Status Schönheit: Unnatürlich natürlich

Mainstream-Schönheit hat als Statussymbol an Wert verloren, wir sehnen uns nach echten Menschen: Natürlichkeit erlebt ein Revival – als perfekt inszenierte Imperfektion.

Von Verena Muntschick (02/2016)

Free-Stock-Photo / Unsplash / Looking Cute Young / CC0

Schönheit ist käuflich geworden: Die perfekte Nase, der perfekte Mund, die perfekten Körpermaße – das zeitgeistabhängige Formideal kann sich heute fast jeder kaufen. Die Biologie kann den sozialen Vorgaben mittlerweile fast uneingeschränkt folgen. So kann aus einem Menschen eine lebende Barbie werden – Valeria Lukyanowa macht es vor. Der Körper ist der Schnelllebigkeit und Beliebigkeit der Mode unterworfen, und Schönheit nach Maß ist (auch medial) allgegenwärtig. Das kann kurzzeitig faszinierend sein, ist im Ganzen aber langweilig und mainstreamig: Je alltäglicher das übliche Schönheitsideal wird, desto schneller verliert es auch seinen Reiz.

Aus diesem Grund löst sich die Verknüpfung von Macht und Schönheit immer stärker auf. Künftig gibt es nicht mehr nur eines, sondern viele verschiedene Schönheitsideale, gültig innerhalb bestimmter Gruppierungen – und bis ins Unendliche diversifiziert. Eines dieser Ideal ist der rekursive Gegentrend zum schön operierten Körper: Natürlichkeit als neues Auszeichnungsmerkmal, das zu einem verbreiteten Statussymbol avanciert.

Dass inszenierte Natürlichkeit voll im Trend liegt, belegen zahlreiche Beispiele:

  • Der legendäre Pirelli-Kalender zeigt in der aktuellen Ausgabe mollige, alte und angezogene Frauen statt nackter Idealfiguren, inszeniert von Starfotografin Annie Leibovitz.
  • Der Kosmetikkonzern Dove war mit der "Real Beauty"-Kampagne und Produktlinien wie Pro Age Pionier einer Bewegung, die inzwischen im Mainstream angekommen ist.
  • Sängerin Adele wird als natürliche Erscheinung gefeiert, die trotz fehlender Idealmaße mit ihrer Gesamtausstrahlung Eindruck macht.
  • In der Modeindustrie brachte H&M mit "Close the loop" den Touch von Natürlichkeit und Authentizität ins Markenimage. Esprit zog mit #ImPerfekt nach, und auch &other Stories setzt auf authentische, unvollkommene Aufnahmen, die nicht durch Photoshop geschönt werden.

Wer allerdings glaubt, jetzt könne man sich jetzt endlich gehen lassen, irrt gewaltig. Im Gegenteil: Auf diese Weise als "natürlich" aufzufallen und Anerkennung zu finden, erfordert viel Anstrengung und Übung. Die neue Natürlichkeit ist nur vermeintlich natürlich, sie will gehegt und gepflegt, kultiviert und inszeniert werden. Sie ist so authentisch wie die die romantischen Landidyll-Hipster, über die echte Landbewohner nur lachen können.

Alle neuen Darstellungen von "natürlicher Schönheit" haben einen gemeinsamen Nenner: Sie sind gekennzeichnet durch kleine Imperfektionen, Brüche und Abweichungen – die die geltende Norm nicht infrage stellen. So entsprechen Adeles Gesichtszüge typischen Modelmaßen, die Frauen der Dove-Kampagne verfügen über geschickt kuratierte Makel, die ihre sonstige Attraktivität geradezu unterstreichen, und auch die Unvollkommenheit im Pirelli-Kalendar ist perfekt inszeniert. Es gilt das Zahnlückenprinzip von Madonna: wohlinszenierte Abweichungen vom gängigen Schönheitsideal machen dieses erst interessant.

Andere Kreise haben das Natürlichkeitsparadigma längst hinter sich gelassen und treiben die Body Modification ins Extrem: Wo alles möglich ist, werden auch alle Möglichkeiten des "Hardware-Tunings" ausgereizt. Das mag in seinen konkreten Ausführungen absurd erscheinen, wie etwa das Tatöwieren der Augäpfel oder das Body Cutting (Narben-Tätowierungen) – ist aber konsequent, wenn man sich von der Mainstream-Kultur abgrenzen und in der Subgruppe auszeichnen möchte.

Als Darstellungsressource und Deutungsobjekt wird der Körper seinen sozialen Zeichencharakter, seine soziale Statussymbolik, auch künftig nicht verlieren. Durch seine nahezu grenzenlose Formbarkeit rückt er sogar stärker denn je ins Zentrum der Selbstdarstellung – und bringt eine Diversität an Schablonen hervor, die der Vielfalt der gesellschaftlichen Lebensstile entspricht.

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