Silver Dating: vernetzt statt einsam

Senioren, die einsam vor dem Fernseher sitzen, gehören bald der Vergangenheit an: Die neue Generation der jungen Alten trotzt dem Stigma der Alterseinsamkeit.

Von Rosalie von Boch (06/2016)

Foto: iStock / Jacob Ammentorp Lund

“Ich möchte euch meine Mutter, Eva, vorstellen. Sie ist Single und verdient einen guten Mann”: Mit diesen Worten beginnt Alex Lyngaas die außergewöhnliche Suche nach einem Freund für seine 69-jährige Mutter. Ein Jahr lang filmte er sie mit versteckter Kamera und veröffentlichte das Porträt auf Youtube. Innerhalb weniger Wochen war das Video viral – mittlerweile hat es mehr als 13 Millionen Klicks.

Das Video zeigt eindrucksvoll, dass Alter nicht den Rückzug aus dem Beziehungsleben bedeuten muss. Ganz im Gegenteil: Soziale Netzwerke, die auf die Bedürfnisse der neuen Freeager abgestimmt sind, haben Konjunktur. Laut der Online-Partnerbörse Friendscout24 sind von den rund eine Million Mitgliedern bereits 22 Prozent 50 Jahre oder älter. Damit hat sich in den vergangenen sieben Jahren der Anteil der über 50-jährigen Mitglieder versiebenfacht.


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Heute wird in Deutschland beinahe jede dritte Ehe geschieden, in Großstädten jede zweite. Immer mehr Menschen leben im Alter ohne Partner. Auch die unterschiedlichen Lebenserwartungen von Frauen und Männern haben Einfluss auf die Quote der Alleinlebenden. 2014 lebte beinahe die Hälfte aller Frauen im Alter von 75 bis 79 Jahren alleine (bei den Männern liegt die Quote unter 20 Prozent). Ruhestand, große geografische Distanzen zwischen Familienmitgliedern und abnehmende Mobilität verschärfen das Einsamkeitsrisiko älterer Menschen.

Doch das Stigma der sozialen Isolation, das dem Altersbild in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer anhaftet, entspricht schon heute nicht mehr der Realität: Die Gleichung “alt = einsam” geht im digitalen Zeitalter nicht mehr auf. Vom Smartphone bis zur U-Bahn – die meisten der Technologien, die unseren Alltag prägen, zielen darauf ab, Distanzen zu überwinden, Einsamkeitsgefühle zu vermeiden und Verbindungen zwischen Menschen zu schaffen. Die Alten der Zukunft wachsen bereits in dieser vernetzen Welt auf und werden auch mit 80 Jahren nicht mehr auf diese Technologien verzichten.

Alex Lyngaas’ Video über seine Mutter Eva zeigt: Auch die Kontaktnetze der jetzigen älteren Generationen haben sich ausgeweitet. Ein Grund dafür ist die fundamentale Veränderung der Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern. An die Stelle einer abgegrenzten patriarchalischen Beziehung tritt eine Kommunikation auf Augenhöhe. Die Generation 50+ nimmt, auch mit Hilfe ihrer Kinder, technologische Veränderungen auf und bleibt so in Kontakt mit dem sozialen Geschehen. Laut Statistischem Bundesamt nutzte 2015 fast die Hälfte aller Personen ab 65 Jahren das Internet. Auch die Online-Nutzung der über 50-Jährigen nimmt stark zu – und mit ihr eine Vielzahl neuer Möglichkeiten der sozialen Integration und Kontaktaufnahme.

Zwar ist die Online-Suche nach sozialen Kontakten – ob romantische Bekanntschaft, Sex-Date oder Gesellschaft für gemeinsame Aktivitäten – für viele Ältere noch fremdes Terrain, doch der langsam einsetzende Trend hin zum Lebensstil des technikaffinen Freeagers öffnet die Suche nach Gesellschaft auch für die älteren Generationen in Richtung Cyberspace.

So avancieren Online-Netzwerke im Rahmen des silbernen Proaktivismus zum sozialen Kontaktmittel. Plattformen wie Seniorbook in Deutschland oder Stitch in Australien bieten neben romantischen Bekanntschaften viele weitere Möglichkeiten, um sich mit anderen Senioren zu vernetzen: Reisepartner, Wandergruppen oder Kunst- und Kulturliebhaber finden sich hier zusammen und organisieren gemeinsame Freizeitaktivitäten. Die britische Variante Contact the Elderly fördert den aktiven nachbarschaftlichen Austausch durch die Organisation von Tea Times bei wechselnden Gastgebern – inklusive Fahrdienst.

All das belegt: Resignation stellt für die Generation 50+ keine Option mehr dar. Das gilt online wie offline. Sind die eigenen Kinder erwachsen und aus dem Haus, nutzen viele die Möglichkeit, anderweitig familiäre Kontakte aufzunehmen, zum Beispiel als Lesepaten in Kindergärten oder als Mitglieder in generationsübergreifenden Gartenprojekten. Andere engagieren sich als Leih-Oma oder -Opa und schaffen so eine Win-win-Situation: Kinder bieten den Alten einen neuen Familienanschluss, Abwechslung und halten sie fit; die berufstätigen Eltern dagegen bekommen so Arbeit und Kinder besser unter einen Hut.

In Zukunft wird sich das Stigma der einsamen Senioren endgültig verlieren. Die “neuen Alten” brechen mit der Beige-Fraktion und machen das “alte Eisen“ zum Auslaufmodell.

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