Die neue Theorie der X-Events

Ein neues Denkmodell beschäftigt sich mit Super-Katastrophen, die die gesamte menschliche Zivilisation von innen bedrohen können.

Quelle: Trend Update 12/2012

Bunte Bilder/ Fotolia

In Brian D’Amatos Maya-Untergangs-Epos „2012 – das Ende aller Zeiten“ wird der Untergang der Menschheit von einem Nerd hervorgerufen, der die Menschheit für eine Art Krankheit der Erde hält, die es zu eliminieren gilt. Madison Czerwick, ein genialischer Bio-Hacker, entwickelt aus dem Bakterium Brucella abortus eine biotechnische Mega-Waffe. Der überaktive, hyperintelligente, depressive und extrem gestörte Madison verändert den Keim in einem Gen-Labor so, dass er immer wieder die Mensch-Tier-Schranke überspringen kann. Er konditioniert ihn auf überschnelle Vermehrung, Resistenz gegen Desinfektionsmittel, asymptomatische Ansteckung und einen „Präzisions-Nanotimer“, der alle Infizierten im selben Moment das Vollbild der tödlichen Krankheit entwickeln lässt. Da das Brucella-Bakterium lange in der Luft überleben kann und sogar durch die Haut hindurch Menschen sind prinzipiell blind gegenüber den wirklichen Risiken und Gefahren infektiös wirkt, ist auch jede Form der Quarantäne zwecklos.

Könnte ein solches Szenario jemals Wirklichkeit werden? Superkillerviren nicht aus dem All – sondern aus menschlicher Produktion? Haben wir eine realistische Ahnung von den Gefahren, die unsere inzwischen weltweite Zivilisation bedrohen? Mit solchen Fragestellungen beschäftigt sich die „X-Event“-Forschung. X-Events, vom englischen „eXtreme Events“, sind Katastrophen, die ihren Ausgangspunkt nicht (oder nur am Rande) in Naturereignissen haben. Erfunden und geprägt wurde der Begriff von dem in Wien lebenden amerikanischen Systemforscher John Casti.

X-Events: Massive Störfälle im System

Schon seit vielen Jahren beschäftigt sich die Zukunftsforschung mit „Wild Cards“, den Katastrophen-Zufällen, die den Gang der Geschichte verändern könnten. Wie bei einem Kartenspiel werden „Joker“ identifiziert, die den Verlauf der Zukunft komplett umstürzen könnten. Das können Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüche oder Kometeneinschläge sein, die plötzliche Erfindung von Super-Technologien, die Landung von Aliens oder das Auftauchen von Schwarzen Löchern. Die Arbeit mit Wild Cards blieb bislang jedoch eher auf die Kategorie „fröhliches Raten“ beschränkt.

Kurz nach der großen Bankenkrise brachte der Börsenspekulant Nassim Nicholas Taleb 2009 seine Schwarzer-Schwan-These auf den Markt. Menschen, so Taleb, sind prinzipiell blind gegenüber den wirklichen Risiken und Gefahren, in denen sie schweben. Mittels Erkenntnissen der Kognitionspsychologie wies Taleb nach, dass wir die wirklichen Verläufe, die zu Krisen führen, niemals voraussehen können. Denn wir sind in einer „cognitive bias“ gefangen, einem Tunnel-Wahrnehmungssystem, das uns immer wieder eine Linearität suggeriert, die gar nicht existiert. In den massiven Unsicherheitsgefühlen nach der Finanzkrise waren solche Thesen faszinierend – und in gewisser Weise entlastend. Aber weder die Eurokrise noch die Bankenkrise 2008 waren tatsächlich unvorhersehbar. Es gab durchaus Experten, die vor einem solchen Szenario gewarnt hatten.

John Castis X-Event-Begriff geht eine Stufe weiter. Casti nutzt Erkenntnisse der Systemtheorie, um sich der Wahrscheinlichkeit und Anatomie großer Krisen zu nähern. Unfälle oder einzelne Ereignisse sind hier nur Teil einer größeren Ereigniskaskade. Ein relativ kleiner Ausgangsevent kann gigantische Auswirkungen haben. Während der Planet – Ökonomie, Kultur, Kommunikation – zu einem immer komplexeren Gesamtsystem zusammenwächst, können kleine Störungen gewaltige Wirkungen hervorrufen. Der berühmte Schmetterlingseffekt lässt grüßen. Im Zentrum von Castis Theorie steht die Diagnose wachsender Komplexitäts-Lücken („complexity mismatch“):

  • Die Lücke zwischen Bürgern und Staat
  • Die Lücke zwischen Individuum und Ökonomie
  • Die Lücke zwischen Ich und Internet
  • Die Lücke zwischen Zentrum und Peripherie
  • Die Diskrepanz zwischen kontrollierendem System und kontrolliertem System

Die Reihe könnte man weiterführen: Zwischen Management und Mitarbeitern, Regierung und Gesellschaft, „Brüssel“ und „europäischen Bürgern“. Diese Lücken können, so Castis Vermutung, zu tektonischen Linien werden, in denen sich Auslöseereignisse chaotisch verstärken. Beispiel Eurokrise. Beispiel Finanzkrise. Beispiel arabischer Frühling, dessen Ausgang wir heute noch nicht kennen.


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Einen ähnlichen Analyse-Ansatz verfolgt der Komplexitätsforscher John Brodie Donald mit seinem Begriff der Katataxie. Das Wort setzt sich aus kata – nieder, Niedergang, wie in Katastrophe – und taxos – Ordnung – zusammen. Die Griechen kannten auch das Wort Katharsis dafür.

Stellen wir uns die Welt als eine Art russische Puppe vor. Von innen nach außen entstehen dabei immer komplexere Ordnungssysteme:

  • Individuum – Familie – Clan/Sippe – Kultur/Gesellschaft – Nation – Staat – Kontinent/Allianz – Menschheit.
  • DNA – Zelle – Immunsystem – Organismus – Gruppe/Spezies – Ökosystem – Biosphäre – Kosmos.
  • Higgs-Partikel – Quark – Atom – Molekül – Ding – Struktur – Welt.

Jede der Ebenen beinhaltet jeweils eine Vielzahl der darunterliegenden Elemente. Und mit jeder Ebene steigt die Komplexität, die Anzahl der Subsysteme, Knotenpunkte und Vernetzungen. Familien setzen sich aus Individuen zusammen, X-Events sind Systemkrisen bilden einen „Clan“ (modern: „Verwandtschaft“), der wiederum Teil einer Kultur ist. Aus Kulturen bilden sich Nationalstaaten, die sich in Globalisierungsprozessen vernetzen. Solange die verschiedenen Ebenen geordnet („synchronisiert“) bleiben, sind die Systeme im Gleichgewicht. Aber bei steigender Komplexität entwickeln sich immer mehr Spannungen zwischen den einzelnen Ebenen.

  • Zum Beispiel der provokative Anti-Mohammed-Film auf YouTube, der zu massiven Unruhen führte. Hier geraten zwei grundlegend unterschiedliche Kulturebenen in Konflikt. In der islamischen Kultur werden alle religiösen Aussagen wörtlich genommen und als Machtfragen interpretiert, während in einer westlichen Medienwelt der Umgang mit Provokation, Brechung, Kritik, Zynismus und Blasphemie Teil des kulturellen Systems ist.
  • Wenn die DNA in der Zelle im Rahmen des Organismus ihren Job tut, ist das Individuum gesund. Wenn jedoch bestimmte Ordnungsebenen, wie das Immun- und Stresssystem, nicht funktionieren, wird der Körper krank. Wenn sich die Störung bis hinunter auf die DNA-Ebene erstreckt, entsteht Krebs. Krebs ist der „X-Event“ des Körpers.
  • Bei einer Ehekrise kommt es immer zu einem Konflikt zwischen verschiedenen Ebenen der Paarbeziehung. Eine Ehe ist ja immer eine Vielfalt von Kontrakten: erotisch, sexuell, sozial, ökonomisch, reproduktiv, emphatisch.

Katataxien – oder X-Events – sind also Systemkrisen, die durch Spannungen und Konflikte zwischen den unterschiedlichen Ordnungsebenen der Komplexität entstehen. Da unsere Welt ständig vernetzter wird, steigt die Möglichkeit dazu ständig an. Das muss noch nicht einmal immer schlecht sein. John Casti schreibt in seinem Buch: „An X-Event is the vehicle by which a disparate level of complexity between two (or more) systems in competition or even cooperation is narrowed.“ Wie ein Erdbeben die Spannungen der Erdkruste ausgleicht, können Krisen und Katastrophen die Dinge „zurechtrütteln“.

9/11: Ein klassischer X-Event?

Als ein typisches Beispiel für einen X-Event kann der Terroranschlag vom 11. September 2001 gelten. In den ersten Tagen nach dem schockierenden Massenmord schien, wie es in vielen Zeitungen hieß, „die Weltgeschichte ihre Grundrichtung geändert“ zu haben. Aber gerade die direkt vom Attentat getroffene Stadt erholte sich viel früher als erwartet. Obwohl drei Millionen Tonnen Stahl und Gestein an einem der Verkehrsknotenpunkte der Stadt niedergingen, dabei ein Hauptgebäude der Telekommunikation (das Verizon Building an der 140ten Straße) und den Not-Kommando-Bunker der Stadtbehörden zerstörten, blieb die Infrastruktur der Stadt stets aktionsfähig. Noch am Abend des 11. September konnte man in fast ganz Manhattan eine Pizza bestellen, ein Taxi bekommen, die Elektrizität funktionierte, die Restaurants und Bars waren geöffnet, die Müllabfuhr funktionierte in den nicht unmittelbar zerstörten Stadtteilen. Es kam kaum zu sozialen Unruhen oder Gewalt. Die Stadt verwandelte sich schnell in eine Trauer- und Aufräumgemeinschaft. Eine Woche nach dem 11. September eröffnete die Wall Street wieder.

Das Groß-Attentat ist ein Beispiel für die Resilienz von Systemen. In diesem Fall urbaner Systeme. Städte sind gewachsene Selbstorganisationen – ein Grund, weshalb man sie auch nicht auf dem Reißbrett planen kann, wie es immer wieder versucht wurde. Heute ist New York unter seinem Bürgermeister Michael Bloomberg auf dem Weg zu einem Große Katastrophenereignisse sind Evolutionsbeschleuniger für Amerika ungewöhnlichen Solidarpakt. Eine grünere, rücksichtsvollere, gesündere Stadtkultur soll entstehen, inklusive des Verbots von Kalorienbomben, und die Mehrzahl der Bürger findet dieses Projekt positiv. Hat dieses „Zusammenrücken“ der Bürger womöglich einen tiefenpsychologischen Zusammenhang mit den Attentaten des 11. September?

Der 11. September führte allerdings auch zu Afghanistan- und Irak-Krieg, die beide die politische Lage im Nahen und Mittleren Osten eher destabilisierten. Aber diese Destabilisierung hatte einen erstaunlichen Nebeneffekt: Weil die alten Ordnungssysteme der arabischen Welt aufbrachen, konnte der arabische Frühling schneller und heftiger die Herrschaftseliten ins Wanken bringen. Der „Krieg der Kulturen“ findet heute nicht als „neue Schlachtordnung des 21. Jahrhunderts“ statt, sondern eher als interner Konflikt in verarmten failed states wie Somalia, Nigeria oder Jemen. Neuerdings zeigen sich Elemente einer religiös-kulturellen Front auch in Syrien.

Das ist schlimm genug. Aber die Globalisierung wurde durch die Erschütterung des 11. September keineswegs gestoppt, im Gegenteil. Den größten Schaden des 11. September richtete womöglich die Angst selbst an – innerhalb der westlichen Kultur. Von den Anthrax-Anschlägen über die Militarisierung der amerikanischen Gesellschaft bis zur heutigen Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft in einen fundamentalistisch-christlichen und einen kosmopolitisch-liberal-europäischen Flügel. Dieser innere Riss könnte sich auf Dauer als Niedergangsmotor Amerikas erweisen.

Große Katastrophenereignisse sind Evolutionsbeschleuniger. Eine Entscheidung wird erzwungen: Entweder das System springt auf eine höhere Ebene der Komplexität. Oder die Ordnung stellt sich auf einer niedrigeren Ebene wieder her. Das gilt auch für die Eurokrise: Entweder Europa erhöht seine Integration. Oder das System Europa zerfällt wieder in konkurrierende Nationalstaaten. Das allerdings wäre ein klassischer X-Event.

Fragilität und Resilienz

John Casti nutzt zu Beginn seines Buches „Der plötzliche Kollaps von allem“ das Bild eines Kartenhauses für unsere moderne, weltumspannende Zivilisation. Wenn man auch nur eine Karte herauszieht, kollabiert das ganze Gebäude. Aber ist die Welt – die Gesellschaft, die Zivilisation, die Ökonomie – wirklich ein „Kartenhaus“?

X-Events entstehen, wenn überraschende Initial-Ereignisse sich kaskadenartig in den Systemen ausbreiten, die unsere technisch-globale Zivilisation entwickelt hat. Um X-Events zu verstehen – und zu prognostizieren –, müssen wir also zwei Dimensionen verstehen:

a) Wie wahrscheinlich ist ein überraschendes initiales Ereignis?

b) Wie resilient ist das System, in dem es sich katastrophisch ausbreiten kann, strukturiert?

In der Komplexitätsforschung spielen dabei drei Faktoren die Hauptrolle: Feedback,Variabilität und Robustheit.

  • Feedback-Schleifen führen dazu, dass die einzelnen Teile eines System miteinander kooperativ verbunden sind. Im Falle Europas lässt sich dieser Faktor an der Konsequenz ablesen, mit der Staatsausgaben bestraft oder verunmöglicht wurden – nämlich gar nicht. Es handelt sich bei der Eurokrise also nicht zuletzt um eine Feedback-Krise.
  • Variabilität benennt die Möglichkeit des Systems, verschiedene reaktive Optionen zu entwickeln und sich an veränderte Bedingungen anzupassen. Am Beispiel einer Firma: Wie schnell und differenziert kann ein Führungsteam eines Unternehmens Entscheidungen treffen, auf Herausforderungen reagieren, überhaupt verstehen, was in den Märkten passiert?
  • Robustheit beschreibt die eher „physikalischen“ Eigenschaften eines Systems gegenüber Umweltveränderungen. Wie groß sind die verfügbaren Ressourcen und Reserven im Störungsfall? In Flugzeugen hingegen wird Redundanz eingesetzt – mehrere hintereinander geschaltete Systeme können fatale Funktionsstörungen verhindern.

Alle diese Eigenschaften bilden in ihrer Summe die Resilienz eines Systems ab. Der Netzwerkforscher Duncan J. Watts spricht auch von „Ultrarobustheit“ von Systemen, die intelligent vernetzt sind. Gelänge es, Resilienz zu messen, ließe sich auch vorhersagen, wie stark ein Ein scheinbar perfektes System ist oft das fragilste auslösender Event sich als Kaskade in ein System „hineinfrisst“. Das Bild des Kartenhauses führt in die Irre. Die zivilisatorischen Systeme – Wirtschaft, das Kommunikationssystem, die Nahrungs-, Strom- oder Wasserversorgung – sind eben keine Maschinen. Wenn in einer Maschine ein Zahnrad fehlt, versagt sie. Wenn in einem Kartenhaus eine Karte fällt, fällt alles. Aber wenn das komplexe Konstrukt namens „Zivilisation“ eine Störung erfährt, reagiert es in vielerlei Hinsicht wie die Natur selbst, die Evolution, die immer einen Weg findet, um wieder ein (vorübergehendes) neues Gleichgewicht herzustellen.

Der Autor des Buches „Resilience“, Andrew Zolli, formulierte es so: „Ein scheinbar perfektes System ist oft das fragilste, während ein dynamisches System, das immer wieder versagt, das robusteste sein kann. Resilienz ist, wie das Leben selbst, unordentlich, unperfekt – und ineffizient. Aber sie überlebt!“ Fragile Robustheit. Robuste Fragilität. Die Debatte um den Weltuntergang kann, wenn wir sie richtig führen, eine Menge über die Zukunft und ihre Geheimnisse verraten. Sie bringt uns zur Reflexion über die Welt, in der wir leben – über das Wesen von Störung und Vernetzung, Fehlertoleranz und Planung, Evolution und Emergenz. Die wahren Gefahren für die Zukunft kommen am Ende immer von innen. Am Ende ist es die Angst selbst, die den eigentlichen X-Faktor darstellt. Wenn die Angst vor dem Weltuntergang alles überschwemmt, dann allerdings wird unsere Zivilisation untergehen. Die wirkliche wahre Gefahr für die Zukunft ist die Blödheit, die aus Hysterien entsteht.

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Matthias Horx

Der Gründer des Zukunftsinstituts gilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Matthias Horx ist profilierter Redner zu sozialen, technologischen, ökonomischen und politischen Trends.