Metatrends: Wie Komplexität entsteht

Wie lässt sich die Evolution von Komplexität beobachten? Eine neue Trend-Kategorie dient zur besseren Entschlüsselung der Zukunft. Ein gekürzter Auszug auf dem Zukunftsreport 2016.

Von Matthias Horx (12/2015)

In der Trendforschung wird mit vielen verschiedenen Arten von Trends gearbeitet, die ziemlich unscharf ineinander übergehen – und häufig sorglos bis fahrlässig miteinander verwechselt werden. Soziale Trends werden gerne mit Marketingtrends vermischt, Mikrotrends zu Hype-Trends aufgemotzt, und technische Trends gelten als eine Art Katechismus der Zukunft.

Die Kategorie der „Megatrends“ lässt sich vielleicht noch am leichtesten definieren und abgrenzen: Megatrends sind jene Veränderungsprozesse, die langfristig, nachhaltig und komplex die gesamte Welt verändern. Sie unterscheiden sich von anderen Trendarten deutlich dadurch, dass sie nicht auf ein Segment, eine Branche, eine Region oder ein einzelnes Thema – oder einen simplen Markt – beschränkt sind. Megatrends durchdringen alle gesellschaftlichen Bereiche, verändern Politik, Lebenswelten und Wertesysteme. Sie sind die Blockbuster des Wandels. Oder auch: „Lawinen in Zeitlupe“.

Was aber ist ein Metatrend?
Im Zukunftsinstitut definieren wir Metatrends im Rahmen eines dynamisch-evolutionären Zukunftsmodells. In dieser Sichtweise sind Metatrends Synthetisierungen oder Symbiosen von Paradoxien. Sie sind die (systemische) Lösung eines Widerspruchs zwischen Megatrend und Gegentrend.

Nehmen wir den Megatrend „Gender Shift“: Während überall auf der Welt die Bildung von Frauen zunimmt, verändern sich die geschlechtlichen Machtverhältnisse langsam, unter Rückschlägen. Frauen verdienen mehr, arbeiten mehr, sitzen in mehr Parlamenten. Auch in den Schwellen- und Armutsländern hat sich die Frauenbildung in den vergangenen Jahrzehnten massiv erhöht. Frauen verdienen in einigen Ländern fast so viel wie Männer, und das führt natürlich zu massiven Veränderungen, auch im Kauf-, Anlage- und Werteverhalten. Es beeinflusst die Arbeitswelt, Stichwort Work-Life-Balance, Flexibilisierung, kooperativer Führungsstil.

Nach den Gesetzen der Trend-Dynamik erzeugt jedoch jeder Trend einen Gegentrend. Die Gesellschaft funktioniert hier wie ein Drucksystem, das sich ausgleichen will. Der Megatrend Gender Shift führt zu einem Widerstand der Männer, die ihre Privilegien nicht aufgeben wollen. Aber führt das zu einer Re-Machoisierung? Wohl kaum. Der geradlinige, lineare Rückweg ist, wie immer in komplexen kulturellen Prozessen, versperrt. Die Tatsache, dass Frauen heute gebildeter, kompetenter, mutiger und selbstbewusster sind, lässt sich ja nicht aus dem Weg räumen, und alte Rollenmuster sind heute der Lächerlichkeit ausgesetzt.

An diesem Punkt entsteht Spannung im System: Konflikt, Streit, Turbulenz, Unsicherheit, Ambivalenz. Und nun gibt es zwei Möglichkeiten: entweder Dissipation – Trennung (um im Beispiel zu bleiben: Die Männer würden sich eine eigene männliche Parallelgesellschaft schaffen, die Frauen auf einen Frauenplaneten auswandern). Oder: Systemwandel, aber womöglich nicht in einer geradlinigen Richtung im Sinne der Totalfeminisierung. Sondern in einer Re-Kombination, die beide Impulse, Trend und Gegentrend, integriert.

Und genau das passiert: In der westlichen Welt entwickelt sich heute eher ein kulturelles Multi-Gender-System: Mit einer Vielzahl von geschlechtlichen Rollenangeboten, Lebens- und Kulturvarianten. Innerhalb dieses Spektrums ist auch Macho-Verhalten möglich, aber eben nur als eine Spielart unter vielen (und nicht mehr als dominantes Kulturmuster).

Man kann Metatrends auch als Störungen existierender Systeme begreifen: Der Vormarsch der Frauen stört das Männer-System, die Globalisierung stört nationale Ökonomien, der urbane Megatrend stört die bäuerlichen Lebensweisen. Auf diese Weise entsteht ein Problem, das sich in einem Dilemma ausdrückt. Aus Eindeutigkeit wird ein im Grunde unentscheidbares Entweder-oder. Zukunft – im Sinne eines innovativ funktionalen Systems – entsteht erst, wenn sich die Pole der Entwicklung, also Trend und Gegentrend, auf einer höheren Ebene auflösen. Sprich: Wenn sich höhere Ordnung und Komplexität entwickelt.

Wichtig ist zu verstehen, dass dieser Prozess nicht-deterministisch verläuft: Es kann tatsächlich zum Zerfall, zur Regression, zum Rückschritt kommen, wie auch viele Beispiele in den politischen und sozialen Geschehnissen der Gegenwart zeigen (oder das Beispiel Russland in der Gender-Frage). Eine Gesellschaft, die die Spannung zwischen alter und neuer, „gestörter“ Kultur nicht auflösen kann, stagniert im besten Falle in einer kulturellen Blockade – siehe Japan. Oder aber das System zerfällt (Krieg, Krise, Katastrophe, Separation). Es springt regressiv in Richtung auf geringere Komplexität. Was wir an Retribalisierung in den „Failed States“ der Erde erleben, ist genau das.

Die Zukunft entsteht nie linear. Sie ist das Ergebnis der gelungenen Synthetisierung dynamischer Ungleichgewichte. Megatrends erzeugen eine evolutionäre Schleifen- Bewegung. Und Metatrends sind die Ergebnisse dieser Rekursion. Im Hegel’schen Sinne verbinden sie These und Gegenthese zu einem neuen Ganzen. Sie integrieren das Polare und sind Ausformungen der Komplexitäts-Evolution. Drei Beispiele:

1. Metatrend Glokalisierung: Globalisierung <> Heimat

Die Globalisierung erzeugt einen Konflikt mit der humanen Identität. Das gilt sowohl auf kultureller wie auf wirtschaftlicher Ebene: Der zugehörige Retro-Trend ist die Sehnsucht der Menschen nach Heimat und Lokalität, nach Überschaubarkeit, Zuordnung und Besonderheit. Gleichzeitig wächst die Angst, in der Globalisierung die Kontrolle über die eigenen Lebensgrundlagen zu verlieren. Die ständig zunehmende „konnektive Geschwindigkeit“ – also die Verbundenheit von immer mehr Ländern, Wirtschaftsräumen, Individuen, Kulturen in medialer Echtzeit – erzeugt einen lokalen Trotzreflex. Wir können diese Tendenzen auf allen Trend-Ebenen wahrnehmen: im Dirndl- und Trachten-Trend, im Trend zu Bio-Regional-Lebensmitteln, im „Antikapitalismus“ – und auch in der Ausländerfeindlichkeit.

Die eine Zukunftsmöglichkeit ist nun der Zerfall globalisierter Räume in lauter Separatismen. Also das Ende und die Reversion der Globalisierung. Doch in komplexen Kulturen ist der Glokalismus eine viel attraktivere Variante. Warum kann man nicht beides kombinieren, im Sinne von „Laptop und Lederhose“? Vielleicht ist „Identität“ viel besser als Amalgam entwickelbar: als eine gesunde Mischung und (Re-)Kombination „weiter“ und „enger“ Erfahrungshorizonte? Aus dieser Dynamik speist sich der Trend zu kosmopolitischer Heimatliebe: Wir sprechen Englisch und Dialekt, wir denken planetar (ökologisch) und ortsverbunden. Wir reisen viel und erkennen umso besser, wo wir zuhause sind. Wir sind Glokalisten!

2. Metatrend Wir-Kultur:
Individualisierung <> Gemeinschafts-Sehnsucht

Das Wertesystem der globalisierten Wissensgesellschaft ist von Individualisierung und Hedonismus geprägt. Genusskultur und Eigen-Sinn sind die Wegweiser unserer Soziokultur. Aber je mehr wir uns individualisieren, desto größer wird das Bedürfnis nach Bindung und Wieder-Verbindung. Die Sehnsucht nach dem Wir ist niemals zu Ende, denn Menschen sind in ihrem Wesen empathisch und kooperativ.

Als Antwort auf die Dissoziationen des Individualismus entwickeln sich in den Städten neue Kooperationskulturen im Sinne eines empathischen Individualismus:

  • Co-Working: Gemeinsame Arbeitsbereiche und Areale für Kreative.
  • Co-Gardening: Urbanes Gärtnern und Kochen als neuer Fokus der Begegnung und Sozialisierung.
  • Co-Housing: „Neues Zusammenleben“ in professionalisierten Kommunen und genossenschaftlichen Siedlungen.

Gleichzeitig erleben wir die Renaissance von Clubs, Vereinen und Clan-Formen in den verschiedensten Abstufungen und Verbindlichkeitsgraden. Was früher die „Urban Tribes“ waren – Subkulturen, die sich oft an Kleidungs- und Musikstilen orientierten –, sind heute die (oft internetbasierten) Interessensgemeinschaften jeder Couleur, in denen neue kollektiv-kulturelle Sinnproduktionen stattfinden. Oft ist es soziales Engagement, das Menschen zusammenführt. Aber auch eine Vielzahl von geistigen und kulturellen Aktivitäten konstituiert sich heute als „Gemeinschaftswerk der Individualisten“.

3. Metatrend Blaue Ökologie:
Schuld-Ökologie <> Hedonismus

Blaue Ökologie
Shutteroo / / River View / CC0

Das Mem der Ökologie ist stark mit den Grundgefühl von Angst und Schuld verbunden, mit Katastrophen und dem Ende der Welt. Aber diese Assoziationen schaden auf Dauer der Ökologie. Denn das Gefühl, dass demnächst die große Mangelkatastrophe hereinbricht, führt zu einem Last-Minute-Rush-Verhalten: Bevor es zu spät ist, will man noch einmal in die Karibik fliegen oder den Ferrari kaufen. Das Knappheitstheorem führt auch dazu, dass gerade diejenigen, die für ökologische Gedanken empfänglich sind, also gebildete Mittelschichten, einem ständigen Legitimationsdruck ausgesetzt sind. Schuld macht unkreativ. Zynismus und Resignation sind die Folge. Schuldgefühle machen ökologische Themen und Designs „unsexy“, was die ökologische Wende stagnieren lässt.

Die Erde reicht nicht für alle, wir müssen verzichten, endlich „vernünftig“ werden und „den Gürtel enger schnallen“ – diesem Paradigma widerspricht eine neue Gruppe von ökologischen Modernisten, die in Natur und Technik keinen Widerspruch mehr sehen und das Knappheitsparadigma radikal in Frage stellen. Dazu gehören die Protagonisten der Cradle to Cradle-Bewegung, die alle stofflichen Produktionen in einen Hyper-Kreislauf einbinden – no waste, no worry. Dazu gehören auch die ökologischen Mittelschichts-Hedonisten, die ihr Konsumverhalten qualitativ verändern. Dazu gehören aber auch systemisch denkende Ingenieure, Wissenschaftler, Designer und Weltveränderer. Design Thinking wendet sich systematisch und mit großem Erfolg der Grünen Frage zu. Statt als Schuldbewältigung interpretieren wir die Zukunft des Planeten als Gestaltungs-Herausforderung.

Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Zukunftreport 2016.

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