamera zeigt eindeutig, dass Ihr Nachbar wieder mit seinem Hund in Ihrem Vorgarten unterwegs war. Sie steigen schlecht gelaunt ins Auto. Auf dem Weg zur Arbeit spielt die Multifunktionsanlage auf Ihre Stimmung angepasst Musik – im Büro angekommen pfeifen Sie Ihr Lieblingslied. Am Nachmittag gehen Sie joggen, Ihr Smartphone kontrolliert dabei Herzfrequenz sowie Sauerstoffgehalt im Blut und weist Sie an, Wasser zu trinken. Ihre Jogging-Ergebnisse werden automatisiert in Ihrer persönlichen Gesundheitscloud abgelegt, auf die Ärzte Ihres Vertrauens Zugriff haben. Klingt realistisch? Oder wie eine Schreckensvision?

Die vielschichtigen deutschen Facetten von Privacy

Im Deutschen unterscheiden wir zwischen Privatheit, Privatsphäre und Datenschutz. Das Englische kennt nur ein Wort dafür: Privacy. Hier verhält es sich ähnlich wie mit den sprichwörtlich vielen Bezeichnungen der Inuit für die Farbe „Weiß“: Je mehr ein Phänomen untersucht wird, desto mehr Facetten tun sich auf und desto mehr Wörter müssen gefunden werden, um Nuancen (die aber den entscheidenden Unterschied machen können) zu beschreiben.

Privatheit bezieht sich ursprünglich auf das Eigentum, welches für das Leben eines Menschen notwendig ist, z.B. der eigene Haushalt. Ist im „Privaten“ alles in Ordnung, kann der Mensch in die öffentliche Sphäre übergehen. Privatheit ist das Gegenteil von Öffentlichkeit. Die Philosophin Hannah Arendt sieht diese klare Trennung in Privatheit und Öffentlichkeit seit der Neuzeit nicht mehr. Die Privatsphäre ist ein Menschenrecht. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 postuliert: „Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.“ (Artikel 12) Der Schutz der Privatsphäre ist Teil des Liberalismus und in der Verfassung vieler demokratischer Staaten verankert.

In Deutschland ist die Privatsphäre durch das Grundgesetz abgesichert, das die freie Entfaltung der Persönlichkeit garantiert. Dieses Persönlichkeitsrecht sichert dem Menschen einen Bereich zu, in dem er sich frei bewegen kann, ohne dass dritte Personen über sein Verhalten in Kenntnis gesetzt werden. Beobachten oder gar Abhören sind tabu. Durch die Gesetze zur „Unverletzlichkeit der Wohnung“ und zum „Post- und Fernmeldegeheimnis“ wird der Schutz der Privatsphäre zudem unterstützt. In den USA wird die rechtliche Grundlage der Privatsphäre aus dem 4. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten abgeleitet: „Das Recht des Volkes auf Sicherheit der Person und der Wohnung, der Urkunden und des Eigentums vor willkürlicher Durchsuchung, Festnahme und Beschlagnahme darf nicht verletzt werden.“

Der Begriff des Datenschutzes ist relativ neu und entstand erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts: Der Schutz personenbezogener Daten wird in Deutschland nicht im Grundgesetz, sondern im Landes- und Bundesrecht geregelt. Datenschutz wird als „Recht zur informationellen Selbstbestimmung“ und als „Persönlichkeitsrecht bei der Verarbeitung personenbezogener Daten“ definiert. Obwohl in Deutschland durch Gesetze geregelt, ist das Datenschutzrecht in Zeiten fortschreitender Globalisierung eine verworrene Angelegenheit. Die Gesetze in Deutschland gründen noch immer auf den Datenschutzkonzepten der 70er-Jahre, trotz einiger Novellierungen konnte die Gesetzeslage nicht mit den technischen Entwicklungen und Möglichkeiten der Datenverarbeitung mithalten. Der Rechtswissenschaftler Alexander Roßnagel beschreibt das deutsche Datenschutzrecht als „überreguliert, zersplittert, unübersichtlich und widersprüchlich“.

In der Grundrechtecharta der EU, die mit dem Vertrag von Lissabon 2009 in Kraft trat, wird das „Recht auf Schutz von personenbezogenen Daten“ verbindliches Recht. In den USA dagegen existieren keinerlei allgemeingültige Gesetze zum Datenschutz – lediglich in Kalifornien gilt der „California Online Privacy Protection Act“ – und keine unabhängige Datenschutzaufsicht. Internationale Regelungen sind ebenfalls nicht bindend, sondern lediglich Empfehlungen, wie die „OECD Guidelines on the Protection of Privacy and Transborder Data Flows of Personal Data“. Die Regelungen zum Datenschutz sind folglich weltweit uneinheitlich: Europa entwickelt sich gerade zum sicheren Datenschutzhafen. In den USA dagegen wird eine umfassende Regelung des Datenschutzes weitgehend abgelehnt, da sie mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung kollidiere.

Jenseits der rechtlichen Grundlagen ist der gesellschaftlich verankerte und das Zusammenleben ermöglichende Aspekt von Privacy für das Individuum von existenzieller Bedeutung. Die Social-Media-Forscherin Danah Boyd beschreibt Privacy als das kollektive Verständnis von den Grenzen einer sozialen Situation und das Wissen darüber, wie man mit diesen Grenzen umgeht. Privacy bedeutet, Kontrolle über eine Situation zu haben, dazu gehört, dass man das Publikum erkennt und weiß, wie sich Informationen verbreiten. Bekannten Personen, Situationen und Umgebungen wird Vertrauen entgegengebracht. Menschen brauchen Privacy, um sich zu öffnen, verwundbar zeigen zu können und um Unterstützung, Wissen und Freundschaft anstreben zu können. Privacy ist weder ausschließlich die Kontrolle über Daten noch deren Besitz. Sie wird allerdings in dem Moment verletzt, in dem Daten aus ihrem Kontext gerissen werden.

Eine kleine Geschichte der Privacy

In der Antike galt Öffentlichkeit als Privileg. Schon Aristoteles teilte das Leben in zwei Bereiche: das Private und das Öffentliche. Der Mensch braucht die Gemeinschaft im Haus, wird aber erst vervollständigt durch das öffentliche Leben in der „Polis“. Doch nur wessen Privates im Einklang ist, hat die privilegierten Möglichkeiten, sich dem öffentlichen Leben zu widmen. „Stolz waren die Römer nicht so sehr aufs Private, sondern eher auf ihre res publica“, schreibt der Blogger und Autor Christian Heller. Je mehr Ämter ein Römer bekleidete, je bekannter der Name einer Familie war, desto angesehener und ehrenhafter waren diese Bürger im römischen Staat.

Im Mittelalter gewann der Rückzug in die private Gemeinschaft an Bedeutung. Die Menschen suchten gemeinsamen Schutz in Burgen und hinter Stadtmauern; das Christentum forderte zwar, Die Demokratisierung der Privatsphäre trat erst im 20. Jahrhundert auf den Plan den Blick nach innen zu richten, aber eine individuelle Privatsphäre kannte man nicht. Erst mit dem langsamen Entstehen einer bürgerlichen Gesellschaft ab dem 17. Jahrhundert wurde die Privatsphäre zum sicheren Hafen und Rückzugsort für die Familie. Die Zimmer waren nicht mehr Multifunktionsräume, sondern wurden klar unterschieden zwischen Wohn- und Essbereich sowie Schlafbereich. In Zeiten des Biedermeier wurde das traute Heim zum Idyll schlechthin. Ganz klar waren die Grenzen abgesteckt: Der Mann bewegte sich im öffentlichen Bereich, die Frau wachte über das Private. Privatsphäre wurde ab dato mit einem Hauch des Geheimen versehen: Man hatte Angst vor Eindringlingen in den geschützten Ort und vor dem Öffentlichmachen von Geheimnissen, die den Bereich des Privaten nicht verlassen sollten.

Der englische Philosoph und Ökonom John Stuart Mill, einer der wichtigsten Denker des Liberalismus im 19. Jahrhundert, definiert Privatsphäre als „Raum frei von staatlicher und sozialer Kontrolle und öffentlichem Druck, in dem das Individuum seine Persönlichkeit frei entfalten kann“. Der Artikel „The Right to be let alone“ der US-Anwälte Samuel Warren und Louis Brandeis aus dem Jahre 1890 legte den Grundstein für das Recht auf Privacy in den USA: Sie beschrieben die Privatsphäre als Freiheit von inneren und äußeren Zwängen. Doch die Privatsphäre war nicht der Ort, in dem man anders sein konnte. Auch die Freiheit folgte strikten Regeln.

Die Demokratisierung der Privatsphäre trat erst im 20. Jahrhundert auf den Plan. Das Recht auf Privatsphäre wurde nun auch der Unterschicht gewährt und Frauen verließen das Heim, um zu arbeiten. Privatsphäre wurde außerdem zu Zeiten des Kalten Krieges als Freiheit des Einzelnen und dessen Selbstbestimmungsrecht definiert und klar als Ideologie der Demokratie gegen die Überwachungsstaaten des Ostens aufgeführt. Mit gemischten Gefühlen wurde in Deutschland die Rasterfahndung gegen die RAF-Mitglieder aufgenommen. Als 1987 eine Volkszählung durchgeführt werden sollte, wurde das als Eingriff in die Privatsphäre empfunden und es regte sich starker Widerstand in der Bevölkerung: Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung war geboren.

Seit der Jahrtausendwende wird die Privatsphäre vor allem unter dem Aspekt des Datenschutzes diskutiert. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 führten weltweit in den liberalen Ländern zu Einschränkungen der Privatsphäre des Einzelnen durch den Staat. Die Regierungen begründen vermehrte Datenspeicherung (in Deutschland z.B. die Anti-Terror-Datei) mit einer Bedrohung der öffentlichen Sicherheit.

Big Data: Die Verdatung der Welt

Seit gut 100 Jahren werden Daten gesammelt. Neu ist Big Data: Die Vernetzung via Internet macht den großen Unterschied. Unendlich viel mehr Daten entstehen und können durch ihre Korrelation bis dahin völlig unmessbare Zusammenhänge erzeugen. Big Data bezeichnet im Gegensatz zu Open Data nicht Daten, die für die Öffentlichkeit von allgemeingültigem Interesse sind, sondern personenbezogene Daten. Das sind Daten, die auf eine spezifische identifizierbare Person zurückzuführen sind Big-Data-Mining folgt dabei vorwiegend privatwirtschaftlichen Interessen.

Mit fortschreitender Demokratisierung öffentlicher Daten geht auch eine Entfesselung der privaten Daten einher, da zwischen öffentlich und privat immer weniger klar differenziert werden kann. “Das Zeitalter der Privatsphäre ist vorbei”: Facebook ist das perfekte Tool zur Verdatung des Lebens Jeden Tag sendet die Menschheit zehn Milliarden Text-Botschaften und eine Million Posts in sozialen Netzwerken oder Blogs. Mit sechs Milliarden Mobilfunkverträgen weltweit lässt sich so gut wie jeder Mensch via Mobiltelefon orten. Neben Handys und Web-Applikationen sammeln auch Autos, Händler mit Bonusprogrammen, medizinische Geräte etc. unsere Daten. Bis 2015 sollen eine Billion Devices mit dem Internet vernetzt sein – und Daten austauschen.

Der Grund für die emotional aufgeladenen Diskussionen um Privatsphäre und Öffentlichkeit ist die Sammlung und Verwendung von Daten im Umfeld von Big Data: Die Tatsache, dass die Datenmenge persönlicher Daten stetig wächst, aber es noch keine klaren ethischen, rechtlichen und moralischen Richtlinien gibt, wie mit diesen Daten umgegangen werden soll. Inhalte werden aus dem Kontext gerissen und mit dem Label „Daten“ versehen. Nicht alles, was technisch möglich ist, wird kulturell akzeptiert. Und Werte und Normen sind träge: Sie verändern sich evolutionär langsamer als die technologische Machbarkeit.

Big Data – The Next Big Thing. Mark Zuckerberg legte schon vor über zwei Jahren die Strategie von Facebook offen, indem er verkündete, das Zeitalter der Privatsphäre sei vorbei. Facebook sammelt, für jeden offensichtlich, alle nur erdenklichen Daten über seine Nutzer. Facebook-Nutzer nehmen diese Tatsache mehr oder weniger zähneknirschend hin, weil der persönliche Nutzen die Bedenken weitgehend übertrifft. Facebook ist das perfekte Tool zur Verdatung des Lebens, das machte zuletzt die Einführung der Timeline klar und deutlich. Alte Bekannte wiederfinden, mit Freunden in Kontakt bleiben, sich selbst darstellen, vom letzten Urlaub erzählen – und das bitte alles unter der „wahren“ Identität. Facebook ist nichts für Trolle und Sockenpuppen. Und doch finden wir sie dort: 83 Millionen der 955 Millionen monatlich aktiven Nutzer sind Fakes oder Duplikate. Aus diesem Grund werden Nutzer gefragt: „Ist dies der echte Name deines Freundes?“ Und aufgefordert, ihren vollständigen Namen anzugeben. Big Data hat wenig Sinn ohne authentische Bezüge. Grund ist die Beschwerde von Werbetreibenden auf Facebook, die erzeugten Klicks seien nicht „echt“.

Mit der Allgegenwart von Smartphones und den fleißigen Datensammlern, die sich Apps nennen, sind wir auf dem besten Wege zum „Quantified Self“, einem quantifizierten Menschen, der sein Verhalten über Self-Tracking und Feedbackschleifen kontrollieren und korrigieren kann. Ganz klar steht bei deren Verwendung der persönliche Nutzen und Spaß im Vordergrund. Games sind die perfekten Datengeneratoren.

Juli Zeh, Co-Autorin von „Angriff auf die Freiheit“, sieht einen klaren qualitativen Unterschied zwischen wirtschaftlicher und staatlicher Datennutzung: „Vielleicht wissen die mehr über uns als der Verfassungsschutz, aber man muss unterscheiden – nicht Google fährt im Zweifel mit einem Auto vor und verhaftet einen. Sondern der Staat.“ Doch was, wenn sich der privatwirtschaftliche Datensammler als Komplize des Staates erweist? Wie im Falle eines analysierten Chatprotokolls zwischen einem über 30-jährigen Mann und einem minderjährigen Mädchen. Facebook meldete deren Verabredung an die örtlichen Behörden und der Mann wurde von der Polizei festgenommen. Ein soziales Netzwerk als Detektiv?

Die US-Regierung machte Big Data im März 2012 zur Chefsache: Mehr als 200 Millionen US-Dollar werden in Tools und Techniken für den Zugang, die Organisation und Analyse großer Mengen an Big-Data-Beständen investiert. Universitäten in den Vereinigten Staaten entwickeln neue Studiengänge, die Datenanalysten ausbilden sollen.

Eine große Aufgabe der nächsten Jahre wird es sein, kulturell akzeptierte Richtlinien im Umgang mit Big Data zu entwickeln, die sowohl die Interessen von Unternehmen vertreten als auch die Rechte der Person hinter den Daten schützen. Data-Mining ist kein Selbstzweck. Nicht die Quantität an Daten ist entscheidend, sondern die Qualität. Sampling – das Verwenden von Daten in neuen Kontexten – wird zum wichtigen Element der Datenanalyse und birgt gleichzeitig eine der größten Gefahren der falschen Interpretation der Daten. Denn Big Data ist nicht rein, generisch und allgemeingültig. Bereits in der Datenerzeugung können Ungleichgewichte entstanden oder spezielle Filter gesetzt worden sein. Die generierten Daten wurden von einem Menschen erzeugt, der Vorlieben hat, aber auch Interessen verfolgt. Big Data legt nur offen, was die Personen tun, aber nicht, warum sie es tun.

Daten-Transparenz als neue Form der Demokratie?

Der Staat, der zwar einerseits die persönliche Freiheit mit Gesetzen schützt, ist andererseits auch ihr größter Feind, und das schon, seit es die bürgerliche Gesellschaft gibt. Seitdem sorgt die Ambivalenz staatlicher Macht für Kontroversen. Nun tritt die Wirtschaft zusätzlich als Bedrohung auf den Plan. Sie greift zwar nicht direkt in den privaten Raum ein, sammelt aber persönliche, für privat erachtete Daten über Menschen. Datenschützer bringt diese Wendung in ein Dilemma: Der Staat, der einstige Big Brother, wird nun aufgefordert, mit Gesetzen und Richtlinien Mitstreiter im Schutz der Privacy zu werden.

Zwei Meinungslager zur Privacy-Debatte, aufs Tiefste verfeindet und festgefahren, liegen im Wettstreit miteinander. Die Privacy-Verfechter finden sich hierzulande vor allem auf juristischer und staatlicher Seite, auch die kritischen wie populistischen Massenmedien gerieren sich gerne als Verteidiger von persönlicher Freiheit und Datensparsamkeit. Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und Informationsfreiheit, Peter Schaar, fordert weltweit gültige Datenschutzgesetze, die auf die Agenda der UNO gesetzt werden sollen.

Im Wenn jeder jeden überwacht, dann kontrollieren nicht nur die Großen die Kleinen, sondern auch die Kleinen die Großen Nachhinein wird versucht, dem Netz, in dem Datenströme längst frei fließen, Wege und Richtungen vorzugeben. Heute geht es dem Datenschutz darum, Antworten auf die Frage zu finden: „Wie kann ich beschränken, welche Pfade ,meine‘ Daten im Netz einschlagen und was mit ihnen geschieht?“, schreibt Christian Heller in „Post-Privacy“. Weitere Forderungen: Gesetzliche Neuregelungen reichten zum Schutz der Privatsphäre nicht aus, der Schutz solle bereits in der Technologie angelegt sein. Informationstechnologien sollten erst nach einer Prüfung auf Vereinbarkeit mit der Privatsphäre auf den Markt kommen dürfen. Der Kopierschutz von DVDs und CDs ist eine solche technische Beschränkung. Auch dass iTunes oder das eBook-Lesegerät Kindle nur ordentlich erworbene Dateien abspielen, ist eine Form des „Trusted Computing“. Doch jegliche Verschlüsselung spornt Hacker an, den Code zu knacken und frei im Netz zu verbreiten.

Viviane Reding, Mitglied der Europäischen Kommission für Justiz, Grundrecht und Bürgerschaft, erläuterte bei einer Rede, 72 Prozent der Europäer seien besorgt, ihre personenbezogenen Daten könnten missbraucht werden. Die Angst, Datentransparenz könnte zu einem Überwachungssystem in Form eines Foucaultschen Panoptikums führen, ist in Deutschland tief verankert durch NS-Diktatur und den Stasi-Apparat der DDR. Die Stimmung in den USA ist entspannter. Eine neue Studie vom Berkeley Center for Law and Technology belegt, dass US-Amerikaner glauben, deutlich mehr Privatsphäre bei der Nutzung eines Mobiltelefons zu haben, als es tatsächlich der Fall ist.

Die fleißig und massenhaft über Social Media gesammelten Daten gelten derweilen jenseits des Atlantiks als das neue Gold der Unternehmen. Doch während Unternehmen meist noch gar nicht wissen, wie sie sinnvoll und effektiv mit den Big-Data-Bergen umgehen, regen und mobilisieren sich nun auch in den USA Privacy-Verfechter. Die derzeitige weltweit gültige Unterregulierung des Data-Minings – befeuert durch die „Big Bad Four“, Amazon, Google, Facebook und Apple –, aber auch die absehbar auf längere Sicht unvereinbaren Positionen zwischen der Datenschutzbastion Europa und der Goldgräbereinstellung in den USA, machen ein baldiges Ende der Privatsphäre, so wie sie hierzulande gemeinhin verstanden wird, plausibel. In Deutschland wird diese These aktuell vor allem von Christian Heller, Autor von „Post-Privacy. Prima leben ohne Privatsphäre“ unterstützt. Ein Vorreiter des Post-Privacy-Gedankens ist der Physiker und Science-Fiction-Autor David Brin, der bereits 1998 die transparente Gesellschaft beschrieb. Die totale Vernetzung und die Möglichkeiten zur Datensammlung und -analyse durch die Informationstechnologien führten zwangsläufig zu einer Überwachungsgesellschaft und zum Ende der Privatsphäre. Doch so paradox es auf den ersten Blick klingen mag, das Ende der Privatsphäre bringt seines Erachtens nicht das Ende der individuellen Freiheit. Denn wenn jeder jeden überwacht, dann kontrollieren nicht nur die Großen die Kleinen, sondern auch die Kleinen die Großen. Transparenz schafft eine neue Form der Demokratie.

Die Crowd sorgt für Kontrolle von unten. Ein Beispiel: Mit Hilfe seiner 1,4 Millionen Twitter-Follower fand der Journalist David Pogue sein gestohlenes iPhone wieder. Bevor er den Aufruf zur gemeinsamen Jagd twitterte, hatte er versucht, das Mobiltelefon über die App „Find my iPhone“ ausfindig zu machen. Er gibt seinen Followern den von der App gemeldeten aktuellen Standort seines iPhones auf einer Google-Map mit auf den Weg. Die Reaktionen reichen von Beschreibungen der Gegend bis zu Bloggern, die Streetview-Fotos vom Haus posten. Die örtliche Polizei schaltet sich ein, beginnt sogar die Gegend abzusuchen. Schlussendlich wird das iPhone von zwei Polizisten gefunden. Das Beweisfoto wird von der Pressestelle der zuständigen Polizeibehörde getwittert.

Ein neuerer Begriff in diesem Zusammenhang ist die Publicness, eine Mischung aus aktiv gewählter Öffentlichkeit und Privacy. Verfechter sehen sie als Möglichkeit, vom Individuum aus gesellschaftliche Zusammenhänge neu mit Sinn aufzuladen. Wer als Individuum erkennt, dass andere Fehler machen, erfährt Öffentlichkeit als Entschärfung des Mythos der Perfektion. Publicness soll so Raum schaffen, aus Fehlern zu lernen, in der politischen Meinungsbildung oder in Bereichen wie Bildung und Verwaltung. Openness kann so Veränderungen beschleunigen.

Anonymität als neues Privileg

Wikileaks bietet die Plattform, geheime Staatsdokumente anonym der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Fall des „Collateral Murder“-Videos verdeutlicht auf schmerzliche Weise, was passiert, wenn sich unbefugte Bürger in „Top Secret“-Angelegenheiten der Regierungen Das Private ist in Zukunft keine Selbstverständlichkeit, die rechtlich abgesichert ist, sondern muss aktiv erzeugt und erhalten werden einmischen. Die US-Regierung erklärte den Informationslieferanten zum Staatsfeind und setzte alle Hebel in Bewegung, ihn zu enttarnen. Keiner war mehr in der Lage, den Whistlerblower Bradley Manning – ein junger Soldat der US-Armee im Irakkrieg – zu schützen, weder Wikileaks noch sein Recht auf Privatsphäre. Das zeigt, welche Risiken die Forderung totaler Transparenz in einem übermächtigen Staatsapparat herbeiführen kann. Gerade Anonymität wird daher zu einem wichtigen Komplementärkonzept einer vernetzten Gesellschaft, die auf Transparenz setzt.

Das Private ist in Zukunft keine Selbstverständlichkeit, die rechtlich abgesichert ist, sondern muss aktiv erzeugt und erhalten werden. Global gültige Datenschutzgesetze wird es nicht geben, zu sehr bestimmen wirtschaftliche Interessen das Geschehen und zu unterschiedlich ist die Rechtslage der einzelnen Nationen. Der Begriff der „informationellen Selbstbestimmung“ wird sich wandeln vom Zurückhalten seiner Daten hin zu einer verantwortungsbewussten Selbstkontrolle der personenbezogenen Daten.

Jeder muss Verantwortung für sein Tun und Handeln übernehmen und sich der Folgen bewusst sein: Wo verläuft die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Exhibitionismus? Menschen zerreißen selbst „die zarte Membran zwischen dem privaten Ich und dem öffentlichen Selbst“, schreibt der Autor Mark Dery in seinem Blog über die Gefahr des Oversharing. Der Blogger Michael Seemann bringt an dieser Stelle das Konzept der Filtersouveränität ins Spiel: Der persönliche Suchfilter des Einzelnen setzt dabei nicht bei der Entscheidung an, ob eine Information für die Öffentlichkeit oder privat bestimmt ist, sondern was der Empfänger hören will. Das erfordert allerdings viel Verantwortung beim Rezipienten, was er durch den „Filter“ lässt und was er ignoriert.

Proaktives Datenmanagement

Jeder wird zum Kurator seiner eigenen Datenbestände. In Großbritannien arbeitet die Regierung gemeinsam mit 26 Organisationen – Unternehmen wie auch Verbraucherschutz – an der „Midata“-Initiative, die allen Personen eine Kopie ihrer gesammelten Daten zur Verfügung stellt. Grundlage dieser Initiative sind Forderungen von Nutzern zur Herausgabe ihrer Daten: Der österreichische Der Mensch ist und bleibt eine Black Box, die nicht transparent gemacht werden kann Jura-Student Max Schrems bat Facebook um seine dort gespeicherten Daten und erhielt ein 1.222-seitiges PDF. Er ärgerte sich, dass von ihm gelöschte Daten dort immer noch einsichtig waren, und gründete die Grass-Root-Bewegung „Europa versus Facebook“. Die von ihm eingereichte Klage in 22 Punkten bei der irischen Datenschutzbehörde gegen Facebook erwirkte einige Zugeständnisse seitens des Konzerns.

Nach der Medienkompetenz folgt die Datenkompetenz: Neue Formen der Anonymisierung im öffentlichen Raum entstehen, Tools und Techniken müssen aber angeeignet und selbstständig erlernt werden. Transparenz bedeutet nämlich nicht totale Überwachung des gläsernen Menschen, der auf eine klare Identität reduziert werden kann. Die Transparenz, die durch das Data-Mining entsteht, gaukelt den Menschen vor, in Zukunft werden sie nur noch eine, wahre, authentische Identität besitzen und getrennte Identitäten seien immer schwerer aufrechtzuerhalten. Diese Art von Transparenz bleibt auch in Zukunft eine fromme Hoffnung der Marketingabteilungen. Das Gegenteil wird der Fall sein: Die Identitäten der Menschen werden immer ausgeklügelter, es wird immer schwerer, sie miteinander in Verbindung zu bringen, die Vernetzung der Identitäten einer Person wird von ihr selbst bewusst gekappt. Identitätssplitter entstehen, die durch das Netz schwirren; verwaiste Profile, die schon längst verlassen wurden, Fake-Profile, die nur einem besonderen Zweck dienen, überquellende Profile der Selbstinszenierung. Der „Identitätsmüll“ im Netz wächst. Dabei wird Anonymität mehr und mehr zum Privileg für diejenigen, die die Techniken zur Verschlüsselung beherrschen oder sich Software oder Dienstleister einkaufen können.

„Do Not Track“-Buttons und Personal Data Lockers: Im Februar 2012 haben sich die großen Internetfirmen darauf geeinigt, den Einsatz eines „Do Not Track“-Buttons im Webbrowser zu unterstützen. Ein noch größerer Markt erschließt sich rund um Verschlüsselungsprogramme für die persönlichen Daten. Startups wie Personal.com, Singly oder Connect.me garantieren das sichere Verschlüsseln der Daten. „The killer app isn’t here yet”, gesteht William Hoffman, der für das World Economic Forum zur Ökonomie von personenbezogenen Daten forscht, in einem Interview mit der New York Times. „I’m willing to bet that within the next 12 months something big will catch on.”

Die anonyme Netz-Bohème lässt wieder viele Spielarten des rechtsfreien Internets aufblitzen: Als Cyberflaneure lassen sie sich treiben, jenseits aller Algorithmen, die sie berechnen und auswerten, immer auf der Suche nach Zufällen, dem Verborgenen und Geheimnisvollen. Wer ich bin und was ich suche, tritt in den Hintergrund, wird gar bedeutungslos. Die inflationäre Verwendung personenbezogener Daten sowie die automatisierte Generierung von Nutzerprofilen führen die menschliche Identität wieder zu ihrem Kern zurück: auf die Unberechenbarkeit menschlichen Denkens, Handelns und Verhaltens. Der Mensch ist und bleibt eine Black Box, die nicht transparent gemacht werden kann.

Auch wenn wir uns in Zukunft ein Stück weit vom Datenschutz verabschieden müssen, eröffnen sich doch neue Spielarten der Privacy. Sie liegen in der Verantwortung jedes Einzelnen. Denn nur, wenn der Einzelne sich in seiner Privatsphäre sicher fühlt, fällt es ihm auch leicht, transparent zu sein. Ansonsten bleibt die Neue Offenheit eine Illusion oder verkommt zur totalen Transparenz.

Quelle: Studie “Power of Openness” 

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Janine Seitz

Die studierte Kulturanthropologin ist seit 2008 Redakteurin des Zukunftsinstituts. Ihr Fokus: die Zukunft des Handels, Digitalisierungstrends und Global Sustainability. Als Projektleiterin verantwortet Seitz die inhaltliche Koordination der Branchen-Reports.